70 ist das neue 53

Warum steigende Lebenserwartung ein Geschenk für uns ist

Menschen leben im Durchschnitt länger als je zuvor. Für Volkswirt Sven Ebert vom Flossbach von Storch Research Institute ist das nicht weniger als ein großes Geschenk. In seinem Kommentar erklärt er, woher die Reise kommt, wohin sie geht und warum sie trotzdem nicht ganz einfach ist.
Volkswirt Sven Ebert, Flossbach von Storch Research Institute: „Lebenserwartung in den letzten 50 Jahren kontinuierlich gestiegen“
© Flossbach von Storch Research Institute
Volkswirt Sven Ebert, Flossbach von Storch Research Institute: „Lebenserwartung in den letzten 50 Jahren kontinuierlich gestiegen“
  1. Ein Geschenk

Ein bekannter deutscher Schlager stellte schon vor 50 Jahren fest „Du kannst nicht immer 17 sein, Liebling, das kannst du nicht“. Es ist richtig, altern gehört zum Leben. Aber glücklicherweise altern wir heute immer länger. Wir leben heute im Durchschnitt rund zehn Jahre länger als vor 50 Jahren.

Verstand man „Mit 66 Jahren da fängt das Leben an“ in den 1970er Jahren noch mit einem Augenzwinkern, so haben heute viele Menschen beim Erreichen des gesetzlichen Rentenalters noch 20 Lebensjahre und mehr vor sich – viele davon bei guter Gesundheit. Das fordert den Einzelnen dazu auf, auch im Alter fortwährend über persönliche Ziele, Träume und Wünsche, aber auch finanzielle Sicherheit nachzudenken.

Und die Langlebigkeit sollte auch jüngeren Menschen zu denken geben. Projekte – wie ein beruflicher Neuanfang – für die man früher mit Mitte 40 zu alt war, sind heute weniger außergewöhnlich. Ein langes Leben ist ein beneidenswertes Geschenk, das viele neue Wege ermöglicht, aber auch Herausforderungen mit sich bringt.

  1. Alte und junge Menschen werden älter

Die Langlebigkeit einer Gesellschaft bemisst sich in erster Näherung als die erwartete Lebenszeit eines Neugeborenen. Diese sogenannte Lebenserwartung ist in den letzten 50 Jahren kontinuierlich gestiegen und liegt heute laut Statistischem Bundesamt bei rund 81 Jahren, sofern aktuell gemessene Sterbewahrscheinlichkeiten verwendet werden und auf Trends verzichtet wird.

Bezieht man den Rückgang der Sterbewahrscheinlichkeiten der letzten 50 Jahre in die Berechnung ein, dann ergibt sich sogar eine Lebenserwartung von 91 Jahren für Neugeborene, wie Abbildung 1 zeigt.

Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland und im Alter von 65 Jahren (Quelle: Destatis, Flossbach von Storch Research Institute)
Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland und im Alter von 65 Jahren (Quelle: Destatis, Flossbach von Storch Research Institute)

Von steigendem Wohlstand und medizinischem Fortschritt profitierten in der Vergangenheit alle Altersgruppen. Erreichten 1973 von 100.000 neugeborenen Menschen in Westdeutschland statistisch nur rund 77.000 das 65. Lebensjahr, waren es 2023 knapp 90.000. Heute erreicht mehr als jeder zweite Mensch im Alter von 65 Jahren auch das 85. Lebensjahr. Im Jahr 1973 war dies nur einem von vier Menschen vergönnt.

Die Zahl der über 100-jährigen in Deutschland verdoppelte sich in den letzten 50 Jahren ungefähr alle zehn Jahre. Vor 50 Jahren hätten die damals nicht mal 600 über 100-Jährigen noch in einen größeren Konferenzsaal gepasst. Heute würden die rund 17.000 Menschen über 100 Jahren alle Plätze einer großen Veranstaltungshalle wie der Köln-Arena füllen.

Unabhängig davon, ob sich der Anstieg der Lebenserwartung weiter in diesem Tempo fortsetzt, der Anstieg bis heute ist bereits gewaltig.

  1. Bekannte Herausforderungen

Langlebigkeit wird zusammen mit der seit Jahren niedrigen Fertilitätsrate unter dem Schlagwort „Alterung der Gesellschaft“ erfasst und gilt als Hauptursache für die seit Jahren wachsende Schieflage in der gesetzlichen Rentenversicherung. Eine immer kleiner werdende junge Generation sieht sich einer zunehmenden Schar von Rentnern gegenüber, deren Lebensunterhalt sie finanzieren soll.

