Digitalisierung als Trend

„Der nächste Schritt heißt künstliche Intelligenz“

Der Schweizer Zukunftsforscher Lars Thomsen untersucht Trends und ermittelt sogenannte Tipping Points. Das ist der Zeitpunkt, an dem eine bisher gradlinige Entwicklung eine ganz neue Wendung nimmt. Im Gespräch mit Pfefferminzia erzählt er von den Ergebnissen seiner Beobachtungen.
© Lars Thomsen
Lars Thomsen ist Zukunftsforscher und Gründer von Future Matters.

Pfefferminzia: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus?

Lars Thomsen: Im kommenden Jahrzehnt wird sich die Welt stärker verändern als sie es in den zurückliegenden zehn Jahren getan hat. Die Innovationen werden zunehmen. Am Beispiel Smartphone sehen wir, wie rasant die Entwicklung voranschreitet. Im Jahr 2007 veränderte sich mit der Präsentation des ersten iPhones von Apple die Kommunikation und mit ihr die digitale Welt. Bis dahin schrieben wir mit dem Handy lediglich SMS und telefonierten. Doch heute, weniger als 600 Wochen später, hat mehr als die Hälfte der Menschheit ein solches Gerät und damit fast uneingeschränkten Zugang zu Wissen, Netzwerken und anderen Menschen und die Möglichkeit, eigene Ideen und Erfahrungen digital zu teilen. Der Megatrend der Digitalisierung ist allerdings fast abgeschlossen. Denn die meisten anlogen Technologien wurden bereits durch digitale ersetzt. Der Digitalisierung folgt nun ein noch fundamentalerer Megatrend: Künstliche Intelligenz. Die Geräte von morgen werden uns verstehen, sie denken und lernen.

Was bedeutet das für unseren Alltag?

Schon heute gibt uns Amazon mit Alexa einen ersten Vorgeschmack. Alexa versteht beispielsweise nach einer Spracheingabe „mir ist kalt“, dass das System die Heizung höher einstellen soll. Oder kann auf den Zuruf „das Essen ist auf dem Tisch“, passende Dinner-Musik abspielen und das Licht in der Wohnung dimmen. Dies zeigt die Richtung, wie wir künftig mit Computern interagieren werden: Mit künstlicher Intelligenz können die Systeme jetzt lernen, uns immer besser zu verstehen – nicht umgekehrt. Ähnlich wie wir Menschen, lernen sie über die Zeit immer besser zu werden. Es verhält sich ungefähr so, als ob wir mit 18 Jahren unseren Führerschein in der Tasche haben, aber danach in der Praxis noch sehr viel Erfahrung sammeln müssen, um wirklich souverän Autofahren zu können. Mit einem großen Unterschied: Wir lernen für uns allein, die Systeme dagegen im Kollektiv in der Cloud. Wenn beispielsweise 10.000 autonom fahrende Fahrzeuge ihre Lernerfahrungen im Straßenverkehr täglich in der Cloud „teilen“, dann lernen sie schneller als jeder Mensch, der dies nur alleine macht. Das ist der Grund, warum in den kommenden Jahren viele Dinge möglich werden, die derzeit unmöglich erscheinen.

Welche weiteren Trends werden sich in den kommenden Jahren durchsetzen?

Da gibt es einige. Aber um vielleicht die aus meiner Sicht einflussreichsten Megatrends zu nennen: Die nächste Dimension der Globalisierung, Urbanisierung und die Neudefinition des Begriffs „Arbeit“. Alle drei werden die Gesellschaften vor extrem große Herausforderungen stellen. Trotz dem vermeintlich aufkommenden Gegentrend einer neuen Nationalstaatlichkeit, erklimmt die Globalisierung nun die nächste Stufe: Nicht nur Märkte und Firmen sind global vernetzt, sondern auch das Individuum und die Innovation. Dies erzeugt ein neues Spannungsfeld, da auf der einen Seite der Ruf nach stärkeren Grenzen aufkommt, andererseits Innovation, Unternehmen und Individuen zunehmend in „grenzenlosen“ Netzwerken funktionieren. Der weltweite Zuzug in die Städte, die zunehmenden Megacities und Innovations-Metropolen, verlangt viele neue Lösungen etwa bei Mobilität, Ernährung und Wohnraum. Schließlich verändert sich die Arbeitswelt durch den zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotik so stark und schnell, dass wir davon ausgehen, dass in zehn Jahren die Hälfte der Deutschen nicht mehr in traditioneller Art und Weise arbeiten wird. Das betrifft Arbeitszeiten, Arbeitsorte und selbst eine klassische Karriere wird es nicht mehr so geben. Permanente Weiterbildung wird existentiell. Eine einmal abgeschlossene Ausbildung bringt uns keine 40 Jahre mehr durch das Berufsleben ohne regelmäßige Updates.

Wo liegen die größten Chancen und Risiken in dieser veränderten Welt?

