Carsten Zielke ist Gründer und Geschäftsführer von Zielke Research Consult. © Zielke Research Consult
  • Von René Weihrauch
  • 27.10.2020 um 10:29
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lesedauer Lesedauer: ca. 02:50 Min

Dass Deutschland bislang relativ gut durch die Corona-Krise gekommen ist, liegt auch an unserem dual aufgestellten Gesundheitssystem. Welche Rolle das Zusammenwirken von GKV und PKV in der Pandemie spielt, erklärt Versicherungsökonom und Gründer von Zielke Research Consult, Carsten Zielke.

Pfefferminzia: Sowohl in den USA mit ihrem privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem als auch in Großbritannien mit weitgehend staatlichem System waren die bisherigen Corona-Folgen im Vergleich zu Deutschland verheerend. Gibt es bei der Pandemiebekämpfung entscheidende Vorteile, die unser duales System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung bietet? 

Carsten Zielke: Eindeutig ja. Die gute Ausstattung unserer Krankenhäuser mit der sehr hohen Zahl an Intensivbetten hat dazu geführt, dass Deutschland bei Covid-19-Erkrankungen mit die niedrigste Todesfallrate weltweit hat. Das wiederum ist auch unserem teils staatlich, teils privat organisierten Gesundheitssystem zu verdanken. 

Warum ist das so? 

Beide Systeme, GKV und PKV, haben ein Interesse daran, Kunden zu gewinnen, sie stehen in Konkurrenz zueinander. Private Versicherungsunternehmen müssen bessere Leistungen anbieten, um Kunden zu locken. Damit treiben sie aber auch gleichzeitig Innovationen in den gesetzlichen Kassen voran. Ohne diese Konkurrenzsituation wären die Leistungen in der GKV nicht auf ihrem heutigen Niveau. PKV und GKV wirken also wechselseitig als Innovationstreiber. Eine Folge davon ist die hervorragende Ausstattung mit Intensivbetten. Nirgendwo in der Welt ist die Bettendichte höher als bei uns – was übrigens überproportional von Privatpatienten finanziert wird. PKV-Versicherte decken im Schnitt 22 Prozent der Grundkosten eines Krankenhauses.  

In Ihrer Versicherungsstudie 2020 warnen Sie allerdings: „Das Schlimmste liegt noch vor uns.“ Gilt das vornehmlich für die Lebensversicherung oder auch für die Krankenversicherung? 

Hauptsächlich für Lebensversicherer – etwa, wenn Kunden in hoher Zahl aus wirtschaftlicher Not ihre Verträge kündigen. Wenn Kunden Einkommenseinbußen haben und unter die Beitragsbemessungsgrenze rutschen oder gar ihren Job verlieren, können das aber auch die Krankenversicherungen zu spüren bekommen. 

Welchen Herausforderungen muss sich die PKV in Zukunft unabhängig von Corona stellen? 

Eine der größten Herausforderungen betrifft die Kapitalanlagestrategie. Aufgrund regulatorischer Vorgaben – Stichwort: Solvency II – haben Versicherungsunternehmen hauptsächlich in festverzinsliche Wertpapiere und Unternehmensanleihen investiert. Bei anhaltend niedrigen Zinsen und der wirtschaftlich schwierigen Situation vieler Unternehmen sinken die Erträge, was wiederum Beitragsanpassungen zur Folge hat. Deshalb muss es möglich werden, die Aktienquoten deutlich zu erhöhen. Hier ist die Politik gefordert, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.  

Eine zweite große Herausforderung sehe ich im Thema Nachhaltigkeit. Mehr und mehr Kunden schauen genau hin, wie nachhaltig Anlagekonzepte von Versicherungen und anderen Unternehmen sind, bevor sie einen Vertrag unterschreiben. Darauf müssen sich PKV-Unternehmen einstellen. Dass die private Krankenversicherung als kapitalgedecktes System mit der richtigen Anlagestrategie nicht nur Erträge erzielen, sondern auch Gutes tun kann, ist ein Argument, mit dem Makler in Zukunft bei Kunden punkten können. 

Ihre Kollegen von Morgen & Morgen haben der privaten Krankenversicherung kürzlich bescheinigt, dass sich der PKV-Markt als stabil erweise. Teilen Sie diese Einschätzung? 

Er ist stabil, ja – vor allem deshalb, weil hier Beiträge angepasst werden können. Auch sind die Solvenzquoten in der PKV höher. Die Lage ist also sicher nicht vergleichbar mit der schwierigen Situation bei der Lebensversicherung. Eine Herausforderung sehe ich im Neugeschäft. Die Zahl der Vollversicherungen gibt ebenfalls Anlass zu Sorge. Eine weitere Gefahr liegt in der Alterung des Kundenbestands. 

Was muss getan werden? 

Es braucht ein klares Bekenntnis der Politik zum dualen Gesundheitssystem. Auch wäre es sinnvoll und fair, den Wechsel in die private Krankenversicherung für alle zu erleichtern, etwa durch eine Senkung der Beitragsbemessungsgrenze. Momentan ist die PKV vor allem etwas für die gehobene Mittelschicht. Mit einem erleichterten Zugang könnte sie noch wesentlich effizienter werden. Jetzt in der Corona-Zeit erleben wir in der Wirtschaft aber eher das Gegenteil von einer Stärkung des privaten Sektors, nämlich massive Eingriffe des Staates. Das sollte sich auf keinen Fall auf den Gesundheitsbereich ausdehnen. Wir dürfen den Glauben an den Markt nicht verlieren. Das wichtigste ist der Konkurrenzgedanke, auch im Gesundheitswesen. Das hat Corona ganz klar bewiesen. 

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René

René Weihrauch

René Weihrauch arbeitet seit 35 Jahren als Journalist. Einer seiner Schwerpunkte sind Finanz- und Verbraucherthemen. Neben Pfefferminzia schreibt er für mehrere bundesweit erscheinende Zeitschriften und international tätige Medienagenturen.

kommentare
Jean F Magrit
Vor 1 Woche

Ganz ehrlich, so wie meine PKV derzeit versucht, geschuldete Leistungen zu verweigern bzw. zu erschweren bin ich der Meinung, daß duale System gehört abgeschafft. Zumindest sollte wie bei der GKV jederzeit ein Wechsel des PKV-Versicherers unter Mitnahme der Altersrückstellungen möglich sein, um wirklichen Wettbewerb zu gewährleisten.

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Jean F Magrit
Vor 1 Woche

Ganz ehrlich, so wie meine PKV derzeit versucht, geschuldete Leistungen zu verweigern bzw. zu erschweren bin ich der Meinung, daß duale System gehört abgeschafft. Zumindest sollte wie bei der GKV jederzeit ein Wechsel des PKV-Versicherers unter Mitnahme der Altersrückstellungen möglich sein, um wirklichen Wettbewerb zu gewährleisten.

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