Jan Berger ist Geschäftsführer der Denkfabrik 2b Ahead. © 2b Ahead
  • Von Karen Schmidt
  • 02.10.2019 um 01:34, aktualisiert am 02.10.2019 um 01:42
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Wie werden der demografische Wandel und die Digitalisierung die Krankenversicherung verändern? Darüber sprachen wir mit Jan Berger, Geschäftsführer der Denkfabrik 2b Ahead. Sein Fazit in aller Kürze: Es wird dramatisch.

Pfefferminzia: Wie wird sich der Gesundheitsmarkt in Deutschland in Zukunft angesichts des digitalen Wandels verändern?
Jan Berger: Der Gesundheitsmarkt in Deutschland unterliegt gleich zwei dramatischen Veränderungen. Die eine ist sicher der digitale Wandel. Die grundlegendere ist die Demographie. Kernbestandteil des deutschen Gesundheitsmarkts sind seit über hundert Jahren die Krankenversicherungen. Als dieses System geschaffen wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland bei 35 bis 38 Jahren. Heute liegt das Durchschnittsalter bei über 42 Jahren. Und Kinder, die heute geboren werden, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit 100 Jahre und älter. Gentherapien, die Alterungsprozesse in unseren Zellen verlangsamen, stoppen oder sogar reversibel machen, werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf den Markt kommen.

Also, wie leben wir so lange wie möglich gesund? An dieser Frage setzt insbesondere bei den Kassen, aber auch in der Pharmaindustrie und vielen anderen Gesundheitsbereichen ein Umdenken ein, das zu einer Abkehr von reiner Versorgung hin zur Prävention führt. Als das System der Krankenkassen in Deutschland geschaffen wurden, bestand ihr Ziel darin, ein erkranktes oder verletztes Mitglied so schnell wie möglich so gesund wie möglich zu machen. Das hieß in der Regel, den Menschen wieder arbeitsfähig zu machen. Von wirklicher Gesundheit konnte da keine Rede sein. Die Erkenntnis reift, dass es gesellschaftlich und wirtschaftlich verantwortlicher ist, uns Menschen gesund zu halten und Krankheiten zu vermeiden als viele Jahre Leiden mit teurer Medikation und aufwändigen Therapien zu lindern.

Was bewirkt der digitale Wandel?
Eine Ausdehnung des Begriffs Gesundheit. Früher war ich „gesund“, solange meine Ärztin mich nicht „krank“ schrieb. Die vielen Daten, die wir heute über den physischen und mentalen Zustand von Menschen erheben, führen dazu, dass ich je nach Tagesform nur zu 70, 80 oder 90 Prozent gesund bin. Wo fängt Gesundheit an? Ist es beim Essen, das ich zu mir nehme, hängt sie von der Matratze ab, auf der ich schlafe, gesundet mein Körper, wenn ich wandere oder schwimme, fühle ich mich nicht sogar gesund, wenn ich mit meinen Kindern herumtobe oder ihnen einfach nur dabei zuschaue? Jedes Smartphone ist in der Lage, diese Zustände in messbaren Größen auszudrücken. Und viele Menschen haben begonnen, diese Assistenten zu nutzen, um bewusster mit ihrer eigenen Gesundheit umzugehen. Sie sind informierter. Und damit entsteht ein gigantischer Gesundheitsmarkt, der weit über Leistungen hinausgeht, die der klassische Gesundheits- oder Versorgungsmarkt bisher angeboten hat. Das Wesentliche an diesem neuen Markt ist, dass er von Menschen genutzt wird, um auf sich angepasste individuelle Leistungen zu beziehen. Sie wenden sich zunehmend von Standardangeboten ab.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Krankenversicherung? Muss sie sich neu erfinden?
Ja, das muss sie. Demographischer Wandel und informierte Menschen greifen die Grundlagen dessen an, wie das Solidarprinzip vor über 100 Jahren aufgebaut wurde und im Wesen heute noch existiert. Werden wir alle 100 Jahre alt, kämpfen aber ab Mitte 40 mit altersbedingten Krankheiten und Verschleiß-Erscheinungen an unserem Körper, sind Krankenkassen gezwungen, Leistungen für zwei Drittel oder mehr ihrer Kundschaft zu erbringen, die durch weniger als ein Drittel ihrer Mitglieder finanziert wird. Ein solches System ist nicht lebensfähig. Und besonders gesundheitsbewusste Menschen fragen aus ihrem Blickwinkel, warum sie in der Solidargemeinschaft die Behandlungen von Menschen mittragen müssen, die fahrlässig mit ihrer Gesundheit umgehen. Wir mögen solch eine Einstellung als egoistisch empfinden. Allein: sie existiert und wir müssen mit ihr umgehen. Wie also sieht ein modernes Solidarprinzip aus, das heute schon zukünftige Entwicklungen mit in Betracht zieht? Diesen Dialog werden Krankenversicherungen – auch die privaten – mit ihren Kunden und mit der Gesellschaft suchen. Für meinen Geschmack passiert da noch zu wenig. Und natürlich müssen private Krankenversicherer den richtigen digitalen Ton treffen.

Das heißt?
Ist es sinnvoll, neben eintausend existierenden Plattformen noch die 1.001. zu erstellen? Oder ist es nicht sinnvoller, sich in hunderte Ökosysteme einzubringen – nämlich dort, wo die Mitglieder schon sind? Sollte ein Krankenversicherer nicht auch die jährliche Genomsequenzierung eines gesunden Mitglieds bezahlen im Austausch gegen die Daten, die diese Analyse mit sich bringt, um dann passgenaue Gesundheitsangebote für individuelle Mitglieder zu stricken? Das wird einige abschrecken, und andere Kunden werden sich über dieses Angebot freuen. In einem solchen Fall ist der Anbieter aber nicht mehr vordergründig die Zahlstelle für erbrachte Leistungen, sondern ein Wegbegleiter eines gesunden Lebens – gewissermaßen ein Gesundheitslotse. Und aus einer solchen Mission erwächst dann auch für die privaten Krankenversicherer die Aufgabe, sich fortwährend Gedanken über die Vielzahl von Gesundheitsdienstleistungen Gedanken zu machen und ein Netzwerk zu Anbietern herzustellen, die über heutige Leistungen weit hinausgehen.

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Karen

Karen Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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