Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Bank und haben die Auswahl zwischen zwei Schaltern. An einem Schalter sitzt ein Punk. Mit einer Lederjacke, Sicherheitsnadeln im Ohr und einem Irokesen-Haarschnitt. Er lächelt Sie freundlich an. Neben ihm sitzt ein Typ im Anzug, mit weißem Hemd, mit einer zu seinen Socken passenden Krawatte und einer richtigen Frisur. Er lächelt Sie ebenso freundlich an.

Quizfrage: Zu welchem Schalter gehen Sie? Was Sie nicht wissen: Der Punk ist der beste Mitarbeiter der Bank. Der gestriegelte Typ ist ein Praktikant an seinem ersten Tag und er hat keinen blassen Schimmer. Natürlich gehen Sie zu dem Typen im Anzug. Er steht für das Bild des kompetenten Bankers. Anzug, Krawatte und bloß keine Turnschuhe. Gegen die Regeln.

 

In den 2000er Jahren haben clevere Banken ihre Beratungs- und Geschäftsprozesse so vereinfacht, dass wir Kunden einen Teil der Arbeit des kompetenten Bankers im Internet selbst erledigen können. Seit wenigen Jahren sogar mit dem Handy. Das hat zur Folge, dass Banken immer mehr Filialen schließen. Es geht einfach niemand mehr hin. Alle „gehen ins Internet“. Die Macher und Kunden dieser Internet-Banken sind noch ohne Internet aufgewachsen. Viele kennen das Telefon noch mit einer langen Schnur an einem Stecker in der Wand im Flur.

Seit ungefähr fünf Jahren schießen Fintechs und Insurtechs wie Pilze aus dem Boden. Das sind Finanzdienstleister, die Beratungs- und Geschäftsprozesse nicht nur ins Internet bringen, sondern auch hip machen. Die Macher dieser Geschäftsmodelle wuchsen zum einen nach der Wende und zum anderen mit dem Internet auf. Für diese Menschen waren Computer und Internet schon immer da. Niemand von denen „geht ins Internet“. Diese Leute sind ständig online und überlegen sich eher Strategien dafür, ab und zu mal „aus dem Internet rauszugehen“.

Und mit Wende meine ich nicht nur die Wiedervereinigung in Deutschland, sondern die vielen gesellschaftlichen Umbrüche – wie das Ende des Kalten Krieges, preiswerte Reisen ins Ausland und wachsende Einflüsse aus den USA. Diese Menschen tauschen Krawatten gegen Sneakers ein. Für die Älteren unter uns, die noch mit Schwarz-Weiß-Fernsehen aufgewachsen sind: Sneakers nennt man Turnschuhe.

Wie verändert das alles die Welt der Banken und Versicherungen?

Zum einen müssen wir sagen, dass die meisten „Senioren“ bei Banken und Versicherungen nach wie vor eine starke Macht haben und eher auf die Bremse treten als aufs Gaspedal. Die jungen Wilden lassen sich davon nicht abschrecken. Sie haben keine Lust, mit alten Leuten über neue Ideen zu sprechen. Sie wollen das, was in ihren Köpfen schwirrt, einfach machen. Sie suchen sich Gleichgesinnte, die auch Bock darauf haben. Und sie suchen sich Leute mit Geld, die ihre Ideen finanziell unterstützen.

Mal ehrlich: Reicht das wirklich, um eine Delle im Universum zu hinterlassen? Sind die jungen Wilden mit den Sneakern, dem Tischkicker im Büro und den Anglizismen auf der Web-Seite die Zukunft der Versicherungsbranche? Unter Revolution geht gar nichts: Wir revolutionieren XYZ. Dazu noch ein paar Superlative und freche laute Sprüche, und ab geht die Post Richtung Exit-Strategie.

Ein Geschäft aufbauen, hochfahren und verkaufen. Dann mit der Kohle was ganz Neues machen. Make meaning. Wenig Ahnung von Versicherungen, aber große Klappe. Da lachen ja die Hühner. (Das haben wir früher gesagt, wenn uns klar war, das wird nichts.) Wie viele Versuche haben die Brüder Wright gebraucht, um ihr erstes Flugzeug in die Luft zu bringen und sicher wieder zu landen? Hundert? Tausend? Keine 70 Jahre später flogen drei Menschen zum Mond und kamen heil wieder zurück.