Generationenvertrag als Grundsicherung

Wie die gesetzliche Rente wieder eine Zukunft hätte

Das demografische Problem in Deutschland setzt gesetzliche Rente und Generationenvertrag schon jetzt enorm unter Druck. Die Volkswirte Sven Ebert und Gunther Schnabl zeigen, wie beides noch eine Zukunft haben könnte. Damit entfernen sie sich weit vom Rentenpaket II der Regierung und stufen die gesetzliche Rente zur Grundsicherung herab. Hier ist ihre Analyse mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Volkswirte Gunther Schnabl (links) und Sven Ebert, Flossbach von Storch Research Institute: „Bis Mitte der 1950er Jahre blieb die gesetzliche Rente eine Grundsicherung“
© Flossbach von Storch Research Institute
Volkswirte Gunther Schnabl (links) und Sven Ebert, Flossbach von Storch Research Institute: „Bis Mitte der 1950er Jahre blieb die gesetzliche Rente eine Grundsicherung“

Im Jahr 1889 führte Otto von Bismarck in Deutschland die gesetzliche Rentenversicherung ein. Mit einem Kapitalstock, so der Plan, wollte er die Deutschen vor Altersarmut schützen. Fehlendes Startkapital und ein Beitrag von nur 1,7 Prozent des Einkommens ermöglichten nur eine geringe Absicherung. Da die Lebenserwartung niedrig war, erreichten viele Menschen das Renteneintrittsalter von 70 Jahren nicht.

In der Folge behinderten Kriege, Inflation und Währungsreformen den Aufbau eines Kapitalstocks. Bis Mitte der 1950er Jahre blieb die gesetzliche Rente eine Grundsicherung, die zu einem Drittel aus dem Bundeshaushalt und zu zwei Dritteln aus Beiträgen finanziert wurde. Das Renteneintrittsalter hatte man zwischenzeitlich auf 65 Jahre reduziert.

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Im Jahr 1957 gab man das Ziel auf, einen Kapitalstock aufzubauen. Bundeskanzler Konrad Adenauer brachte das gesetzliche Umlageverfahren – den noch heute bestehenden Generationenvertrag – durch das Parlament. Seitdem hängt die gesetzliche Rente maßgeblich vom persönlichen Lohnniveau und der Anzahl der Beitragsjahre ab. Nach der ersten Beitragserhöhung 1970 (von 14 auf 17 Prozent des Bruttoeinkommens) betrug das Rentenniveau vor Steuern 55,2 Prozent des Einkommens.

Der Generationenvertrag ist in Schieflage

Doch der Generationenvertrag ist in Schieflage geraten. Die Geburtenraten sind im Vergleich zu 1957 gesunken und die Lebenserwartung ist gestiegen. Es müssen immer weniger junge Menschen für immer mehr alte Menschen sorgen. Im Jahr 1984 bekam ein Rentner bei 18 Prozent Beitragssatz noch 58,1 Prozent des Durchschnittsverdienstes als Rente vor Steuern. Mittlerweile ist der Beitragssatz auf 18,6 Prozent gestiegen, während das Rentenniveau auf 48 Prozent des Durchschnittslohns gesunken ist. Die kalkulatorische Standardrente nach 45 Beitragsjahren liegt heute bei 1.570 Euro im Monat, die durchschnittlich ausgezahlte Rente bei 1.050 Euro. Das ist nicht viel!

Die Politik hat mit der Rentenversicherung Wahlkampf gemacht und versicherungsfremde Leistungen wie die Mütterrente geschaffen. Bei enger Abgrenzung der versicherungsfremden Leistungen belief sich deren Summe im Jahr 2020 bereits auf knapp 20 Prozent aller Rentenzahlungen beziehungsweise 63,3 Milliarden Euro. Die „Rente mit 63“ aus dem Jahr 2014 – ein Geschenk der Politik an eine alternde Wählerschaft – kostete 2023 rund 45 Milliarden Euro. Es ist nicht klar, ob der Bund mit Zuschüssen in Höhe von 127 Milliarden Euro (2024) alle versicherungsfremden Leistungen kompensiert.

Die wachsende Anzahl von Rentnern und die Ausweitung der Leistungen haben einen wachsenden Finanzierungsbedarf erzeugt, der sich in einer hohen Abgaben- und Steuer- beziehungsweise Schuldenlast widerspiegelt. Wie sich im besonders schnell alternden Japan zeigt, erzeugen rasant steigende staatliche Zahlungsverpflichtungen Druck auf die Zentralbank, Staatsanleihen zu kaufen.

So schaffen wir das nicht

So wird der Generationenvertrag zum ordnungspolitischen Problem. „Die Leute brauchen keine Kinder mehr, um im Alter versorgt zu sein. Bei uns kommt das Geld scheinbar nicht von den Kindern, sondern vom Staat“, sagt der Wirtschaftshistoriker Alfred Ritschel. Das sei früher anders gewesen.

