Aktuar Simson Heiß von Helvetia Leben. © Helvetia
  • Von Oliver Lepold
  • 02.03.2021 um 11:12
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Was leisten Berufsunfähigkeitstarife, die anstelle des Deckungsstocks in ein Fondsportfolio investieren? Aktuar Simson Heiß von Helvetia Leben über die Vorteile, Chancen und Risiken einer vergleichsweise neuen Produktgattung, die sich speziell an die junge Zielgruppe richtet.

Pfefferminzia: Wie beurteilen Sie das bestehende Angebot von fondsgebundenen biometrischen Produkten?

Simson Heiß: Es kommt darauf an, wie man diese Produktgattung definiert. Es gibt mehrere Produkte auf dem Markt, bei denen die Überschüsse aus der Deckungsstock-Anlage in Fonds angelegt werden. Diese sind aber letztlich immer noch klassische Tarife und nicht vergleichbar mit einer rein fondsbasierten Produktlösung, bei der die Beiträge komplett in ein Fondsinvestment fließen. Solche fondsbasierten BU-Konzepte werden bisher selten am Markt angeboten. Die Modelle, bei denen lediglich die Überschüsse in Fonds investiert werden, sind dagegen häufiger. Bei diesen Produkten liegt die Zielsetzung stärker auf der Erzielung einer aus der Fondsanlage resultierenden Ablaufleistung. In den rein fondsgebundenen BU-Tarifen geht es dagegen darum, einen dauerhaft günstigen Beitrag zu bieten.

Was zeichnet rein fondsbasierte BU-Tarife im Vergleich zu konventionell kalkulierten BU-Tarifen aus?

Rein fondsbasierte Tarife können tendenziell deutlich günstigere Beiträge anbieten, was insbesondere für Berufe mit höherem Risiko interessant sein kann. Sie zielen häufig auf eine jüngere Klientel ab, denn eine lange Laufzeit ist günstig, um die Volatilität der Fonds langfristig auszugleichen. Fondsbasierte BU-Tarife sind daher häufig nur bis zu einem gewissen Alter von beispielsweise 45 Jahren abschließbar.

Welche Weiterentwicklung im Hinblick auf die kalkulatorische Konzeption dieser Tarife erwarten Sie?

Die Renditechancen stehen klar im Fokus, aber auch Themen wie Nachhaltigkeit und die kostengünstige Fondsanlage mit ETFs gewinnen an Bedeutung. Es kommt insbesondere auf die Investment-Expertise der Versicherer an, ein angemessenes Fondsangebot in die Tarife zu integrieren. Idealerweise verfügt der Versicherer über Anlagestrategien, die sich in der Altersvorsorge bereits langfristig bewährt haben Dies hilft insbesondere Kunden, die sich mit dem Investment nicht ständig befassen möchten. Schreiben sich die sehr guten Wertentwicklungen fort, können im Rahmen der Weiterentwicklung der fondsgebundenen Konzeption sogar Beitragssenkungen in bestehenden Verträgen angeboten werden.

Inwieweit lassen sich die Erfahrungen mit Fondspolicen auf die BU übertragen?

Anders als bei einer Fondspolice steht der Leistungszeitpunkt bei einer BU nicht fest. Daher kann man etablierte Fondspolicen-Modelle mit Ablaufmanagement zum Rentenbeginn nicht eins zu eins in die fondsgebundene BU übernehmen. Bei der rein fondsbasierten BU muss zwingend ein Investment zugrunde liegen, welches die Anforderungen an Rendite und konstanten Risikoschutz dauerhaft erfüllt.

Nicht jeder Makler, der auf die BU-Absicherung fokussiert ist, ist gleichzeitig ein Experte für die Fondsanlage. Welche Informationsaufgabe kommt hier auf die Versicherer zu?

Vorgegebene Fondszusammenstellungen sparen dem Makler Beratungszeit und reduzieren das Haftungsrisiko im Vergleich zu einer Einzeltitelauswahl. Das Investment-Know-how der Vermittler wird mit der Zeit steigen, und dadurch womöglich auch der Anspruch entstehen, die Fondsanlage für den Kunden individuell zu gestalten. Bisher ist das jedoch noch kaum der Fall.

Was müsste sich ändern, wenn mehr freie Wahlmöglichkeiten bei den Fonds eingeführt würden?

Die Gesellschaften müssten den Vermittlern auch die entsprechenden Fondstools zur Verfügung stellen. Dem Vermittler wird es durch solche Tools erleichtert, Fonds zu vergleichen, ein Monitoring zu betreiben und Entscheidungen gegenüber dem Kunden begründen zu können. Solche Fondstools werden von einzelnen investmentorientierten Versicherern in Bezug auf die fondsgebundene Rentenversicherung bereits angeboten.

Ihre Prognose: Welches Zukunftspotenzial haben fondsgebundene BU-Produkte?

Angesichts der geringen Rechnungszinsen und zurückgehender Überschüsse sind die Beiträge in klassischen BU-Tarifen insbesondere bei Berufen mit höheren Risiken kaum noch bezahlbar. Das wird sich in naher Zukunft nicht ändern, sondern eher noch verschärfen. Davon werden rein fondsbasierte BU-Tarife und weitere neue fondsgebundene Biometrieprodukte profitieren, denn sie bieten den Kunden ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis an. Diese fondsbasierten Konzepte erweitern dadurch die Zielgruppe für das Produkt BU. Langfristig werden rein fondsbasierte BU-Tarife für die meisten Kunden letztlich die einzig finanzierbare Lösung darstellen.

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Oliver Lepold

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Das Investment, Pfefferminzia und private banking magazin.

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