Eine alte Frau durchsucht Mülleimer: Im Jahr 2018 war das Grundsicherungsniveau in der Rentenversicherung erst nach rund 27 Jahren erreicht. © picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
  • Von Juliana Demski
  • 30.06.2020 um 08:31
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Menschen hierzulande müssen für immer weniger Rente immer länger arbeiten. Wie eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergeben hat, mussten die Bürger 2018 rund 27 Jahre ackern, um ein Ruhegehalt in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. In Zukunft dürfte diese Zahl weiter wachsen. Das DIW befürchtet daher, dass die Rentenkasse so auf ein „Legitimationsproblem“ hinsteuert.

Im Jahr 2018 musste ein Durchschnittsverdiener hierzulande 27,4 Jahre arbeiten, um im Ruhestand auf eine gesetzliche Rente in Höhe der Grundsicherung kommen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor, für welche die Autoren auch Simulationsrechnungen für die Zukunft erstellten. Sie sagen: Sollte die Politik nichts verändern, wird die sogenannte Mindestbeitragszeit bis 2045 immer weiter zunehmen.

Die tatsächliche Entwicklung hänge aber insbesondere von den Wohnkosten ab, die bei der Berechnung der Grundsicherung und damit für den Abstand zur gesetzlichen Rente eine große Rolle spielten, so die Studienautoren. Dort, wo die Wohnkosten schon jetzt hoch seien und noch weiter steigen dürften – etwa in großen Städten und Ballungszentren –, werde die Mindestbeitragszeit zur Vermeidung von Grundsicherung im Alter wohl noch stärker steigen als andernorts.

„Besonders in großen Städten lebende Menschen mit unterdurchschnittlichen Gehältern müssen länger in die Rentenversicherung einzahlen, um später mehr rauszubekommen als eine Rente auf Grundsicherungsniveau“, sagt Johannes Geyer, stellvertretender Leiter der Abteilung Staat am DIW Berlin. „Wenn die Politik nicht sicherstellt, dass Menschen, die viele Jahre erwerbstätig waren und Beiträge geleistet haben, eine Rente deutlich über dem Existenzminimum erhalten, könnte die Rentenversicherung ein Legitimationsproblem bekommen.“

Haltelinie bremst bei Mindestbeitragszeit erstmal

Gemeinsam mit Hermann Buslei, Anna Hammerschmid und Mia Teschner aus der Abteilung Staat des DIW Berlin hat Johannes Geyer die Mindestbeitragszeiten einer durchschnittlich verdienenden Person für eine Rente auf dem durchschnittlichen Grundsicherungsniveau berechnet. In seinem Modell blickte er 25 Jahre in die Zukunft.

Laut der Simulationsrechnung wird die Mindestbeitragszeit zunächst bis 2025 um knapp ein Jahr fallen. Neben Lohnsteigerungen, die sich auch in höheren Rentensteigerungen niederschlagen, sei dafür vor allem die sogenannte Haltelinie verantwortlich. Diese sorge dafür, dass das Rentenniveau bis Mitte dieses Jahrzehnts nicht unter 48 Prozent fällt. Das bedeutet: Mit dem Wegfall der Haltelinie werde der Rentenwert ab 2025 unter den getroffenen Annahmen langsamer steigen als der Grundsicherungsbedarf – das liege auch an den dann zunehmenden Renteneintritten der sogenannten Babyboomer-Jahrgänge.

Folglich steige also auch die Mindestbeitragszeit – bis zum Jahr 2038 auf mehr als 28 Jahre, heißt es in der DIW-Rechnung. Danach dürfte sie aufgrund wieder höherer Rentenanpassungen voraussichtlich leicht zurückgehen, allerdings würde sie weiterhin über der heutigen liegen. Das Ausmaß der Corona-Krise haben die DIW-Experten bisher nicht berücksichtigt.

Studienautoren sehen Handlungsbedarf der Politik

Laut dem DIW muss die Politik zeitnah etwas verändern. Den Studienautoren zufolge könnte „Geringverdienenden bis zu einer bestimmten Einkommensschwelle mehr Rentenpunkte zugesprochen werden als Gutverdienenden.“ Zudem könnten „für einzelne Gruppen von Nichterwerbstätigen Rentenansprüche über steuerfinanzierte Beiträge entstehen.“ Ebenso käme für die DIW-Experten eine „Stabilisierung des Rentenniveaus“ in Betracht – allerdings verbunden mit „einem höheren Finanzierungsbedarf, da hierdurch die Leistungen für alle Versicherten erhöht würden.“

Von der Grundrente in ihrer derzeit geplanten Form hält das DIW indes nichts – diese adressiere das Problem „nicht systematisch“. Ein Grund hierfür sei, dass Personen unterhalb der Mindestversicherungsdauer gar nicht davon profitierten. Und: „Die geplante Einkommensprüfung für die Bewilligung des Zuschlags ist nicht nur aufwendig, sie vermischt auch Elemente des Versicherungs- und des Fürsorgesystems. Letztlich erhält nur ein kleiner Kreis von Versicherten meist überschaubare Zuschläge.“

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Juliana Demski

Juliana Demski ist Werksstudentin bei Pfefferminzia und unterstützt die Redaktion in der täglichen Berichterstattung.

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