Rainer M. Jacobus © Ideal
  • Von Lorenz Klein
  • 20.12.2021 um 09:06
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„Der Koalitionsvertrag, so wie er jetzt vorliegt, hält keine ganz bittere Medizin für uns bereit“, sagt Rainer M. Jacobus, Chef der Ideal Versicherung, im Interview mit Pfefferminzia. Allerdings kommt ihm bei manchen Ampel-Plänen „das Laufen über den See Genezareth“ in den Sinn. Was Jacobus damit meint, wie er die Lage der Lebensversicherung einschätzt und wie er über die Personalie Karl Lauterbach denkt, erfahren Sie hier.

Das nachfolgende Interview ist eine geringfügig redigierte Verschriftlichung des Podcast-Interviews mit Rainer M. Jacobus, Vorstandsvorsitzender der Ideal Versicherung. Zum Nachhören geht es hier zur Ausgabe von „Die Woche – der Pfefferminzia Podcast für Versicherungshelden“.

Pfefferminzia: Die Ideal wird ihren Kunden in der Lebensversicherung im Jahr 2022 eine laufende Verzinsung von unverändert 3,0 Prozent auf den Sparanteil gutschreiben. 2021 bildete Ihr Unternehmen mit diesen Konditionen die Spitze des Marktes. Werden Sie 2022 die Spitzenposition verteidigen können?

Rainer M. Jacobus: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Mitbewerber ihre Deklarationen aus dem letzten Jahr beibehalten werden, so dass wir mit der Drei vor dem Komma vermutlich wieder die Nummer Eins im Markt sein werden. (…)

Pfefferminzia: Sie führen einen Versicherer, der seinen Sitz in Berlin hat – insofern sind Sie durchaus nah dran am politischen Geschehen in der Hauptstadt. Vor einigen Jahren sagten Sie auf dem Podium der DKM sinngemäß, dass Sie es sich „abgewöhnt“ hätten darauf zu hoffen, dass die Politik ein tieferes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Versicherungswirtschaft entwickelt und danach ihr Handeln ausrichtet. So funktioniere Politik nicht. Mussten Sie sich also gewissermaßen die Augen reiben als Sie sich den Koalitionsvertrag der Ampel durchlasen – der es ja offenbar mit der Versicherungs- und Vermittlerbranche besser zu meinen scheint als es die Pessimisten erwartet hätten?

Jacobus: Mit der Erwartungshaltung ist das so eine Sache – es kommt immer drauf an, von wo man kommt. Es gibt diesen berühmten Spruch: Wenn man das Beste will, muss man sich aufs Schlimmste vorbereiten. Aber ich gebe Ihnen Recht: Der Koalitionsvertrag, so wie er jetzt vorliegt, hält keine ganz bittere Medizin für uns bereit: Ich gehe mal davon aus, dass der Provisionsdeckel vom Tisch ist, von dem ich schon immer gesagt habe, dass er wettbewerbsfeindlich ist – und Wettbewerb ist ja eigentlich das verbraucherfreundlichste, was man überhaupt machen kann. Da scheint es eine gewisse Einsicht gegeben zu haben. Ich bin allerdings, was die Pläne zur Umgestaltung der Altersvorsorge angehen, eher skeptisch, weil da der Optativ gepflegt wird, also die Wunschform. Ich möchte nur darauf verweisen, dass in der letzten Legislaturperiode, die dringend notwendige Reform der Riester-Rente am Widerstand der SPD gescheitert ist – und der kommende Bundeskanzler und Noch-Finanzminister Scholz (Anm. d. Red.: Das Gespräch wurde am 7. Dezember geführt) auch noch durch die Absenkung des Höchstrechnungszinses, die relativ überraschend kam, praktisch die Riester-Rente verunmöglicht hat.

Da ist noch eine Menge Arbeit zu tun. Ich sehe den Koalitionsvertrag an der Ecke nicht so optimistisch, wie es einige Kollegen tun. Ich würde auch vorschlagen, dass man erstmal in die konkreten Umsetzungsschritte geht. Wir bieten zwar die Riester Rente nicht an, aber die Frage ist doch: Wenn von drei Koalitionspartnern zwei aus dem linken Lager kommen, die ein tiefverwurzeltes Misstrauen gegen alle Formen der privaten und betrieblichen Altersvorsorge hegen – ob da für uns viel Gutes bei herauskommt? Man setzt bei der SPD und auch bei den Grünen sowohl im Bereich der Lebens- als auch im Bereich der Krankenversicherung eher auf einen Ausbau der gesetzlichen Vorsorge – und dann muss man mal abwarten, wie das aussehen soll. An der Frage, wie man ein neues Förderprodukt ausgestaltet, wie man praktisch die dritte Säule der Altersversorgung neugestaltet, daran haben sich ja die letzten beiden Koalitionen auch schon die Zähne ausgebissen – also ganz einfach ist das nicht.

