Andreas Meyerthole, Mitgründer und Geschäftsführer der aktuariellen Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss (MSK). © MSK
  • Von Lorenz Klein
  • 14.04.2020 um 18:02
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Einige Versicherungssparten dürften die Corona-Krise besonders negativ zu spüren bekommen – doch gibt es womöglich auch Branchen-Profiteure? Die Experten der aktuariellen Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss haben eine erste Bestandsaufnahme vorgenommen – und einen Ausblick auf die Versicherungswelt in der Post-Corona-Ära gewagt.

Die Corona-Krise macht selbstverständlich auch vor der Versicherungsbranche nicht Halt – doch nicht in jeder Sparte drohen Mehrbelastungen. In bestimmten Bereichen kommt es sogar zu entlastenden Faktoren. Zu diesem Fazit kommt eine Analyse der aktuariellen Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) aus Köln, die sich gezielt mit der gewerblichen und privaten Sachversicherung auseinandergesetzt hat.

In der Warenkreditversicherung und der Betriebsschließungsversicherung habe die Branche in den letzten Tagen Kompromisse mit Politik und Wirtschaft vereinbart, berichtet Andreas Meyerthole, Mitgründer und Geschäftsführer von MSK. Doch allein der „Bayern-Kompromiss“ dürfte die Branche nach MSK-Berechnungen mindestens 300 Millionen Euro kosten.

Was die Reisepreissicherung angeht, so bleibe zu hoffen, dass – anders als bei der Insolvenz von Thomas Cook – sich dieses Mal die Insolvenzen auf viele Reisepreisabsicherer verteilten, so dass die Höchsthaftungssumme von 110 Millionen Euro im Jahr 2020 mehrfach zur Verfügung stünde, wie Meyerthole erklärt.

Rechtsschutzsparte wird es besonders hart treffen

Besonders hart wird die Corona-Krise demnach die Rechtsschutzversicherung treffen. „Nach Darlehenswiderruf und Dieselgate steht die Rechtsschutzbranche vor ihrem dritten Kumulereignis der letzten Jahre und es wird wohl das Schwerste werden“, teilen die Analysten von MSK mit. Nach deren ersten Schätzung könnten bis zu 500 Millionen Euro an Schäden auf die Branche zukommen.

Und welche Sparten profitieren?

Vor allem die Privatkundensparten werden laut MSK durch die eingeschränkte Mobilität weniger Schadenfälle zu verzeichnen haben. Das betreffe die private Haftpflichtversicherung ebenso wie die Unfallversicherung und die Gefahr „Einbruch“ in der Verbundenen Hausratversicherung. Besonders spürbar sollte der Rückgang allerdings in der Kfz-Versicherung werden, so die Einschätzung.

Demnach sind die Kfz-Unfälle seit dem „Shutdown“ in Deutschland um bis zu 50 Prozent rückläufig. „Bis Ende April kann die Branche so voraussichtlich mehr als 1 Milliarde Euro an Schadenaufwendungen einsparen“, sagt MSK-Geschäftsführer Onnen Siems.

Einschreiten der Politik zu erwarten

Weiter gehen die Marktbeobachter davon aus, dass auch die Assekuranz zu den Branchen gehören werde, die die Krise „nicht ohne massive Unterstützung des Staates“ bewältigen könne. Jüngste Beispiele seien Kreditversicherer, denen der Bund 30 Milliarden Euro Rückdeckung gebe, wie es heißt. „Der ‚bayerische Weg‘ für die Betriebsschließungsversicherung wird sicher bundesweit Schule machen und die Versicherungswirtschaft aufgrund des öffentlichen und politischen Drucks weiter belasten“, sagt Experte Siems.

So könnte die Zeit nach Corona aussehen

Außerdem warfen die Aktuare in ihrer Analyse einen Blick in die Glaskugel, wie die Zeit nach Corona aussehen könnte:

„Die Industrie wird von der Versicherungswirtschaft lernen und seine Risiken besser diversifizieren. Insbesondere Lieferketten dürfen nicht nur nach Kosten, sondern müssen zukünftig mehr nach dem Ausfallrisiko bewertet werden. Globalisierung ist im Grundsatz nicht schlecht – aber die ‚single point of failure‘-Risiken und deren Vernetzung müssen mit professionellem (und aktuariellem) Know-how bewertet und gemanagt werden“, prognostiziert Siems.

Wie schon nach dem Hochwasser 2002 und auch nach der Pleite von Thomas Cook würden in Zukunft die Rufe „nach einer oder nach der richtigen Pflichtversicherung laut“.

„Die Antwort der Branche wird lauten, dass Pandemierisiken nicht versicherbar sind. Aber so einfach sollte man sich es sich nicht machen und stattdessen nach Alternativen suchen“, sagt MSK-Manager Meyerthole.

Die Versicherer könnten auch den Kumul in ihren Versicherungsbedingungen limitieren und bei Überschreitung des Limits würde es zu einem Verteilungsverfahren kommen, falls deutsche oder europäische Schutzschirme nicht einspringen.

„Man könnte den Versicherern erlauben, Mehrjahresverträge mit Beitragsanpassungsklausel abzuschließen, die ihren Niederschlag in der Prämienrückstellung unter Solvency II finden würden“, so Meyerthole weiter. „Und schließlich könnten analog zur Großrisikenrückstellung für Pharmarisiken die Versicherer Teile der Beiträge steuerfrei zurückstellen, um für den Fall der Fälle vorzusorgen“, fügt der Analyst hinzu.

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Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit Oktober 2016 an.

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