Zum Thema Pflege diskutierten Jens Willwand, Vertriebsverantwortlicher im Maklervertrieb der Inter; Rudolf Bönsch, Aktuar und Leiter des Geschäftsbereichs Pflege beim Münchener Verein; Gerhard Schuhmacher, Versicherungsberater und 1. Vorsitzender der Caritas-Sozialstation St. Johannes; Karsten Junghans, Geschäftsführer der Seniorenbetreuung und Pflegeberatung Vivacus Care; Jürgen Rurak, Geschäftsführer der Düsseldorfer Agentur und Vertriebsgesellschaft (DAVG), einer Tochter der Vigo Krankenversicherung und Norbert Lamers, Geschäftsführer des Bildungsdienstleisters Perspectivum, mit Matthias Heß und Karen Schmidt, beide Pfefferminzia.

Pfefferminzia: Die Pflegestärkungsgesetze haben die gesetzliche Pflegeversicherung neu geordnet. Durch den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff bekommen viele Menschen jetzt eher Zugang zu den gesetzlichen Leistungen. Wiegt der Gesetzgeber den Verbraucher dadurch in Sicherheit, nach dem Motto: Jetzt ist alles nachhaltig aufgestellt, Du brauchst nicht mehr vorzusorgen?

Karsten Junghans, Vivacus Care: In der Lebenswirklichkeit vieler Menschen ist die Pflegereform gar nicht angekommen. Wir haben in den vergangenen drei Jahren mehr als 1.000 Pflegefälle begleitet – 50 Prozent der Menschen schöpfen noch nicht mal die ihnen zustehenden finanziellen Leistungen der gesetzlichen Pflegekassen aus. Weil sie einfach nicht darüber Bescheid wissen, dass es diese Leistungen gibt. Da verfallen Millionenbeträge! Wenn dort eine vernünftige Aufklärung stattfinden würde – wie man Pflege organisiert, welche Förderung der Staat bereitstellt, welche Pflegeleistungen wieviel kosten –, dann würden die Verbraucher einen Bedarf an Mehrleistungen entwickeln. Und dann wäre der nächste Schritt, eine private Pflegeversicherung abzuschließen, die diese Mehrleistungen finanziell abdeckt und wertvolle Assistance-Leistungen bietet.

Rudolf Bönsch, Münchener Verein: Durch Mechanismen wie den sogenannten Doppelsprung kann es schon sein, dass den Menschen suggeriert wird, es sei nun alles besser. Doppelsprung bedeutet, dass man Menschen, die schon demenziell erkrankt waren, im Zuge der Reform nochmal um einen Grad höher gestuft hat. So viel Geld werden pflegebedürftige Demenzerkrankte aus dem System nie mehr bekommen wie durch diesen Schritt. Aber die Reform hat nicht alles besser gemacht, und es wird jetzt auch nicht plötzlich alles bezahlt. Dafür sind die Menschen jetzt aber noch stärker verunsichert, weil sie das neue System erstmal verstehen müssen. Das ist kompliziert und die Menschen wollen sich damit nicht befassen. Dieses Dilemma muss man lösen. Und da sind wir ganz schnell beim Thema Entbürokratisierung der Pflege. Es gibt 143 verschiedene Verordnungsformulare, um Windeln zu bestellen. Das mal als Beispiel. Wenn man diese Bürokratie abschaffen würde, hätte man noch mindestens ein Drittel Luft bei den Kosten.

Gerhard Schuhmacher, Caritas-Sozialstation St. Johannes: Die derzeitige Situation ist vor allem nicht vergleichbar mit dem, was noch kommen wird. Durch den demografischen Wandel und neue Lebenswelten wird es mehr ältere Menschen geben, die später mal alleine leben. Daher muss man das Thema Pflege mit der ganzen Familie besprechen, und nicht nur mit einer Einzelperson. Spätestens mit 60 Jahren sollte geplant sein, was passieren soll und kann, wenn der Pflegefall eintritt.

Jens Willwand, Inter: Das Thema Pflege ist so wichtig für alle Bundesbürger. Aber es wird nichts gemacht. Nehmen wir mal den Ansatz, innerhalb der Familie zu beraten: Die ältere Generation ist wegen ihrer Risiken oft nicht mehr in der Lage, ein privates Produkt abzuschließen. Die mittlere Generation fragt sich: Wieso soll ich das jetzt machen? Und für die ganz junge Generation ist das Thema noch viel zu weit weg. Die gesetzliche Pflegeversicherung ist daher ein ganz wichtiger Baustein. Und je mehr Politiker wie Jens Spahn da über Änderungen und Förderung sprechen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt das Ganze. Und das ist dann wiederum positiv für die private Versicherungswirtschaft.

Bönsch: Was ich da aber für eine ganz gefährliche Diskussion halte, ist die über das Pflegepersonal. Herr Spahn tut ja so, als wäre es so einfach, mal eben 13.000 Pflegefachkräfte aus dem Hut zu zaubern. Ist es aber nicht. Jetzt verkaufen wir dem Verbraucher private Produkte, damit er sich Pflegeleistungen einkaufen kann, und dann gibt es später keine Menschen, die diese Dienstleistungen anbieten. Für mich liegt da die ganz große Gefahr einer echten Zweiklassengesellschaft, die blauäugig übersehen wird. Dass also irgendwann mal derjenige, der dem Pflegedienst 5 Euro die Stunde mehr bezahlen kann, gepflegt wird und weniger gut Betuchte eben nicht.

Jürgen Rurak, Vigo Krankenversicherung: Die Pflegereform war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Man wollte die ambulante Pflege stärken, das ist auch zum Teil gelungen. Das Problem für die Versicherungen und auch die Bevölkerung ist, dass suggeriert wird, man müsse sich jetzt keine Sorgen mehr machen. Man hat den Pflege-Beitrag zwar erhöhen müssen, aber der ist bis 2020 erstmal sicher. Relevant für den Einzelnen ist die Machbarkeit der jeweils gewünschten Pflegeart. Wir haben nicht mehr die Familienverhältnisse wie früher: Die Kinder leben in Hamburg, die Großeltern in Bayern und die Eltern vielleicht im Ausland. Man ist verstreut und kann sich nicht mal eben helfen. Im Pflegeheim kommen immense Kosten auf einen zu, die man selber tragen muss. Und das wird im Moment verschwiegen. Das System müsste man nach dem Säulenprinzip aufbauen: Es gibt die gesetzliche Pflegeversicherung, die private Zusatzversicherung und eventuell noch eine dritte Säule in Form einer betrieblichen Pflegeversicherung. Das wäre ein Modell mit Zukunft.  

Schuhmacher: Genau das Modell habe ich mit Andrea Nahles, als sie damals noch Bundesarbeitsministerin war, besprochen. Das sei zu kompliziert, den Versicherern gehe es doch sowieso nur ums Geschäft und den Vermittlern um die Provision, kam dabei als Antwort. Vielleicht hätte man heute mit ihrem Nachfolger Hubertus Heil mehr Glück. Eine steuerliche Begünstigung der Pflege wäre sehr sinnvoll, nur müsste auch sichergestellt sein, dass die Verbraucher auf ihre Pflegerente keine Steuern zahlen müssen. Denn sie müssen ja damit entsprechende Kosten decken.