Der Klimawandel stellt derzeit wohl das größte Risiko dar, da dieser sich nicht rückgängig machen lässt und nachhaltig die Lebensbedingungen auf der Erde verändert. Dies hat langfristig auch enorme volkswirtschaftliche Auswirkungen, die weitaus höher sind, als ein sinnvoller Klimaschutz heute. Ressourcen wie fruchtbarer Boden werden knapp, extreme Wettersituationen kennzeichnen zunehmend unseren Alltag. Und das Ganze wird sich wahrscheinlich noch beschleunigen.

Chance und Risiko zugleich betrifft den Trend der Robotik. Nicht nur in Fabrikhallen werden künftig Maschinen die Jobs der Menschen übernehmen: Die nächste Generation von Robotern kann gehen, hat Arme, Hände, Augen und Ohren: Humanoide Roboter werden in den kommenden zehn Jahren so günstig werden wie heute ein Kleinwagen. Viele Routinetätigkeiten, für die man bislang Menschen beschäftigen musste, können dann günstiger, schneller und besser von solchen Maschinen erledigt werden. Ob die Reinigung von Zimmern im Hotel oder im Haushalt, dem Zustellen von Paketen oder Betreuung und Pflege im Alter: Der Markt für Roboter kann bereits in zehn Jahren größer sein, als der Automobilmarkt heute. Andererseits muss den Menschen, die diese Berufe bislang ausgeübt haben, Alternativen gezeigt werden.

Problematisch ist, dass Roboter oder künstliche Intelligenz keinen Lohn für ihre Arbeit beziehen, und somit auch keine Lohnsteuer oder Sozialabgaben zahlen. Es stellt sich in Zukunft die Frage, ob wir nur menschliche Arbeit besteuern wollten, oder auch die von Maschinen – und auch, wie wir diesen Teil der volkwirtschaftlichen Wertschöpfung gerecht auf die Bevölkerung verteilen wollen.

Doch bei der Arbeit geht es für die meisten Menschen ja nicht nur ums Geldverdienen, sondern jeder möchte sich als nützliches Mitglied der Gesellschaft empfinden und Sinn, Bestätigung und Wertschätzung in seiner Tätigkeit finden. Unserer Meinung nach führt diese Entwicklung zu einer Zerreißprobe für viele Gesellschaften:  Während sich wenige Fachleute frei aussuchen können, wo, für wen und zu welchen Konditionen sie weltweit an der Zukunft arbeiten wollen, leben andere mit der zunehmenden Furcht, ihren Job zu verlieren. Die Gesellschaft und die Politik haben die Aufgabe, trotz dieses dramatischen Wandels die Kluft zwischen arm und reich nicht größer werden zu lassen. Der Druck, der von den Bürgern aufgrund von Ängsten vor einer ungewissen Zukunft ausgeübt wird, spiegelt sich bereits heute in den Wahlergebnissen vieler Länder wieder – aber es gibt noch keine Lösungen.

Stichwort Kommunikation: Wie wird es um die sozialen Medien bestellt sein? Welche wird es noch geben, welche nicht?

Prognosen zu konkreten Unternehmen machen wir als Zukunftsforscher nicht. Die sozialen Netzwerke per se bedienen das Grundbedürfnis der Menschen, sich mitzuteilen und Erfahrungen zu teilen. Wir sind soziale Wesen, die gern Geschichten erzählen und Geschichten hören. Mit diesen Medien stehen Plattformen zur Verfügung, ein größeres Publikum zu erreichen. Zudem haben sie einen immensen Einfluss darauf, wie wir Wissen teilen. Auch hier entwickeln sich die bisherigen Angebote weiter. Künftig wird jeder eine Art virtuellen Assistenten haben, der uns viele Routinetätigkeiten und Zeitfresser abnehmen wird – vom Sammeln und Zusammenstellen von Belegen für die Steuererklärung über das Beantworten von E-Mails bis hin zur aktiven Unterstützung in fast allen Belangen des Alltags. So gewinnen wir Zeit – für wesentlichere Dinge.

Das klingt doch alles sehr nach Science Fiction, oder?

Tatsächlich arbeiten Filmemacher dieses Genres oft mit Zukunftsforschern zusammen. Da es sich letztlich jedoch um Filme handelt, wird dabei gern dramatisiert oder übertrieben – damit es eine spannende Story ergibt. Doch was uns, ganz ähnlich wie bei den Märchen der Gebrüder Grimm bleibt, ist die Moral aus der Geschichte. Bei den Szenarien von Filmen heißt das, was können wir heute tun, damit es in der Welt von morgen kein böses Erwachen gibt? Wir gestalten unsere Welt selbst. Wenn wir Dinge vor- und durchdenken, erkennen wir mögliche Risiken. So gesehen hilft uns Science Fiction durchaus, frühzeitig Themen zu identifizieren um klug zu agieren.

Autorin

Manila Klafack war bis März 2024 Redakteurin bei Pfefferminzia. Nach Studium und redaktioneller Ausbildung verantwortete sie zuvor in verschiedenen mittelständischen Unternehmen den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit.

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