Celine-Nadolny-Kolumne

Warum Skalieren nicht immer Unternehmenserfolg bedeutet

Höher, schneller, weiter. Oft predigen Wirtschaftsbücher, dass Skalieren gleichzusetzen ist mit unternehmerischem Erfolg. Dass das nicht zwangsläufig der Fall ist, hat Unternehmerin Celine Nadolny erlebt. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Thema und warum weniger auch mehr sein kann.
Unternehmerin Celine Nadolny: „Skalieren ist kein Muss – und schon gar nicht ein Garant für Erfolg.“
© Celine Nadolny
Unternehmerin Celine Nadolny: „Skalieren ist kein Muss – und schon gar nicht ein Garant für Erfolg.“

Alle reden vom Wachstum, aber keiner vom Preis dafür. Wenn über Unternehmertum gesprochen wird, klingt es oft wie ein Wettbewerb: mehr Umsatz, mehr Mitarbeiter, größeres Büro. Wer nicht ständig wächst, hat scheinbar etwas falsch gemacht.

Lange Zeit habe auch ich gedacht, dass Skalieren der logische nächste Schritt sei. Doch irgendwann merkte ich: Wachstum kann sich genauso anfühlen wie eine Last. Und manchmal bedeutet es, weniger erfolgreich zu sein – zumindest im eigenen Leben.

Meine Spitzenzeit: zehn Menschen, ein riesiger Druck

In meiner Hochphase hatte ich drei festangestellte Mitarbeiter, zwei Teilzeitkräfte und fünf Freelancer, die projektweise für mich arbeiteten. Zehn Menschen, die alle in irgendeiner Form von mir abhängig waren. Zehn Menschen, mit zehn Meinungen, zehn Charakteren, zehn Bedürfnissen.

Am Anfang fühlte es sich gut an: Aufgaben abgeben, mehr schaffen, endlich entlastet sein. Doch je größer das Team wurde, desto mehr Energie ging verloren – in Abstimmungen, Diskussionen, Reibungspunkten. Aus dem unternehmerischen Alltag wurde ein permanentes Krisen- und Erwartungsmanagement.

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Gleichzeitig stieg der finanzielle Druck enorm. Jeder Monat musste ein Top-Monat werden. Nicht, um Luxus zu finanzieren – sondern schlicht, um Gehälter zahlen zu können. Während ich früher meine Leistung anpassen konnte, wie es in mein Leben passte, war das nun keine Option mehr. Die Verantwortung lastete schwer.

Mein Aha-Moment: Bin ich die Angestellte meiner Angestellten?

Der endgültige Knackpunkt kam in mehreren kleinen, aber bezeichnenden Momenten. Mitarbeiter, die gerade so ihre Umsatzziele erreichten, verlangten Gehaltserhöhungen. Andere stellten plötzlich meine Arbeitsweise infrage – zum Beispiel, wenn ich mir einmal erlaubte, später zu starten.

Ich fragte mich: Wer gibt hier eigentlich den Takt vor? Bin ich die Angestellte meiner Angestellten? Oder ist es nicht genau andersherum? Diese Rollenverdrehung fühlte sich falsch an – und sie zeigte mir, dass mein Unternehmen nicht mehr zu mir passte.

Die Bilanz: Vorteile und Nachteile des Skalierens

Natürlich hatte Skalieren auch positive Seiten. Ich konnte ungeliebte Aufgaben delegieren und musste mich nicht mehr mit jeder Kleinigkeit befassen.

Doch die Nachteile überwogen bei weitem:

  • Kontrollverlust: Je mehr man abgibt, desto größer die Gefahr, dass Dinge nicht nach den eigenen Vorstellungen laufen.
  • Erfolgsdruck: Mitarbeiter erwarten Sicherheit, egal ob dein Geschäft gerade boomt oder nicht.
  • Unfreiheit: Urlaubszeiten oder Krankheitsfälle im Team bedeuteten, dass ich einsprang – und weniger frei war als je zuvor.
Meine Kehrtwende: Gesundes Schrumpfen statt blindes Wachsen

Irgendwann zog ich die Reißleine. Ich baute das Team wieder ab, verabschiedete mich von dem Gedanken, Mitarbeiter seien der Schlüssel zu mehr Erfolg. Heute arbeite ich fast ausschließlich mit Freelancern – und setze auf Automatisierung.

Der wohl größte Gewinn: Ich habe den direkten Kontakt zu meinen Kunden zurück. Früher übernahm eine Mitarbeiterin Teile der Kommunikation, und ich spürte plötzlich nicht mehr so genau, was meine Community bewegte. Heute weiß ich wieder, worüber sie spricht, was sie braucht – und das macht mich als Unternehmerin stärker.

Mein Rat an Makler und Unternehmer: Nicht jeder muss skalieren

Gerade in der Maklerbranche ist das Thema Wachstum ständig präsent. Doch Skalieren ist kein Muss – und schon gar nicht ein Garant für Erfolg. Deshalb meine Ratschläge:

Automatisiere, was du kannst.

Wir leben in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz viele repetitive Aufgaben übernimmt. Wer das ignoriert, verpasst eine riesige Chance.

Setze auf Freelancer statt Festangestellte.

So bleibst du flexibel, ohne monatlich in voller Verantwortung zu stehen.

Prüfe deine Motivation.

Willst du wirklich ein Team führen – mit allen Konflikten, Verantwortungen und Risiken? Oder willst du einfach gute Arbeit machen und dabei frei bleiben?

Sei dir deiner Verantwortung bewusst.

Mitarbeiter einzustellen ist keine Spielerei. Jeder, der bei dir unterschreibt, setzt auf dich. Das bedeutet mehr als eine Probezeit – es bedeutet Verantwortung für ein Leben.

Freiheit statt Wachstumswahn

Heute weiß ich: Erfolg bemisst sich nicht in der Zahl der Mitarbeiter oder in der Größe des Büros. Erfolg bedeutet für mich, ein Unternehmen zu führen, das zu mir passt. Und wenn das bedeutet, kleiner zu bleiben – dann ist das kein Rückschritt, sondern ein Schritt nach vorne.

Ich möchte Maklern und Unternehmern Mut machen: Du bist kein Versager, wenn du nicht skalierst. Du bist mutig, wenn du bewusst entscheidest, wie dein Weg aussehen soll.

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