Razzia bei einer Pflegefirma am 21.4.2016 in Berlin: Ambulante Pflegedienste stehen wegen Betrugs nun im Visier von Staatsanwaltschaft und Polizei. © dpa/picture alliance
  • Von Redaktion
  • 21.04.2016 um 15:00
artikel drucken artikel drucken
lesedauer Lesedauer: ca. 01:35 Min

Sie rechnen eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch hochqualifizierte Pflegeleute ab, in Wahrheit schaut aber nur eine Hilfskraft zweimal am Tag vorbei – betrügerische Pflegedienste kosten die Krankenkassen jedes Jahr Milliarden. Schuld sind vor allem fehlende Kontrollen.

Ein Pflegedienst aus dem niedersächsischen Hildesheim hat die gesetzlichen Krankenkassen systematisch betrogen. Wie die Welt berichtet, hatte die Firma Airomed bundesweit Pflege für schwerstkranke Patienten organisiert und angegeben, dass ausgebildete Fachkräfte dabei am Werk seien. Tatsächlich ließen sie die Arbeiten aber von Hilfskräften erledigen, die viel günstiger arbeiten. So soll der Pflegedienst mindestens 443.000 Euro betrügerisch eingenommen haben.

Nach Informationen der Welt und des Rechercheteams des Bayerischen Rundfunks ist diese Form des Kassenbetrugs nicht unüblich, hat aber wohl eine neue Dimension erreicht. Betrügerische Pflegedienste würden sich oft nicht mehr mit leichten Fällen abgeben. Sie gingen stattdessen an die schwerstkranken Patienten ran, mit denen sich monatlich wohl bis zu 15.000 Euro illegal abzweigen lassen.

Außerdem scheinen hinter den Betrügereien vermehrt organisierte Banden zu stecken, wie in mehreren internen Papieren des Bundeskriminalamts (BKA) zu lesen sei. Die Firmen knüpften über Netzwerke wie Kirchengemeinden Kontakt zu den Angehörigen von Schwerstkranken. Statt wie mit der Kasse vereinbart den Pflegebedürftigen dann 24 Stunden zu betreuen, kommt der Mitarbeiter nur zwei oder drei Mal am Tag vorbei.

Lebensgefährlich für Schwerstkranke

Für die Pflegebedürftigen ist das unter Umständen lebensgefährlich: Bundesweit gab es bereits mehrere Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung in genau solchen Fällen, berichtet die Zeitung weiter.

Das System funktioniere, weil es keine wirksamen Kontrollen gebe. Die Prüfer vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) dürfen nur in den Wohnungen nachprüfen, ob die Firmen die vereinbarte Pflege tatsächlich leisten, wenn auch die Pflegekassen mitbezahlen. Diese lassen die Betrüger aber natürlich ganz bewusst außen vor.

Rund eine Milliarde Euro Schaden jährlich

Die gesetzlichen Kassen schätzen, dass sie auf diese Weise pro Jahr um bis zu 1,25 Milliarden Euro geprellt werden.

Verschiedene Politiker, darunter auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, kündigten an, die Kontrollen bei ambulanten Pflegediensten verschärfen zu wollen.

kommentare

Hinterlasse eine Antwort

kommentare

Hinterlasse eine Antwort

smiley-icon

achtung: Sie nutzen einen veraltete Version des Internet Explorer und daher kann es eventuell zu fehlerhaften Darstellungen kommen. Wir empfehlen den Internet Explorer zu aktualisieren oder Google Chrome zu nutzen.

verstanden!