Wahrscheinlich haben die meisten von uns das als Kind einmal in einem Kaufhaus oder in der U-Bahn ausprobiert: eine Rolltreppe hoch zu laufen, die nach unten fährt. Das war ein schwieriges Vorhaben, weil man selbst bei schnellem Laufen kaum vom Fleck kam und wenn man stehen blieb, dann wurde man mit jeder Sekunde Erholung Meter um Meter wieder abwärts gefahren.
Altersvorsorge in Deutschland gleicht aktuell vielfach einem solchen Unterfangen – nur hat der vorsorgende Sparer bildlich keine Wand wie im Kaufhaus vor sich, die ihm als Referenzpunkt dient. Er merkt es daher gar nicht, wenn er mit seinem Vorsorgeprodukten rückwärtsfährt. Im Gegenteil: Seine jährliche Zinsgutschrift ist in der Regel (noch) positiv. Auch wenn es nur 20 oder 50 Euro sind, so ist das Geld doch optisch mehr geworden.
Dass die Inflation in der gleichen Zeit jedoch möglicherweise dafür gesorgt hat, dass sich der Sparer deutlich weniger Waren und Dienstleistungen kaufen kann, als er durch Zinsen gewonnen hat, bemerkt er vielleicht erst gar nicht. Gerade in Zeiten, in denen Heizöl oder eine Tankfüllung temporär günstiger sind als sonst, scheint für ihn alles in bester Ordnung zu sein. Das ist es aber vielfach nicht.
Bleiben wir beim Rolltreppen-Beispiel und schauen uns die Laufrichtung der verschiedenen Vorsorge-Produkte an. Die gute Nachricht vorweg: Das Niedrigzinsumfeld stellt Altersvorsorgesparer zwar vor große Herausforderungen – mit der Wahl der richtigen Rolltreppe kann man aber doch am selbst gesteckten Ziel ankommen.
Sparbücher & Banksparpläne
Diese Vorsorgeform wird gerne von Verbraucherschützern empfohlen. Sie ist risikoarm und der Sparer kann zu keinem Zeitpunkt Geld verlieren, denn es wird ja jedes Jahr ein Zins gutgeschrieben – so die Begründung. Aber stimmt diese Aussage heute überhaupt noch? Nominal wird das Geld nicht weniger auf dem Konto. Aber was die reale Kaufkraft angeht, ist hier das Gegenteil der Fall.
Sparbuch und Co. sind zwar rein optisch risikoarm und geben ein gutes Gefühl in der Magengegend. Dank Zinsen nahe der Nulllinie verpassen Anleger jedoch die Chance auf eine nach Abzug der Inflationsrate positive Rendite.
Fazit: Aktuell die Produkt-Kategorie, bei denen die Rolltreppe mit höchster Geschwindigkeit rückwärts saust.
Bausparverträge
Hier zeigt sich im Prinzip das gleiche Bild wie bei den Sparbüchern. Der Mann im Maschinenraum unserer imaginären Rolltreppenzentrale hat auf „volle Kraft zurück“ geschaltet. Die Basiszinsen dieser Produkte bewegen sich fast vollständig bei oder unter einem Prozent und eventuelle Bonuszinsen bei einigen wenigen Angeboten sind ebenfalls im freien Fall. Natürlich „kauft“ sich der Bausparer dadurch einen niedrigen Darlehenszins – sofern er dann tatsächlich beim Anbieter des Bausparvertrages finanziert, was aber regelmäßig nicht der Fall ist.
Fazit: Der Sparer hat über all die Jahre ein schlecht verzinstes Sparbuch und nicht nur nichts gewonnen, sondern jede Menge Zeit und Kaufkraft verloren.
Lebensversicherungen
Dieser Klassiker unter den Vorsorgeprodukten hat gleich zwei Maschinisten, die an der Laufgeschwindigkeit und -richtung unseres Vorsorgetransportmittels drehen.
Maschinist 1: Zentralbank
Auch bei den Lebensversicherungen müssen sich Sparer mit Mini-Zinsen abfinden, denn diese Produkte legen primär in Staatsanleihen an. Vorteil dieser Produkte ist, dass die Versicherer in der Regel lang laufende Anleihen kaufen und – wenn möglich – halten. So haben die Anbieter teilweise noch höher verzinste Anleihen aus den 80ern oder 90ern im Bestand, die den Kunden zugutekommen.
Nachteil ist, dass eben diese Versicherer heute lang laufende extrem niedrig verzinste Anleihen vom deutschen Staat kaufen. Die Gesamtverzinsung, die klassische Versicherungsprodukte heute noch zeigen können, wird also über Jahrzehnte weiter sinken, selbst wenn sich die Zinsen bald wieder erholen sollten.
