Dieter Homburg ist Berater mit dem Schwerpunkt Altersvorsorgeplanung und Autor des Buches „Altersvorsorge für Dummies“ © Sebastian Mayer
  • Von Oliver Lepold
  • 20.05.2019 um 10:20, aktualisiert am 22.05.2019 um 04:11
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Viele Menschen tun sich immer noch schwer mit dem Thema private Altersvorsorge, und verlassen sich allein auf die gesetzliche Rente. Eine Entwicklung, die Dieter Homburg, Autor des Buches „Altersvorsorge für Dummies“, mit Sorge beobachtet. Im Interview fordert er mehr Aufklärung und bessere staatliche Anreize.

Pfefferminzia: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch mit dem Titel „Altersvorsorge für Dummies“ zu schreiben? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Dieter Homburg: Meine eigenen Eltern waren immer selbstständig und haben jeden Monat fleißig in Versicherungen fürs Alter investiert. Leider haben sich die Hochrechnungen und Versprechungen der Versicherer nicht mal ansatzweise bewahrheitet. Deswegen arbeiten die beiden heute noch – mein Vater ist 75. Selbst hatte ich keine Chance mehr, meinen Eltern zu helfen, weil mein Vater schon Richtung des 60. Lebensjahres ging, als ich selbst in dem Thema richtig fit war. Und leider lässt sich die Zeit auch beim Aufbau der Altersvorsorge nicht zurückdrehen. Jetzt geht es darum, den Menschen, die es noch schaffen können, zu helfen. Das war für mich die Motivation, über ein Jahr meiner Freizeit in dieses Buch zu stecken. Hierbei lag es mir am Herzen, nicht den nächsten Sachratgeber zu formulieren, sondern die Dinge so erklären zu dürfen, dass Sie auch unsere Oma verstehen würde. Dafür ist die „Für Dummies“-Serie“ bekannt, dass hier in einer verständlichen, leicht humorvollen Weise auch komplizierte Sachverhalte erklärt werden. Ich selbst bin großer Fan und Nutzer dieser Serie. Da fiel mir der Entschluss leicht.

Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der Vorsorge?

Sie tun sich schwer, weil das Thema einfach komplex ist, nirgendwo gelehrt wird und man nicht weiß, wem man vertrauen soll. Fragen Sie sich mal, wo Sie eigentlich Ihre finanzielle Ausbildung genossen haben? In der Schule und in der Uni wohl eher weniger. Viele haben mit schmerzhaften Erfahrungen gelernt oder davon gehört und machen einen Bogen um das Thema. Wer weiß denn schon, ob ich überhaupt so alt werde, denken da zum Beispiel viele.

Bieten private und betriebliche Altersversorgung vielleicht zu wenig Anreize und Möglichkeiten zur Vorsorge?

Was die Anreize angeht, müsste wirklich mehr gemacht werden: In der privaten Altersvorsorge muss aus bereits versteuertem Einkommen erneut zum Beispiel mit der Abgeltungssteuer bezahlt werden, wenn man Gewinne mit seinem Geld erwirtschaftet. Das bremst den Aufbau der eigene Altersvorsorge deutlich aus. Und wem hat die Abgeltungssteuer genützt? Vermögenden Menschen, die auf ihre Zinserträge nicht mehr ihren individuellen hohen Steuersatz zahlen, sondern nur noch 25 Prozent plus Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer.

Und bei der betrieblichen Altersversorgung sind die Anreize keinesfalls ausreichend vom Gesetzgeber gesetzt. Vor allem, dass man im Nachgang in geltendes Gesetz eingegriffen hat und seit 2004 auf Auszahlungen den vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag erhebt, ist das falsche Zeichen. Versetzen Sie sich in die Lage von jemandem, der 30 Jahre in eine Direktversicherung eingezahlt hat und jetzt eigentlich 100.000 Euro an Auszahlung zu erwarten hat. Nun soll er den vollen Krankenversicherungsbeitrag plus Pflege – also mehr als 18 Prozent davon – an seine Kranken- und Pflegekasse abgeben. Davon haben die Betroffenen beim Abschluss der Versicherung nichts gewusst. Auch die Verpflichtung der Anbieter, am Ende eine garantierte Ablaufleistung bieten zu müssen, schränkt die Anlagefreiheit der Versicherer stark ein. Eine ernstzunehmende Chance auf eine vernünftige Verzinsung wird den Mitarbeitern damit genommen. Hier sollte volle Anlagefreiheit flächendeckend möglich sein.

Hat sich die Politik zu spät und zu zaghaft des Rentenproblems angenommen? Brauchen wir hier einen Zwang zur Vorsorge?

Ja, Riester und Rürup sind erst in den Jahren 2002 und 2005 eingeführt worden und das Problem der Umlagefinanzierung ist ja schon deutlich länger bekannt. Das Thema müsste viel klarer kommuniziert werden, und jeder jährlich zugestellte gesetzliche Rentenbescheid sollte um die Inflation bereinigt werden. Wenn der Ottonormalverbraucher liest, dass er in 30 Jahren mal 1.300 Euro bekommt, jetzt Netto 1.800 Euro verdient, dann denkt er, das passt schon irgendwie. Tatsächlich entsprechen 1.300 Euro Rente in 30 Jahren nur noch einer Kaufkraft von rund 718 Euro. Also weit weniger als man denken könnte. So sollte das in jedem Rentenbescheid stehen. Es braucht dabei keinen Zwang zur Vorsorge, sondern einfache und klare Anreize, die leicht umsetzbar sind. Bis man seine individuelle Förderung bei Riester berechnet und verstanden hat, geben die meisten schon wieder auf. Ich denke, das ginge deutlich einfacher.

Wie beurteilen Sie die jüngsten Gesetzesinitiativen, etwa das Betriebsrentenstärkungsgesetz, kurz BRSG?

Das BRSG hat als einen zentralen Punkt die Verpflichtung des Arbeitgebers 15 Prozent an Beitragszuschuss zu gewähren. Das ist schlicht und ergreifend viel zu wenig. Auf die Auszahlung einer Direktversicherung beispielsweise wird wie bereits erwähnt der volle Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag von über 18 Prozent fällig – plus die individuelle Steuer. Was bleibt da denn von zum Beispiel 100.000 Euro noch übrig? Mehr als die Hälfte wird es kaum sein. Um das abzufedern, müssen aber nicht die Arbeitgeber stärker in die Pflicht genommen werden, sondern der Staat nicht erst geben, um dann am Ende wieder doppelt und dreifach zu nehmen.

Was können Menschen in Niedriglohnjobs für die Altersvorsorge tun?

Ihnen bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als gegebenenfalls Riester mit in die Betrachtung zu ziehen. Betriebliche Altersversorgung würde sich nur lohnen, wenn der Arbeitgeber einen hohen Zuschuss gewährt, und Rürup fällt meist ganz flach, weil die Rürup-Rente von Steuervorteilen lebt, die wiederum nur Besserverdiener haben. Bei Riester kann es spannender werden, weil hier die Förderung ja auch pro Kopf greift. Ein Niedriglohnempfänger mit einem nach 2008 geborenen Kind und 12.000 Euro Jahresgehalt, kann sich über 475 Euro an Förderung freuen, muss selbst aber nur 60 Euro hinzusteuern. Kombiniert mit einem günstigen Fondssparplan ist das eine durchaus gute Sache. Aber eins ist auch klar: Mit Beiträgen in dieser Größenordnung wird man auch im Alter keinen Blumentopf gewinnen können.

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Oliver

Oliver Lepold

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Das Investment, Pfefferminzia und private banking magazin.

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