Burnout in der Versicherungsbranche „Der gute Ruf der Branche hat gelitten“

Dirk Schröder ist seit 2013 Chefarzt an der Dr. Becker-Brunnenklinik in Horn-Bad Meinberg.
Dirk Schröder ist seit 2013 Chefarzt an der Dr. Becker-Brunnenklinik in Horn-Bad Meinberg. © privat

Eine Klinik in Nordrhein-Westfalen hat ein Psychotherapie-Programm für Bank- und Versicherungsmitarbeiter entwickelt. Chefarzt Dirk Schröder erklärt, was hinter der Idee steckt.

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Pfefferminzia: Warum ist die Finanz- und Versicherungsbranche besonders stark von Burnout betroffen?

Dirk Schröder: Durch die Finanzkrise 2008 hat der gute Ruf der Branche gelitten. Das war für viele ein tiefer Fall im Selbstverständnis. Früher waren Banker ja fast so angesehen wie Ärzte. Der zweite Aspekt: Man muss eben viele Dinge machen und verkaufen – ich sag es mal offen –, die man so nicht kaufen würde oder seinen Verwandten nicht anraten würde.

In Fallgeschichten beklagen Arbeitnehmer auch den hohen Druck, dem sie bei der Arbeit ausgesetzt sind.

Mir sagen Patienten häufig: „Wir haben immer öfter Besprechungen, in denen neue Zielvereinbarungen ausgegeben oder bestehende verschärft werden. Und wenn mal etwas nicht gut läuft, werden die Vorgesetzten schnell ausgetauscht.“

Betrifft es denn bestimmte Hierarchie-Ebenen besonders?

Aus der Anschauung meiner Patienten meine ich, dass es großenteils die Abteilungsleiter-Ebene ist. Oder die Filialleiter-Ebene. Diese Sandwich-Position, wo von oben Vorgaben kommen, die man nach unten durchsetzen muss.

Es heißt, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale begünstigen die Krankheit.

Perfektionismus, dieses 150-Prozentige, ist ja grundsätzlich erst mal gut, wenn es um Finanzen geht. Menschen können aber auch immer wieder an ihren Zielen scheitern. Da tritt ein Burnout häufiger auf als bei Menschen, die auch Vorwürfe und Ungenauigkeiten aushalten.

Was kann ein Mitarbeiter machen, wenn er sich massiv überlastet fühlt?

Grundsätzlich gilt – es ist nicht nur der eine oder andere Schwächling, es kann jeden treffen. Mitarbeiter sollten die Scheu ablegen und Beratung in Anspruch nehmen oder einen  Psychotherapeuten aufsuchen.

Diesen Gang scheuen viele Menschen.

Dann wird einem aber klar: Habe ich problematische Charaktereigenschaften, kann ich nicht Nein sagen? Oder ist es einfach zu viel? Man muss sich überlegen: Kann man selbst damit anders umgehen – oder ist ein Gespräch mit dem Vorgesetzten an der Reihe?

Schwierig, dem Chef zu sagen, man stehe für eine Arbeit nicht zur Verfügung.

Völlig richtig. Wir raten auch nicht einfach: „Sagen Sie, Sie schaffen das nicht, und stehen Sie dazu.“ Das wäre nicht hilfreich. Mit unseren Patienten üben wir Situationen im Rollenspiel ein.

Was können Arbeitgeber tun, um die Situation zu verbessern?

Der Arbeitgeber sollte ein offeneres Ohr für solche Beschwerden haben. Das ist aber auch schwierig, wenn ich mich jetzt in einen Abteilungsleiter mit Leistungsvorgaben versetze: Daher ist das eine Forderung ans höhere Management.

Goldman Sachs hat mal jungen Mitarbeitern die Samstagsarbeit verboten.

Dann arbeiten sie unter Umständen am Sonntag. Trotzdem würde ich in dem Verbot auch einen psychologischen Appell sehen. Er wird bei den meisten Arbeitnehmern glaubhafter ankommen, als wenn die Leitung ein Rundschreiben schickt: „Wir stehen dem ganz vorurteilsfrei gegenüber, melden Sie sich einfach.“

Dirk Schröder ist seit 2013 Chefarzt an der Dr. Becker-Brunnenklinik in Horn-Bad Meinberg. Davor war er zehn Jahre lang Chefarzt am St. Vinzenz-Hospital in Dinslaken. Schröder ist seit 1987 als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik tätig.
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