+++ Dieses Interview wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. +++
Herr Bierl, in Ihrer Beratung haben sich die PKV-Anfragen mehr als verdreifacht. Wer sucht da gerade das Gespräch?
Stefan Bierl: Wir erleben gerade einen Ansturm von Wechselwilligen. Vor allem Gutverdiener, Selbstständige und Freiberufler melden sich bei uns. Die Anfragen haben sich in den vergangenen Wochen mehr als verdreifacht. Im April und Mai erreichten uns rund 80 Wechselanfragen pro Monat – im Vorjahreszeitraum waren es im Schnitt 25. Die GKV-Reform sorgt für Verunsicherung. Viele möchten verstehen, ob die PKV jetzt für sie eine Alternative ist.
Sollten Gutverdiener wegen der steigenden GKV-Beiträge jetzt in die PKV wechseln?
Bierl: Die PKV ist keine Alternative zum Geldsparen. Wer wegen 150 Euro Ersparnis im Monat wechselt, denkt zu kurz. Auch die PKV wird über die Jahrzehnte teurer – in der Vergangenheit ähnlich stark wie die GKV. Im Rentenalter, wenn für Angestellte der Arbeitgeberanteil entfällt, kostet sie viele Privatversicherte 1.000 Euro und mehr pro Monat. Wer in die PKV wechselt, sollte das tun, weil er bessere Leistungen will: schnellere Facharzttermine, Chefarztbehandlung, ein Einzelzimmer im Krankenhaus, hochwertigen Zahnersatz. Den Beitrag im Rentenalter muss man sich leisten können und wollen.
Was halten Sie von Vergleichsportalen und Testtabellen für die PKV-Auswahl?
Bierl: Schließen Sie eine PKV bitte nie „mal schnell“ über ein Vergleichsportal oder anhand einer Testtabelle ab. Das ist eine der komplexesten und individuellsten Versicherungen überhaupt. Jeder Tarif hat hunderte Details – von Selbstbehalten und Erstattungssätzen bis zu Alterungsrückstellungen. Welcher Tarif zu wem passt, hängt stark von Beruf, Familienplanung und Gesundheitshistorie ab. Eine unabhängige Beratung kostet keinen Cent mehr als der Direktabschluss. Aber sie macht über 30 oder 40 Jahre einen enormen Unterschied.
Wo machen Menschen beim PKV-Wechsel die größten Fehler?
Bierl: Die Gesundheitsprüfung ist die größte Falle der PKV. Wer hier eine Diagnose vergisst oder eine Behandlung verschweigt, kann noch Jahre später aus dem Vertrag fliegen und hat dann ein großes Problem. Bei grob fahrlässig falschen Angaben darf die PKV innerhalb der ersten fünf Jahre vom Vertrag zurücktreten, bei Vorsatz sogar zehn Jahre lang. Bei uns rufen jeden Tag verzweifelte Menschen an, denen die PKV genau aus diesem Grund gekündigt wurde. Fast alle haben damals selbst über ein Vergleichsportal oder direkt beim Versicherer abgeschlossen. Helfen können wir an diesem Punkt meist nicht mehr, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Wir fordern in unserer Beratung deshalb meist die vollständige Patientenakte bei der Krankenkasse an und bereiten die Gesundheitshistorie mit dem Interessenten detailliert auf. Das dauert ein paar Wochen, ist aber der einzige Weg zu einer wirklich wasserdichten PKV.
Was raten Sie Menschen, die mit dem Thema PKV liebäugeln, aber noch unsicher sind?
Bierl: Sich rechtzeitig damit beschäftigen, am besten in jungen Jahren. Mit jeder Diagnose, jedem Arztbesuch, jedem Eintrag in der Krankenakte steigt das Risiko, nur noch mit hohen Risikozuschlägen oder gar nicht mehr versichert zu werden. Im Einzelfall kann es zum Beispiel sinnvoll sein, für einen geringen Beitrag eine Anwartschaft abzuschließen, sich also einen zukünftigen Wechsel mit dem jetzigen Gesundheitszustand zu sichern. Mit Mitte 30 und ohne nennenswerte Vorerkrankungen kommen die meisten Antragsteller ohne Risikozuschläge durch. Mit Ende 40 ist ein Wechsel in die PKV oft schon nicht mehr sinnvoll möglich. Die Zeit arbeitet hier leider immer gegen den Versicherten.