Redakteur Andreas Harms: „Viel hilft viel. Ist doch klar.“ © Pfefferminzia
  • Von Andreas Harms
  • 01.07.2024 um 11:38
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Noch mehr Einzeltitel, noch mehr Einzeltitel! Für Verbraucherschützer können Aktienfonds, speziell ETFs, gar nicht breit genug gestreut sein. Die Zahl der Einzelpositionen geht dann gut und gern mal in die Tausende. Doch dieser Trend bringt nichts und versperrt vor allem den Blick auf viel wichtigere Dinge, wie Redakteur Andreas Harms in seinem Kommentar schildert.

Viel hilft viel. Ist doch klar. Oder kennen Sie das etwa nicht? Wenn Sie Husten haben, trinken Sie ganz besonders viel Hustensaft. Hauen Sie noch mehr und noch mehr Dünger aufs Beet, werden Ihre Möhren noch viel größer. Direkt proportional zur Menge des Düngers. Und wenn die Wäsche wirklich sauber werden soll, kippen Sie noch mehr Waschmittel in die Kammer! Richtig viel! Auch wenn die Maschine anschließend überschäumt. Viel hilft nun mal viel.

Oder eben auch nicht.

Wenn ich Verbraucherschützer, aber auch Investmenthäuser höre, denke ich manchmal an diesen Drang nach diesem ganz besonders Vielen. Nämlich wenn es um die Frage geht, wie breit ein Investmentfonds, speziell ein Exchange Traded Fund (ETF) gestreut sein muss. Oder auch „diversifiziert“, wie es die Fondsbranche in ihrer unnachahmlich umständlichen Art auszudrücken pflegt.

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Denn offenbar hat sich dort das oben erwähnte Motto ebenfalls durchgesetzt: Noch breiter streuen! Noch mehr Aktien in den Fonds! 1.700 Titel im MSCI World? Ach, was! Nehmt doch lieber den MSCI All Country-World oder den FTSE All-World! Da sind 3.000 oder sogar 4.000 Aktien drin.

Spätestens jetzt sollten wir unseren Verstand und vor allem unser Augenmaß einmal einschalten. Selbst wenn alle Aktien gleichgewichtet wären (was sie aber nicht sind), würde jeder der 4.000 Titel mit nur 0,025 Prozent ins Gewicht fallen. Sogar der Begriff Spurenelement wirkt dafür maßlos übertrieben.

Beim „Sampling“-ETF bleiben ohnehin viele Aktien außen vor

Zudem ist es gar nicht gesagt, dass alle diese Titel auch wirklich in den zugehörigen ETFs auftauchen. „Sampling“ nennt man diese absolut übliche Nachbaumethode, bei der die ETF-Häuser alle allzu spurigen Spurenelemente schlicht weglassen. Alles andere wäre zu teuer und umständlich. Über komplizierte Berechnungen mit Gleich- und Gegenlauf (Korrelation) einzelner Aktien konzentrieren sie sich auf das Wesentliche und lassen ihre Fonds trotzdem mit den Indizes mitlaufen.

Ein Beispiel: Der MSCI All Countries World Index (MSCI ACWI) besteht eigentlich aus 2.837 Aktien (Stand: 31. Mai 2024). Der dazu passende iShares MSCI ACWI Ucits ETF (ISIN: IE00B6R52259) von Blackrock enthält in seinem Portfolio aber nur etwa 1.700 Aktien. Und er folgt dem Index trotzdem ziemlich genau.

Noch ein Beispiel: Auf den FTSE All-World Index sind in Deutschland zwei ETFs zugelassen, einer von Vanguard und einer von Invesco. Keiner von beiden enthält die rund 4.300 Indextitel. Der Vanguard-Fonds (IE00B3RBWM25) beschränkt sich auf 3.700 und kostet dabei 0,22 Prozent pro Jahr. Der Invesco-Fonds (IE000716YHJ7) enthält sogar nur 2.400 Titel, liegt aber gebührentechnisch niedriger (0,15 Prozent).

Manche Indizes sind zu gering gestreut

In den Neunzigern lernten wir noch die These, dass bereits ab 20 Titeln das einzelne unternehmerische Risiko weggestreut ist. Das finde ich aus heutiger Sicht etwas zu mutig. Deshalb hatte ich mich zum Beispiel sehr gefreut, dass der Dax endlich von 30 auf 40 Titel wuchs. Und ich finde auch die 50 Mitglieder aus dem Stoxx Europe 50 ein bisschen zu wenig, um den europäischen Aktienmarkt wirklich zu repräsentieren. Ganz klar. Aber der Stoxx Europe 600 reicht zum Beispiel schon locker aus. Das Einzelwertrisiko ist dann „wegdiversifiziert“, wie es so schön heißt. Übrig bleibt das Marktrisiko, und das kriegt man auch mit 10.000 Titeln nicht weg.

Viel wichtiger als die reine Zahl der Titel sind die Kräfteverhältnisse im Index. Nun gibt es in der Anlegerwelt viele USA-Freunde, und auch ich finde den US-Aktienmarkt für eine globale Geldanlage wichtig. Aber müssen die Sportsfreunde hinter dem Atlantik in einem sogenannten Weltindex wie dem MSCI World gleich über 70 Prozent ausmachen? Und Schwellenländer sind dagegen gar nicht enthalten.

Auch All-Country-ETFs bestehen hauptsächlich aus den USA

Übrigens bestehen sogar die von der Verbraucherzentrale angepriesenen und ach so breit gestreuten MSCI All Country-World- und FTSE All-World-ETFs zu je mehr als 60 Prozent aus den USA. Da nützt auch das Höher-schneller-weiter-Prinzip mit tausenden von Aktien nichts: Es bleibt ein Klumpen.

Lassen wir uns also nicht von der reinen Zahl der Titel blenden. Es ist auch nicht schlimm, wenn es ein paar Tausend sind. Aber sie bringen ab einer gewissen Stufe (die Geschmackssache ist) keinen Mehrwert mehr. Achten wir stattdessen auf gut verteilte Länder, Regionen und Branchen und seien wir dafür mit mehreren hundert Aktien zufrieden.

Die reichen dicke.

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Andreas Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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