Stets angriffslustig, wie hier im Jahr 2018: Die britische Boulevard-Zeitung „Daily Mail“ hat sich jüngst am Vorgehen des Versicherers Hiscox in der Corona-Krise abgearbeitet. © dpa
  • Von Lorenz Klein
  • 21.04.2020 um 11:05
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Wenn es drauf ankommt, lassen dich die Versicherer im Regen stehen – dieses Vorurteil bekommt derzeit vor allem in Großbritannien neue Nahrung. Dort sieht sich der Versicherer Hiscox einem Shitstorm ausgesetzt, weil er einem prominenten Gastronomen Leistungen aus der Betriebsunterbrechungspolice verweigert.

In Deutschland wird derzeit rege über die Rolle der Versicherer in der Corona-Krise berichtet – Stichwort: Betriebsschließungsversicherung. Doch auch in Großbritannien schlägt das Thema hohe Wellen.

Vor allem der Versicherer Hiscox steht auf der Insel in der Kritik. Wie das Portal „Versicherungswirtschaft heute“ berichtet, soll Hiscox vor der coronabedingten Schließung von Geschäften und Restaurants im Vereinigten Königreich Policen abgeschlossen haben, die bei „meldepflichtigen Erkrankungen“ greife.

Als schließlich infolge des britischen Lockdown die Schadenmeldungen folgten, wurden diese abgelehnt, weil „Pandemien nicht eingeschlossen“ sein, schreibt „VW heute“ unter Berufung auf einen „Guardian“-Bericht. Eine Gruppe von Brokern und Schadenregulierern bereitet demnach aktuell Klagen gegen einige der „größten britischen Versicherungsgruppen“ vor, wie es heißt.

Doch nicht nur der seriöse „Guardian“ hat sich dem Thema angenommen, sondern auch britische Boulevardmedien, wie etwa die „Daily Mail“ – ein Revolverblatt, dessen Schlagzeieln gestandenen „Bild“-Redakteuren bisweilen die Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte.

„TV-Koch Raymond Blanc zieht in den Krieg gegen Versicherer Hiscox“ tönt es auf der Website der „Daily Mail“. Hiscox weigere sich zu zahlen, nachdem Blanc 37 seiner Pubs und Restaurants mit insgesamt 1.400 Mitarbeitern schließen musste – obwohl Blanc nach eigenen Angaben über eine Betriebsunterbrechungsversicherung (business interruption insurance) verfüge. Die Police decke auch „Schäden, verursacht durch eine ansteckende Krankheit“ ab, meint Blanc und beruft sich auf die Versicherungsbedingungen.

Streit ums Wording

Am 15. April veröffentlichte Hiscox ein Statement, um sich stellvertretend für viele andere Fälle zu rechtfertigen – darin heißt es im Wortlaut:

„Hiscox’s core policy wordings do not provide cover for business interruption as a result of the general measures taken by the UK government in response to a pandemic“.

Im Klartext: Betriebsunterbrechungen, die aufgrund der aktuellen Allgemeinverfügungen der britischen Regierung veranlasst wurden, sind demnach nicht versichert.

Und weiter: „Hiscox believes its business interruption exposure to COVID-19 is limited in Europe and it has negligible exposure in its US retail business. “ Frei übersetzt: Die Corona-Pandemie würde Hiscox kaum negativ treffen. Das mag aus versicherungstechnischer Sicht so sein, was allerdings gerichtlich noch zu klären wäre – doch darum schert sich die öffentliche Meinung nicht. Denn zumindest die Leser der Boulevard-Presse haben ihr Urteil „im Namen des Volkes“, wenn man so will, schon längst gefällt:

„I hope he wins this case. Insurance companies are disgusting, they are quick to take the money – but pay back when you entitled they won’t. Best luck to you man..“, schreibt ein Kommentator unterhalb des „Daily Mail“-Beitrags – das ist der am positivsten bewertete Kommentar unter den mehr als 1.000 Leser-Einlassungen zu diesem Thema. 3.414 Nutzer stimmen der Aussage von den „widerlichen Versicherungsunternehmen“ zu, nur 77 halten dagegen.

Shitstorm mit britischem Humor

Ein anderer Kommentator übt sich in typisch britischem Humor: „Now wait for the Act of God clause to be used by the insurance company.“ Man solle also nicht überrascht sein, wenn sich ein Versicherer demnächst auf die ein „Akt-Gottes-Klausel“ beruft, um nicht zahlen zu müssen, so die sarkastische Kritik, für die es 1.056 zustimmende grüne Pfeile und nur 17 rote Pfeile gibt.

Schon klar, dieses „Dampf ablassen in der Gossip-Presse hat wahrlich nicht die Güte einer repräsentativen Umfrage. Und dennoch: Der vielleicht weitaus größere Schaden für Hiscox, nämlich der nicht direkt zu beziffernde Image-Schaden, könnte bereits angerichtet sein – und das war jetzt nur der Blick in die Onlineausgabe der „Daily Mail“. Wobei diese immerhin satte 16,5 Millionen Facebook-Likes ihr Eigen nennen kann. Das Zeug wird also gelesen.   

Hiscox will Wogen glätten

In einem weiteren Statement, aus dem die „DM“ zitiert, ist ein Hiscox-Sprecher dann auch um Schadensbegrenzung bemüht: Man verstehe, dass diese Zeiten unglaublich schwer seien für Gewerbetreibende und man reguliere fair und zügig, sofern Deckungen bestünden, so der Sprecher. Man prüfe jeden Fall individuell und man ermutige Kunden, sich bei Problemen direkt an Hiscox zu wenden.

Britische Finanzaufsicht hält zu Versicherern

Rückendeckung erhalten Hiscox und Co. indes von der britischen Finanzaufsicht. Denn anders als die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat sich die Financial Conduct Authority (FCA) beim Streit-Thema Versicherungsschutz bei Betriebsschließung/Betriebsunterbrechung bereits auf die Seite der Versicherer geschlagen. In einem offenen Brief an die „Insurance Chief Executives“ der Versicherer habe die FCA „aktuell erklärt, dass die meisten Klagenden ,nicht den richtigen‘ Schutz besitzen, um für eine Entschädigung in Frage zu kommen“, berichtet „VW heute“.

Die Behörde verlasse sich demnach bei ihrer Aussage auf die Angaben der Versicherer, heißt es im Bericht. „Basierend auf unseren Gesprächen mit der Branche ist unsere Erkenntnis, dass die meisten Absicherungen keinen Pandemieschutz enthalten und daher nicht für Auszahlungen wegen Covid-19 in Frage kommen“, wird FCA’s Interim Chief Executive, Christopher Woolard, zitiert. Das letzte Wort dürfte damit aber nicht gesprochen sein.

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Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit Oktober 2016 an.

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