Selbstversuch am Steuer Das ernüchternde Telematik-Experiment eines Maklers

Ein Schild weist im April 2015 beim Qualifikationsrennen für das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring auf ein Tempolimit von 200km/h hin, das in bestimmten Streckenabschnitten gilt. Grund für die Beschränkung war ein schwerer Unfall zwei Wochen zuvor. Für Hobby-Rennfahrer sind Telematik-Tarife eher ungeeignet.
Ein Schild weist im April 2015 beim Qualifikationsrennen für das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring auf ein Tempolimit von 200km/h hin, das in bestimmten Streckenabschnitten gilt. Grund für die Beschränkung war ein schwerer Unfall zwei Wochen zuvor. Für Hobby-Rennfahrer sind Telematik-Tarife eher ungeeignet. © dpa/picture alliance

Die Kfz-Versicherer bewerben ihre Telematik-Tarife mit einer Prämienersparnis von bis zu 30 Prozent. „Vollmundig“ nennt das der langjährige Versicherungsmakler Hubert Gierhartz. Wie realitätsnah die Ankündigungen der Branche sind, wollte er selbst herausfinden – hier berichtet der Versicherungsexperte über den Ausgang seines Selbstversuchs.

| , aktualisiert am 18.10.2018 09:36  Drucken

Wenn die Äpfel von den Bäumen fallen und sich die Blätter bunt färben, beginnt sie – die heiße Phase in der Kfz-Versicherung, die bekanntlich bis zum Stichtag 30. November währt. Und natürlich wirbt die Branche auch in diesem Jahr wieder mit riesigen Prämienersparnissen und den unterschiedlichsten Tarifen – darunter auch mit sogenannten Telematik-Tarifen.

Deren Besonderheit ist, dass hierbei das Fahrverhalten des Versicherten eingehend unter die Lupe genommen wird. Ergeben die Messdaten eine sichere Fahrweise wird dies mit einem niedrigeren Beitrag oder einen Rabatt belohnt. Wird eine riskante Fahrweise im Sinne des Versicherers ermittelt, rückt der Rabatt in kilometerweite Entfernung oder der Beitrag wird raufgesetzt.

Soweit die Theorie. Nun kann man sich aber eigentlich nur zu dem Thema äußern, wenn man einmal selbst einen Telematik-Tarif getestet hat. Das habe ich getan. (Auch wenn mir wohl bewusst ist, dass ich als ehemals selbstständiger Versicherungsmakler nicht mehr zur jungen Kernzielgruppe gehöre). Aber genug der Vorrede.

Hier nun die nüchterne Erkenntnis:

Wird das Fahrzeug im beruflichen Alltag, also wenn viel Betrieb auf den Straßen herrscht, regelmäßig genutzt, werden aus den 30 Prozent Ersparnis sofort nur noch circa 20 Prozent. Das heißt, das Fahrzeug darf nur an Sonn- und Feiertagen oder nur zu bestimmten Uhrzeiten genutzt werden, um die 30 Prozent zu erreichen. Ist das realistisch?

Natürlich muss sich der Telematik-Fahrer exakt an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten halten. Es wird genau überprüft, wann und zu welcher Zeit Geschwindigkeiten überschritten werden. Denn Überschreitungen führen bekanntlich zum Abzug des sogenannten Score-Wertes.

Das Problem: Es wird nicht erkannt, ob eine Geschwindigkeitsbegrenzung eventuell in den Abend- und Nachtzeiten aufgehoben wird. Dann werde ich zum Dauertäter. Das gibt Abzug.

So war ich beispielsweise einmal zu später Stunde in einer Kinderspielstraße direkt vor meiner Haustüre mit erhöhtem Tempo unterwegs. Das aber verantwortungsvoll. Ich habe es mir trotzdem erspart, mich mit dem Versicherer darüber auseinander zu setzen.

Darüber hinaus werden auch die genutzten Straßen bewertet: Autobahn, Landstraße, Stadt und so weiter. Ist man auf vielen „falschen“ Straßen unterwegs, gibt es schon wieder Abzüge. Und natürlich kann genau geprüft werden, wann und wo ich mit dem Fahrzeug unterwegs bin. Es bleibt nichts geheim.

Mein Fazit nach einem Jahr: Finger weg vom Telematik-Tarif.

Die angebliche Ersparnis von bis zu 30 Prozent kann nach meinem Dafürhalten niemals erreicht werden. Für eine Handvoll Euro im Jahr gebe ich all mein Daten, mein Fahrverhalten und Privatsphäre preis – Datenschutzrichtlinien hin oder her. (Wohin ich regelmäßig fahre, wohin ich in Urlaub fahre, wen ich besuche, wo mein Fahrzeug parkt). Das ist mir die Sache nicht wert.

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