Dass die gesetzlichen Renten auf mindestens 48 Prozent des Durchschnittsgehalts festgeschrieben wurden, hat verdeutlicht, welche Belastungen auf Arbeitnehmer zukommen: Die jährlichen Gesamtausgaben für die Alterssicherung werden von 394 Milliarden im Jahr 2025 auf 518 Milliarden im Jahr 2031 steigen.

Umgelegt auf die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten erhöhen sich die Ausgaben der Rentenkasse so von rund 11.800 Euro pro Kopf im Jahr 2025 auf mehr als 15.000 Euro pro Kopf im Jahr 2031. Die Belastung pro Beschäftigten steigt damit um gut 27 Prozent.

Hinzu kommen wachsende Lasten für die gesetzliche Krankenversicherung und die gesetzliche Pflegeversicherung. Die Krankenkassenbeiträge steigen, semantisch im sogenannten Zusatzbeitrag versteckt, allein im Jahr 2025 um 0,8 Prozentpunkte. Das ist eine Beitragserhöhung um 5 Prozent.

Der Beitrag zur Pflegeversicherung steigt 2025 um fast 6 Prozent. Mit Renten- und Arbeitslosenversicherung zusammen betragen die Sozialabgaben im Jahr 2025 rund 42 Prozent des Bruttolohns.

Die gesamten Sozialausgaben befinden sich, abgesehen von den Corona-Jahren, auf einem historischen Höchststand von 31,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Anfang der 1970er Jahre waren es laut „Financial Times“ noch rund 20 Prozent.

  1. Doch 70 ist das neue 50

Aber Altern ist formbar: Mit der Lebenserwartung sind auch die Fähigkeiten alter Menschen gestiegen. Im Vergleich der Jahre 1989 und 2017 haben finnische Forscher sowohl kognitive als auch physische Leistungsverbesserungen von 75- bis 80-Jährigen festgestellt. Und laut Internationalem Währungsfonds weisen die heute 70-Jährigen die gleichen kognitiven Fähigkeiten auf wie 53-Jährige im Jahr 2000. Menschen sind im Alter heute also leistungsfähiger.

Dazu gibt es gute Gründe anzunehmen, dass sich diese Entwicklung bei steigender Lebenserwartung fortsetzen wird: So rief beispielsweise Amazon-Gründer Jeff Bezos Anfang der 2020er Jahre das Startup Alto Labs ins Leben. Es hat laut Homepage das Ziel, die Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der Zellen durch Zellverjüngung wiederherzustellen, um Krankheiten, Verletzungen und Behinderungen, die im Laufe des Lebens auftreten können, rückgängig zu machen.

Der Mediziner Peter Attia verweist in seinem Bestseller darauf, dass jeder Einzelne mit geregeltem Schlaf, gesunder Ernährung und ausreichend Sport seinen körperlichen, geistigen und emotionalen Zustand im Alter verbessern kann.

  1. Ein erstes Fazit

Heutigen und vermutlich allen folgenden Generationen ist durch Langlebigkeit ein großes Geschenk gemacht worden. Doch ein längeres Leben bedeutet auch, länger in der Verantwortung für einen funktionierenden Generationenvertrag zu stehen, was eine verbesserte körperliche und geistige Gesundheit glücklicherweise auch möglich macht.

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat mit seinen Vorschlägen zum Boomer-Soli, das heißt einer Umverteilung der Einkommen innerhalb der Rentnerschaft, und einem sozialen Jahr für Rentner im politischen Sommerloch heftig umstrittene Vorschläge in diese Richtung gemacht.

Die damit verbundenen Ideen einer geringeren Spreizung bei den gesetzlichen Renten und einer Heraufsetzung des Renteneintrittsalters sind aufgrund der Alterung der Gesellschaft jedoch bedenkenswert.

Aber auch eine reformierte gesetzliche Rentenversicherung wird den Einzelnen künftig nur noch gegen Altersarmut absichern können. Wer seinen Lebensstandard im Alter erhalten möchte, muss privat vorsorgen. Qualitativ hochwertige Beratung und Produkte, die einem längeren Leben Rechnung tragen, werden dabei wichtiger denn je.

Über den Autor:

Sven Ebert ist Volkswirt und Senior Research Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute. Als Versicherungsmathematiker und Aktuar DAV war er zuvor bei einem weltweit operierenden Rückversicherer international in verschiedenen Rollen tätig.

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