Die Pflegefalle Wenn Pflegende selbst zum Pflegefall werden

Pflegekräfte demonstrieren am Tag der Pflege für bessere Arbeits- und Pflegebedingungen.
Pflegekräfte demonstrieren am Tag der Pflege für bessere Arbeits- und Pflegebedingungen. © dpa/picture alliance

Viele Familien kümmern sich um ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Dadurch spart der Staat ordentlich Geld. Nicht selten isolieren sich Angehörige durch die Pflege aber und bekommen Depressionen. Die neue Pflegefalle ist also eine Verschiebung von Kosten: Was der Staat für die Pflege nicht aufwenden muss, fällt für die Behandlung der Folgen von Laienpflege an.

| , aktualisiert am 31.05.2016 12:49  Drucken
Von den etwa 2,7 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland leben zwei Drittel zuhause. Darüber kann sich der Staat erstmal freuen, denn ohne die Pflegearbeit in den Familien würde das System in Deutschland zusammenbrechen, schreibt das ZDF in einem Beitrag. Das zeige eine einfache Rechnung: Würde man den pflegenden Angehörigen den gesetzlichen Mindestlohn zahlen, wären das 37 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Das Einnahmenvolumen der Pflegeversicherung selbst liegt nur bei 26 Milliarden Euro.



Die Pflege übernehmen vor allem Frauen. Dabei zeigen sich erschütternde Zahlen: Mehr als jeder zweite pflegende Angehörige leidet unter Depressionen, Schlafstörungen und Burn-out, so der DAK Pflegereport. Viele müssen ihren Beruf zum Teil oder ganz aufgeben, um sich richtig kümmern zu können.

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Was bedeutet das? Die Ersparnis wird dem Staat später um die Ohren fliegen. Sei es, weil die Pflegenden später wegen Teilzeitarbeit oder Minijobs altersarm sind, oder durch die Belastung selbst zum Pflegefall werden.

Als Beispiel, wie es anders geht, führt das ZDF die Länder Nordeuropas an. Dort kümmern sich die Kommunen um die Alten. Sie besuchen die Menschen zuhause, sprechen mit ihnen über Umbauten oder Hausmeisterdienste. Pflegebedürftige Menschen würden umfassend versorgt – quasi zum Nulltarif, schreibt das ZDF weiter. Dort werde Altenpflege nicht als Problem der Familie, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet.

Gute Pflege dürfe keine Frage des Geldbeutels oder von aufopferungswilligen Angehörigen sein. Wer Angehörige pflege, sollte angemessen bezahlt und nicht um die eigene Altersversorgung gebracht werden. „Gute Pflege ist teuer – aber sie kommt am Ende allen zugute.“
Pfefferminzia HIGHNOON