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Thorsten Saal ist Bereichsleiter Mathematik & Rating bei Morgen & Morgen. © Morgen & Morgen
  • Von Oliver Lepold
  • 01.07.2024 um 14:30
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lesedauer Lesedauer: ca. 03:05 Min

Was zeichnet eine valide Arbeitskraftabsicherung aus? Das kommt nicht nur auf den Versicherer, sondern vor allem auf den Kunden an, meint Thorsten Saal. Der Bereichsleiter Mathematik & Rating beim Analysehaus Morgen & Morgen klärt im Pfefferminzia-Interview auf.

Pfefferminzia: In welchem Alter wird in Deutschland eine BU im Durchschnitt abgeschlossen? 

Thorsten Saal: Es wird immer niedriger. Vor 20 bis 25 Jahren wurde eine BU zum Start ins Berufsleben oder auch erst ein paar Jahre später abgeschlossen. BU-Versicherte waren bei Abschluss nicht selten um die 30 Jahre alt. Das hat sich immer stärker verjüngt. Wir sehen ein großes Spektrum zwischen 20 und 35 Jahren, aber gerade in den letzten Jahren hat der Anteil der Unter-25-Jährigen deutlich zugenommen. Heute können Schüler schon ab sechs Jahren abgesichert werden, was die Eltern auch nutzen.

Welche Produktkriterien sind aus Ihrer Sicht für eine hochwertige BU-Versicherung maßgeblich? 

Saal: Bei uns spielen viele Komponenten eine Rolle. Wir gehen über das reine Bedingungsrating hinaus. Die Bedingungen, auf deren Basis die Prüfung im Leistungsfall erfolgt, haben aber die höchste Gewichtung. Wir analysieren das Bedingungswerk des Versicherers genau und fragen: Wann wird eine Leistung fällig? Was muss erfüllt sein? Wie sieht die Leistung aus? Wie lang muss gegebenenfalls die Dauer der Berufsunfähigkeit sein? Wann kann auf eine andere Tätigkeit verwiesen werden? Wie sieht es bei Selbstständigen aus? Und mit Nachversicherungsoptionen? Denn der Absicherungsbedarf wächst natürlich mit höherem Alter.

Welche weiteren Komponenten gehen in das Rating ein? 

Saal: Das Thema Antragsfragen und die Gesundheitsprüfung, also welche gesundheitlichen Fragen gestellt werden. Dann natürlich die Beitragsstabilität, wie wahrscheinlich sind Beitragserhöhungen? Wir analysieren Bilanzkennzahlen und Solvency-Quoten. Zur Kompetenz zählt auch, was der Versicherer für Erfahrung hat und wie er aufgestellt ist bei Antragstellung und Leistungsfällen. Wie viele Leute arbeiten in der Antragspolicierung, wie viele Leute hat er in der Leistungsfallpolicierung? Setzt der Versicherer starkes Augenmerk auf die Berufsunfähigkeit oder ist es eher ein Nischengeschäft für ihn? Passt das Controlling, die Kalkulation? Hier haben wir extrem viele Daten des kompletten BU-Markts. 

Wie schnell können sich Ratings ändern?

Saal: Das M+M-Rating ist standardmäßig für ein Jahr gültig. Bei veränderten Bedingungen, zum Beispiel erweiterte Einschlüsse, reagieren wir indes sehr zeitnah zum Erscheinen eines neuen Tarifs. Wenn wir die Marktgegebenheiten analysieren und verantwortungsbewusst definieren, was ein ausgezeichneter Tarif ist oder ein ausgezeichnetes Unternehmen, dann soll das Bestand haben. Unsere Ratingkriterien sind damit verlässlich und nachhaltig. Um für alle Marktteilnehmer eine verlässliche Orientierung zu bieten, legen wir daher die Messlatte für eine ausgezeichnete Bewertung nicht jedes Jahr höher.  

Wie kommt es zu Anpassungen bei der Prüfkriterien? 

Saal: Anpassungen leiten wir bei Bedarf aus sich wandelnden Bedürfnissen des Kundenmarkts ab. Es ist nicht unser Ziel, den Wettbewerb künstlich zu schüren, die Preise in die Höhe zu treiben und am Ende die Produkte für Verbraucherinnen und Verbraucher unzugänglich zu machen. Neue oder verbesserte Bedingungen müssen vom Markt getrieben sein. In den meisten Fällen verbessert sich übrigens das Bedingungswerk im Vergleich zum Vorgänger-Tarif, denn der Bedingungswettbewerb ist sehr groß in Deutschland. Beispiele für maßgebliche Änderungen in der BU-Branche sind die Aufnahme von Infektionsklauseln, die Anerkennung einer längeren Arbeitsunfähigkeit als Leistungsauslöser oder eine spezielle Regelung für Teilzeitbeschäftigte. 

Gibt es Ihrer Ansicht nach wichtige Entscheidungskriterien, die in Online-Vergleichern häufig unter den Tisch fallen? 

Saal: Wir haben rund 70 Kriterien, die BU ist ein sehr komplexes Thema und ein Vertrag, der sehr langfristig abgeschlossen wird. Nicht jeder Kunde hat die gleichen wichtigen Kriterien. So hat bei einem Selbstständigen die Umorganisation eine große Relevanz. Bei einem Beamten muss womöglich eine Dienstunfähigkeitsversicherung geprüft werden und bei jungen Menschen sind die Nachversicherungsoptionen sehr wichtig. Daher raten wir immer zu einem Berater, der diese Kriterien prüft. Allein auf Vergleichsrechner oder ein Rating stützen sollten Kunden ihre Entscheidung nicht. Außerdem muss sich der Kunde den Tarif auch leisten können. In vielen Fällen ist es sinnvoller, an den Leistungen Abstriche vorzunehmen und dafür eine höhere Absicherung zu erreichen. Wir unterstützen Vermittlerinnen und Vermittler mit unseren Ratings und Analysen und ergänzen damit eine qualifizierte Beratung. 

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Oliver Lepold

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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