Weil sie mit eigenen Beiträgen nicht viel mehr als die Grundsicherung im Alter (derzeit 563 Euro plus Wohnkosten) erreichen können, haben insbesondere Menschen mit geringen Einkommen wenig Anreiz in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. In einem Beispiel der Deutschen Rentenversicherung erhält ein Lagerarbeiter, der 34 Jahre gearbeitet hat, inklusive des 2021 eingeführten Grundrentenzuschlags 759 Euro.

Seite 2: Der Blick auf die (gesetzliche) Rente in anderen Ländern

Hohe Steuern und Sozialabgaben senken den Anreiz zur Arbeit. Der Wunsch nach einer Vier-Tage-Woche ist auch deshalb weit verbreitet, weil aufgrund der hohen Steuer- und Abgabenlast das Nettoeinkommen nur unwesentlich geringer ist. Inflation bremst das Wachstum weiter, weil sie Konsum und Investitionen bremst. Ein Teufelskreis! Doch kann man es besser machen?

Wie es andere Länder machen

Kanada hat eine kleine lohnabhängige gesetzliche Rente in Höhe von durchschnittlich 817 Kanadischen Dollar, in der Gutverdiener nur maximal 1.365 Dollar (rund 920 Euro) erhalten. Hinzu kommt eine steuerfinanzierte Alterssicherung von 718 Kanadischen Dollar, für die, die nicht vorgesorgt haben. Um die Absicherung des eigenen Lebensstandards kümmert sich jeder selbst. Die aus der staatlichen Alterssicherung resultierenden Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben sind relativ gering.

Schweden hat schon in den frühen 1990er Jahren beschlossen, den Beitragssatz nicht mehr zu erhöhen (mehr zur Rente in Schweden lesen Sie hier). Deshalb musste das Land die staatlichen Leistungen begrenzen. Weil die erworbenen Rentenansprüche der Altersrente vollständig auf die eigene Rentenbezugsdauer verteilt werden, gibt es einen Anreiz zum späteren Renteneintritt.

Die USA verfügen – wie Deutschland – über ein Drei-Säulen-System aus staatlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Während die gesetzliche Rente als Säule in Deutschland für 60 Prozent der Menschen die einzige Einnahmequelle im Alter ist, sind es in den USA nur 40 Prozent. Zudem ist die Demographie günstiger, die Zuwanderer beteiligen sich mehr am Arbeitsmarkt und die Wirtschaft wächst schneller (zur vollständigen Analyse von Sven Ebert).

Ein respektvolles Miteinander

Die deutsche Gesellschaft braucht die Solidarität der Jungen mit den Älteren. Im Gegenzug müssen die Nettoeinkommen der Jungen ausreichend hoch sein, damit Kinder kein Luxus sind. Der Generationenvertrag sollte sich deshalb auf eine Grundsicherung im Alter beschränken. Steuern und Abgaben könnten dann sinken, sodass höheres Wachstum mehr Ressourcen für die Rente generiert.

Die daraus resultierende Notwendigkeit zur privaten Altersvorsorge braucht Geldwertstabilität. Zwar bietet eine Aktienrente ausreichend Sicherheit gegen Inflation. Doch schadet Inflation Ersparnissen in Form von langfristigen Bankeinlagen, die traditionell ein Steckenpferd der Deutschen sind.

Im besten Fall reicht das Einkommen eines Partners für die Familie aus. Das erfordert eine hohe volkswirtschaftliche Produktivität, die nur bei einer geringen Steuer- und Abgabenlast sowie stabilen Preisen möglich ist.

Über die Autoren:

Sven Ebert und Gunther Schnabl sind Volkswirte in Diensten des Flossbach von Storch Research Institutes in Köln. Ebert seit 2022 als Senior Research Analyst. Davor arbeitete er am Karlsruher Institut für Technologie und beim Rückversicherer Scor. Schnabl ist Senior Advisor beim Institut. Er hat außerdem seit April 2006 an der Universität Leipzig den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen inne und leitet dort das Institut für Wirtschaftspolitik.

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2 Antworten

  1. Leider enthält der Beitrag lediglich altbekannte Fakten und ebenfalls bekannte Fallbeispiele und Modelle einiger anderer Länder. Wo bleiben denn die konkreten Vorschläge für eine Umsteuerung? Vergangenheitsbetrachtungen, historische Analysen und berechtigte
    Klagen sind keine Lösungsansätze!

  2. Die Rente ab 63 kostete 4 Milliarden EURO, nicht 45 Milliarden EURO. Neudurchschnittsrente seit 2022 € 805,00, Pensionsrückstellungsdefizit Beamte/Politiker 3 BILLIONEN EURO -ohne Beitragseinzahlung ca. € 3200,00 überwiegend ab dem 63. Lebensjahr und Jahre länger. Aktuell sind alle angedachten Lösungen staatlich oder privat, auch gefördert bei bestenfalls 2% nach allen Kosten+ Inflation. Die Innovation für 9%, seit 7 Jahren einsatzbereit kann von Vorständen abgeholt werden. Nur hohe Rendite+ lange Laufzeit schafft adäquate Renten für fast alle.

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