Maschinist 2: Aufsicht
Die europäischen Versicherungsaufseher sorgen dafür, dass ab 2016 die Risiken der Versicherer mit mehr Eigenkapital unterlegt werden müssen. In der Kapitalanlage ist die Welt der Aufseher hier sehr simpel: Europäische Staatsanleihen gelten als risikofrei, erfordern also 0 Euro Eigenkapital.
Aktien gelten als hoch riskant und müssen mit sehr viel Eigenkapital unterlegt werden. Letzteres aber ist so knapp, dass sich viele Versicherer schlicht keine Aktieninvestments mehr leisten können und umso stärker auf mager verzinste Anleihen setzen müssen.
Fazit: Der Geschwindigkeitsregler wird immer stärker auf „volle Kraft zurück“ gedreht.
Immobilien
Ja, niedrige Zinsen können auch Spaß machen. Wer je den Wunsch hatte zu bauen, der tut es jetzt. Baugeld ist so billig wie noch nie und die Kreditbelastung auf dem Haus oder der Wohnung denkbar gering. So lässt sich jetzt möglicherweise endlich das eigene Traumhaus realisieren. Ob das Eigenheim allerdings als Geldanlage fürs Alter taugt, ist fraglich.
Fakt ist: Familien, die Einfamilienhäuser kaufen wollen, werden eher weniger in Deutschland. Ältere Menschen, die barrierefrei und mit guter Infrastruktur und Nahverkehrsanbindung wohnen wollen, dagegen mehr. Inwieweit Mietpreisbremsen und andere staatliche Interventionen Marktpreise beeinflussen, steht ebenfalls in den Sternen. Nachteil: Wer eine Immobilie kauft, bindet viel – oder sogar das gesamte – Kapital der Familie in einer einzigen Anlage, an einem Flecken auf der Welt. Wenn das gutgeht, kann der Ruhestand gerne etwas früher kommen. Läuft es schlecht, dann steht der Rentner von morgen gleich vor einem richtig großen Problem.
Die Alternative zum direkten Immobilienkauf: Offene Immobilienfonds. Mit relativ kleinem Einsatz können Anleger sich an unterschiedlichen Immobilien beteiligen und so Risiken geschickt streuen. Ausgewählte offene Immobilienfonds bieten attraktive Renditechancen oberhalb der Inflationsrate – bei vergleichsweise geringen Schwankungen.
Fazit: Die Richtung stimmt, wenngleich man hier dauerhaft keine sehr hohe Rendite jenseits der Inflation erwarten sollte.
Investmentfonds und Fondspolicen
Hier haben wir eine Anlageform, bei der die Richtung und die Geschwindigkeit der Rolltreppe zumindest bei den aktienlastigen Fonds stimmen. Ob ich mich wohler damit fühle, einen Fondssparplan zu eröffnen oder eine Fondspolice, die gleich noch biometrische Risiken wie den Todesfall oder Berufsunfähigkeit absichert, ist Geschmackssache. Hauptsache, das Produkt ist kostengünstig und eröffnet die Möglichkeit, aktienorientiert und breit gestreut zu sparen.
Leider haben aber gerade diese Formen der Geldanlage bei deutschen Anlegern nicht besonders hoch im Kurs gestanden. Stattdessen nahmen Anleger lieber die gefühlte Sicherheit von Sparbuch, Bausparvertrag, Lebensversicherung und Co. in Anspruch – getreu dem Motto: Lieber schleichend verarmt, aber gut gefühlt. Dabei haben es gute dividendenorientierte Aktienfonds auch in Krisenjahren geschafft, mehr als 3 Prozent Dividende auszuschütten, manchmal sogar mehr als 4 Prozent. Hinzu kamen eventuell noch Wertzuwächse der Aktien selbst.
Ja, diese Anlage schwankt. Schwankungen nach oben machen Spaß, Schwankungen nach unten eher nicht. Aber wenn man einen Zins von unter einem Prozent gegen eine Dividende von 3 Prozent eintauschen kann, ist das nicht hinreichend Schmerzensgeld, um auch mal das eine oder andere schlechte Jahr auszusitzen? Zumal es ja auch reichlich Möglichkeiten gibt, stresshemmende Fonds auszuwählen, die dem eigenen Geschmack entsprechen. Multi-Asset-Fonds, die neben Aktien auf weitere Anlageklassen setzen, haben bewiesen, dass sie Schwankungen auch in turbulenten Märkten reduzieren können und trotzdem noch eine ordentliche Rendite abwerfen.
Fazit: Langfristig stimmt die Richtung. Daher geht kein Weg an aktienlastigen Produkten vorbei.
Was heißt das für Vorsorgesparer? Was im Kindesalter noch Spaß bereitet, kann im Alter ungewünschte Folgen haben. Wer sich auf die falsche Rolltreppe begibt, hat das Nachsehen. Ein schöner Lebensabend mit Reisen, Kultur und Hobbys wird dann deutlich später beginnen oder eben weniger üppig beziehungsweise vollständig ausfallen.
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