Hato Schmeiser, Inhaber des Lehrstuhls für Risikomanagement und Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen. © Standard Life
  • Von Oliver Lepold
  • 29.05.2018 um 08:50, aktualisiert am 30.05.2018 um 11:33
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Hato Schmeiser, Inhaber des Lehrstuhls für Risikomanagement und Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen, forscht unter anderem zu Fragen der Solvenzmessung und der Altersvorsorge. Pfefferminzia befragte ihn zu Sinn und Effekt der Regulierung des Finanzdienstleistungsmarktes.

Pfefferminzia: Ist der deutsche Versicherungsmarkt überreguliert?

Hato Schmeiser: In der Versicherungsindustrie haben wir nach der Finanzkrise eine sehr starke Re-Regulierung erlebt. Die Stoßrichtung zu einer risikobasierten Solvenzaufsicht ist gut, aber man ist mit dem Umfang des Projekts in 15 Jahren Entwicklungszeit zu weit gegangen. Auch die Komplexität der IDD geht weit über das gewünschte Ziel hinaus. Problematisch erscheint mir, dass man die Kunden, die man vorgibt schützen zu wollen, überhaupt nicht gefragt hat, wie viel Sicherheit sie sich wünschen – und vor allem, wie viel sie bereit sind dafür zusätzlich zu bezahlen.

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Sind denn die ursprünglichen Ziele erreicht worden?

Welche denn genau? In vielen Dokumenten sind Ziele nur sehr unscharf formuliert. Und deshalb auch nur schwer messbar. Man kann kaum sagen, ob ein Ziel erreicht worden ist, weil man fast nichts konkret vorgegeben hat. Ohne klare Vorgaben ist eine Performance-Messung ausgeschlossen. Das finde ich sehr problematisch. Insbesondere, weil alle Regulierungen auch einen Effekt auf Prämien haben. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob Kunden für eine entsprechende zusätzliche Dokumentation zur Aufschlüsselung von Prämienbestandteilen 2 oder 3 Euro mehr bezahlen würden. Oder falls ja, welche der Kunden dazu bereit wären. Von daher sollte dies nicht einfach verpflichtend für alle eingeführt werden.

Es gibt den Eindruck, Deutschland packt immer noch mehr drauf, als die EU vorgibt.

Jedes Land hat gewisse Freiräume. Es gibt auch durchaus kritische Stimmen gegenüber der Versicherungsindustrie in Deutschland, die eher andere, staatsbetriebene Lösungen sehen möchten. Ich will das nicht bewerten, dies ist eine gesellschaftliche Frage. Es sind grundsätzliche Perspektiven, ob man eher einem staatsorientierten System vertraut, oder sehr viel mehr Freiräume für Privatunternehmen erlauben möchte sich zu positionieren. In letzterem Fall entsteht eine große Produktvielfalt und damit auch ein Risiko für den Kunden, ein falsches Produkt gewählt zu haben.

Sie lehren in der Schweiz. Ist der Versicherungsmarkt dort weniger stark reguliert?

Da muss man differenzieren. Die Solvenzregulierung der Schweiz ist sehr ausgeprägt, gerade für Lebensversicherungen sind die Anforderungen höher. Die Schweiz hat einige EU-Regulierungen adaptiert, aber der Versicherungsvertrieb ist etwas weniger restringiert. Es gibt keine Unisex-Tarifierung und man ist grundsätzlich offener hinsichtlich der Verwendung unterschiedlicher Tarifierungsfaktoren. Der Anteil an alternativen Vergütungsmodellen im Versicherungsvertrieb ist höher, obwohl es dafür keine spezielle Regulierung gibt.

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Oliver Lepold

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Das Investment, Pfefferminzia und private banking magazin.

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