Die Aufsicht auf die Finanz- und Versicherungsvermittler komplett auf die Bafin zu verlagern – auch das scheint vom Tisch zu sein. Dieser Idee konnte ich nie etwas Gutes abgewinnen, weil ich der Auffassung bin, dass das Aufsichtsniveau, das mit den Industrie- und Handelskammern erreicht ist, durchaus ausreicht und Missbrauchsfälle eher selten sind.

Pfefferminzia: Haben sie eine Meinung dazu, dass Karl Lauterbach überraschenderweise doch noch Gesundheitsminister geworden ist?

Wir sind mit Krankenversicherungsthemen nur am Rande befasst – über die Pflege. Zunächst einmal bin ich ein großer Fan davon, zu sagen: Die Regierung hat einhundert Tage Zeit und jeder Minister auch. Als aufmerksamer Beobachter der politischen Szene habe ich es aber für einen Fehler gehalten, dass er (Lauterbach) Änderungen am Versorgungsniveau der gesetzlichen Krankenversicherung von vornherein ausgeschlossen hat. Das war der erste Fehler. Wir werden uns in den nächsten zwei Legislaturperioden massiv mit den Folgen des demografischen Wandels auseinandersetzen müssen. Wir haben die Situation, dass in den nächsten 15 Jahren die Babyboomer von der einen Seite der demografischen Wippe, also von der Seite der Beitragszahlenden, tendenziell eher auf die andere Seite der demographischen Wippe wechselt. Gleichzeitig – und das betrifft alle sozialen Sicherungssysteme – gibt es noch andere Faktoren, die auf die sozialen Sicherungssysteme wirken. Zum Beispiel das Thema Lohn-Preis-Spirale in der Pandemie, wenn man sagt, man möchte die Pflegekräfte – wofür ich jedes Verständnis habe – besser bezahlen als bisher. Aber eine Beschränkung der Ausgabenseite von vornherein a priori auszuschließen und gleichzeitig zu sagen, dass nicht mehr als 40 Prozent des Bundeshaushaltes über Zuschüsse in die gesetzlichen sozialen Sicherungssysteme hineingepumpt werden sollen? Das erscheint mir ein bisschen so zu sein, wie das Laufen über den See Genezareth. Übers Wasser laufen kann auch keiner. Ich bin davon überzeugt, dass man in spätestens drei Jahren – beim Haushalt 2025/2026 – mit Sicherheit darüber nachdenken muss, wie diese 40-Prozent-Grenze eingehalten werden kann. Auf der anderen Seite kann man ja auch nicht – wenn man unsere Wirtschaft nicht abwürgen will – die Sozialabgaben ad infinitum steigen lassen. Also das ist eine sehr schwere Aufgabe. (…)

Wir müssen auch mal irgendwann in unserem Gemeinwesen wieder darüber nachdenken, wie wir zum Grundprinzip der Subsidiarität zurückfinden, wonach die erste helfende Hand immer die eigene sein muss – das vermisse ich da ein bisschen.

Pfefferminzia: „Übers Wasser laufen kann keiner“, haben Sie gesagt – und das bringt uns fast schon zum Thema Garantien in der Altersvorsorge. Denn die sind im Neugeschäft spätestens mit der Absenkung des Höchstrechnungszins von 0,9 auf 0,25 Prozent zum neuen Jahr kaum noch darstellbar. Manche Experten sind daher der Meinung, dass es für die Lebensversicherung in Zukunft nur noch „zu einer Spielart des Asset-Managements“ reichen wird. Ketzerisch gefragt: Steht die Lebensversicherung vor einem gigantischen Bedeutungsverlust?  

Die Antwort von Rainer M. Jacobus auf diese Frage, können Sie hier im Podcast ab Minute 13:50 nachhören.  

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Lorenz

Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit Oktober 2016 an.

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