„Cyberangriffe verändern sich ständig, neue Bedrohungen kommen hinzu“, sagt Carsten Wiesenthal. Er ist Cyberexperte bei der Allianz Versicherungs-AG und dort für das Haftpflicht- und Cybergeschäft für mittelständische Firmen Unternehmen zuständig. © picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON
  • Von Lorenz Klein
  • 25.04.2022 um 11:20
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„Cyberrisiken kennen keine räumlichen und zeitlichen Grenzen“, warnt Carsten Wiesenthal, Cyberexperte der Allianz. Deshalb seien die Risiken auch nicht allein vom Versicherer „in den Griff zu bekommen“. Ohne die Mithilfe der Kunden gehe es nicht, betont Wiesenthal im Interview mit Pfefferminzia. Darin sagt er auch, wie die Allianz mit dem Thema „Kriegsausschluss“ umgeht.

Pfefferminzia: Zumindest für Mittelständler seien die erhältlichen Kapazitäten in der Cyberversicherung kein Problem, berief sich der „Versicherungsmonitor“ im Januar auf Äußerungen von Ihnen (bezahlpflichtig). Demnach habe die Allianz Versicherung ihre maximale Deckungssumme von deutlich unter 50 Millionen Euro noch nie genutzt und plane auch nicht, die Kapazitäten zu erhöhen. Hat sich Ihre Einschätzung infolge des Krieges in der Ukraine oder aus anderen Gründen inzwischen geändert? 

Carsten Wiesenthal: Ich wollte damit lediglich darauf hinweisen, dass bei allen bisherigen Schadenfällen die mit unseren Kunden vereinbarte Deckungssummen, die übrigens immer weit unter 50 Millionen Euro lag, vollkommen ausreichte, um die Schäden der Kunden zu erstatten. Bislang wurde uns auch kein Schaden mit Ukraine-Bezug gemeldet. Wir planen nicht, die Höchstdeckungssumme zu erhöhen.

Zuletzt entbrannte eine Debatte darüber, ob sich Versicherer auf den Kriegsausschluss berufen dürfen, wenn Unternehmen von Hackern aus Russland oder auch der Ukraine angegriffen werden. Wie positioniert sich die Allianz in dieser Frage?

Bei Cyberattacken können in einer Vielzahl von Fällen die Identität des Angreifers nicht festgestellt werden – dann besteht natürlich auch Deckung. In anderen Konstellationen greift möglicherweise der „Kriegs-Ausschluss“. In unseren Cyberbedingungen heißt es, dass „Versicherungsfälle und oder Schäden aufgrund von oder im Zusammenhang mit Krieg und hoheitlichen Eingriffen“ vom Versicherungsschutz ausgeschlossen sind. Allerdings muss sich dieser Zusammenhang vom Verwender des Ausschlusses, also uns als Versicherer, auch beweisen lassen.

Aus dem Markt ist zu hören, dass sich nur die absolute Zahl der Schäden im Jahr 2021 gegenüber dem Vorjahr enorm erhöht hätten, sondern auch die Schadenquote pro Versicherungspolice. Können Sie diese Entwicklung bestätigen?

Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir Ihnen dazu keine konkreten Angaben geben können.

Wie müsste sich die Cyberversicherung angesichts der gestiegenen Bedrohungslage verändern – auch in der Ansprache der Neukunden –, ohne dass die Cyberpolice zugleich den hohen Anspruch als „Feuerversicherung des 21. Jahrhunderts“ einbüßt?

Nach dem aktuellen Allianz Risk Barometer 2022 ist bei den befragten Unternehmen „Cyber“ das Top-Risiko für Unternehmen in Deutschland – noch vor der Sorge vor Naturgefahren und Klimawandel. Auch durch den Ukrainekrieg wird das Cyber-Risiko sicherlich noch weiter an Bedeutung gewinnen.

Zugleich gilt: Wir können als Versicherer Cyberrisiken nicht allein in den Griff bekommen. Die Risiken und Lösungsansätze entwickeln sich dynamisch. Daher brauchen wir im Moment noch mehr als bei anderen Versicherungsprodukten und -lösungen die Mithilfe unserer Kunden. Unseren Kunden obliegt hier ein hohes Maß an Eigenverantwortung: Ähnlich wie bei der klassischen Feuerversicherung, wo unsere Kunden ja schon aus Eigeninteresse erheblichen Aufwand für den Brandschutz betreiben, ist es bei Cyber-Versicherungen noch viel wichtiger, dass die Kunden eng mit uns zusammenarbeiten.

Wichtig ist dabei, dass sie dem Thema Cybersicherheit in ihrem Haus die notwendige Aufmerksamkeit schenken und mit der gebotenen Um-/Vorsicht agieren, denn ein Cyberangriff ist nicht so offensichtlich wie ein Feuer. Aber der Begriff „Flächenbrand“ ist auch bei Cyberangriffen ein Thema! Der Versicherer „allein“ kann diese Aufgabe nicht stemmen.

Klar ist: Cyberrisiken kennen keine räumlichen und zeitlichen Grenzen; die Angriffe verändern sich ständig, neue Bedrohungen kommen hinzu. Daher müssen auch wir als Versicherer mit unseren Lösungsmodellen, inklusive Risikoprüfung, Bedingungen und Preisgestaltung reagieren. Aber auch das geht nicht ohne unsere Kunden, um hier langfristige, gemeinsame Lösungen zu etablieren.

Carsten Wiesenthal ist Cyberexperte bei der Allianz Versicherungs-AG und dort für das Haftpflicht- und Cybergeschäft für mittelständische Firmen Unternehmen zuständig.

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Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit 2016 an.

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