Gisela Färber ist Professorin für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Speyer. © Universität Speyer
  • Von Oliver Lepold
  • 01.10.2021 um 09:22
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Ist das Beamtentum noch zeitgemäß? Gisela Färber, Professorin für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Speyer, über die Stärken und Schwächen des Öffentlichen Diensts und sinnvolle Reformansätze.

Pfefferminzia: Hat sich die Zahl der Beamten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert?

Gisela Färber: Die gesamten Beschäftigungszahlen im Öffentlichen Dienst haben sich seit einem Tiefpunkt vor etwa 15 Jahren deutlich erholt. Gegenüber 2006 gab es 2019 laut Statistik etwa 86.000 neue vollzeitäquivalente Beamtenstellen. Im Tarifbereich sind es sogar 414.000. Große Zuwächse hat der Kita-Bereich mit Tarifbeschäftigten bei den Kommunen. Bei den Ländern wurde vor allem die Polizei verstärkt, überwiegend mit Beamtinnen und Beamten. Bei den früheren Staatsbetrieben Post und Bahn gibt es zwar noch Beamte, hier findet aber kein Zuwachs mehr statt. Auch bei den Soldaten – als Sondergruppe der Berufsbeamten – gibt es derzeit noch wenig Bewegung bei den Zahlen.

Lassen sich aus den Zahlen Trends ableiten, wo der Staat mehr auf Beamte und dafür weniger auf Angestellte setzt?

Wenn wir öffentliche Aufgaben wahrnehmen, ist stets die Frage, ob wir Tarifbeschäftigte oder Beamte damit betrauen. Nach guten Konjunkturjahren wurden zuletzt viele neue Stellen in Ministerialverwaltungen geschaffen, allerdings gleichermaßen für Beamte und im Tarifbereich. An Schulen gab es zuletzt und gibt es derzeit noch eine Welle von Verbeamtungen. Nach meinen Berechnungen nähern sich Lebenseinkommen beider Gruppen an, denn die Alterseinkommen sind bei ähnlichen Lebenserwerbsverläufen – wenn die Menschen lang genug arbeiten – praktisch die gleichen, nur fallen eben Steuern und Sozialabgaben in unterschiedlichen Zeitphasen an. Das ist allerdings für manche Finanzminister sehr interessant.

Welche Reformschritte sind für ein modernes Beamtentum denkbar und sinnvoll?

Ich sehe Mängel in den einzelnen Personalsystemen und vor allem bei der Personal-entwicklung, aber nicht bei den fundamentalen Ansätzen der Statusgruppen. Ein transparenteres Beförderungssystem wäre sinnvoll. Bei einigen Bundesländern haben wir nur noch zwei statt vier Laufbahngruppen – jeweils der untere und mittlere Dienst sowie der gehobene und höhere Dienst werden zusammengefasst. Ohne die dazwischen liegende Laufbahngrenze kann man dann eher aufsteigen. Aber mit dem Bachelor-Studium in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel kommen Sie nach der Besoldungsgruppe A12 so nicht weiter. Da müssen Beamte eine Aufstiegsfortbildung machen und mehr, doch dafür werden nur wenige zugelassen. Das ist kein modernes System. Zudem können Polizisten in den meisten Ländern bei den vielen Überstunden kaum berufsbegleitend Fort- und Aufstiegsfortbildungen absolvieren. Angesichts der von Beamten in einer Umfrage geäußerten Unzufriedenheit sehe ich außerdem noch zu häufig Führungsschwächen beim Leitungspersonal in den Behörden. Das sind die Baustellen, die man eher angehen sollte als gleich das Berufsbeamtentum als solches infrage zu stellen.

Also eine Reform von innen heraus?

Ja, denn die Corona-Krise hat uns wieder gezeigt, wie anpassungsfähig das System eigentlich ist. In Rheinland-Pfalz gibt es Teile der Landesverwaltung, die in den Lockdowns nicht mehr viel zu tun hatten, andere sind dafür überbordend belastet worden. Aber hier gab es eine Rundmail an alle Landesbeamtinnen und -beamten, sich freiwillig für die Gesundheitsämter zur Verstärkung des Tracings von Corona-Infizierten zu melden. Das wurde vielfach wahrgenommen. Mit normalen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und Tarifverträgen hätte man das wohl nicht so gut realisieren können. Das Dienstrecht ist an vielen Stellen viel flexibler als das Arbeitsrecht.

Seite 2: “Die früheren Skandalfälle, also etwa der Tennisarm beim Lehrer, sind längst Vergangenheit.”

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Oliver

Oliver Lepold

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

kommentare
Wilfried Strassnig Versicherungsmakler
Vor 12 Monaten

Bei 3 BiIlionen Euro Beamten/Politiker/Richterpensionsrückstellungsdefizit, erübrigen sich Differenzierungen. In Staaten wie in A, CH, NL bei doppelten Renten für alle längst abgeschafft. Viele Kommunen sind wegen der hohen Kosten für Beamte handlungsunfähig. Schwimmbäder werden geschlossen, Schulen nicht mehr renoviert, moderne Technik nicht möglich. Bildungsrückstand ist die Folge, das Land hat keine Chance die Zukunft zu gestalten. An STEINZEITLICHEN Relikten festzuhalten bedeutet neben der Umwelt die Zukunft unserer Jugend aufs Spiel zu setzen. DIE ANGEBLICHE SCHWARZE NULL ist FAKE. Wer aber klare Erkenntnisse verweigert, um EIGENE Pfründe zu erhalten, verliert viel Zeit die Deutschland NICHT hat….

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Wilfried Strassnig Versicherungsmakler
Vor 12 Monaten

Bei 3 BiIlionen Euro Beamten/Politiker/Richterpensionsrückstellungsdefizit, erübrigen sich Differenzierungen. In Staaten wie in A, CH, NL bei doppelten Renten für alle längst abgeschafft. Viele Kommunen sind wegen der hohen Kosten für Beamte handlungsunfähig. Schwimmbäder werden geschlossen, Schulen nicht mehr renoviert, moderne Technik nicht möglich. Bildungsrückstand ist die Folge, das Land hat keine Chance die Zukunft zu gestalten. An STEINZEITLICHEN Relikten festzuhalten bedeutet neben der Umwelt die Zukunft unserer Jugend aufs Spiel zu setzen. DIE ANGEBLICHE SCHWARZE NULL ist FAKE. Wer aber klare Erkenntnisse verweigert, um EIGENE Pfründe zu erhalten, verliert viel Zeit die Deutschland NICHT hat….

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