PKV-Forum 2017

„Warum werden wir das Gespenst der Bürgerversicherung nicht los?“

Das PKV-Forum 2017 in Köln bot im Vorfeld der Bundestagswahl einen spannenden Mix aus Sachstand und Visionen im Feld der Gesundheitspolitik. Die kontroverse Idee einer Bürgerversicherung bekam von den versammelten Experten den Todesstoß verpasst.
© Rupert Warren/Continentale Versicherungsverbund
Alexander Graf Lambsdorff (FDP) bei seinem Vortrag: Der stellvertretende Präsident des Europäischen Parlaments war beim PKV-Forum 2017 der Continentale kurzfristig für Christian Lindner eingesprungen.

Bereits zum 17. Mal fand in der Kölner Festhalle Gürzenich das PKV-Forum statt. Rund 1.000 Teilnehmer kamen zu dem vom Continentale Versicherungsbund organisierten Event, das seit Jahren über den Tellerrand der PKV-Branche hinausblickt und gesellschaftliche und politische Trends verständlich und spannend aufarbeitet.

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Wie in den vergangenen Jahren leitete ZDF-Moderator Michael Opoczynski („Wiso“) kompetent und akkurat durch das Programm, das leider einen prominenten Ausfall zu verzeichnen hatte. FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner hatte kurzfristig abgesagt und wurde von Alexander Graf Lambsdorff (FDP), stellvertretender Präsident des Europäischen Parlamentes, vertreten. Lambsdorff übernahm Lindners Leitthema „Freiheit, Solidarität, Eigenverantwortung“.

>>> Hier finden Sie die besten Bilder des PKV-Forums 2017.

Der Politiker sprach sich für stärkere Investitionen in Bildungswesen und Infrastruktur aus und plädierte dafür, den nach der deutschen Einheit eingeführten Solidaritätszuschlag abzuschaffen. Der immer wieder in Wahlkämpfen diskutierten Idee einer Bürgerversicherung erteilte er eine klare Absage. Eine planwirtschaftliche Einheitskasse passe nicht zum Bild des mündigen Bürgers.

Immer mehr Fake News

Medienjournalist Stephan Niggemeier sprach anschließend über die Zunahme an „Fake News“ in der heutigen Medienlandschaft und betonte die neue Qualität von Falschmeldungen, die es indes immer schon gegeben habe. Grund für die Zunahme an Fake News sei unter anderem, dass Journalisten kein Monopol mehr als Publizisten haben. Heutzutage kann jeder News verbreiten. Meinungen mit Schockwirkung, die die eigene Einstellung bestätigen, würden dabei besonders gerne über die sozialen Medien weiterverbreitet. „Fake News sind nicht nur die Ursache, sondern auch ein Symptom des Problems“.

Die Podiumsdiskussion mit fünf Branchenexperten stand dann ganz im Zeichen des bereits erwähnten Reizthemas. „Wir müssen uns mit den Fakten der Bürgerversicherung auseinandersetzen“, sagte Christoph Helmich, Vorstandschef des Continentale Versicherungsverbunds, als Einleitung zur Podiumsdiskussion, „auch wenn die SPD mit diesem Thema bisher noch jede Wahl verloren habe“.

Einheitskrankenversicherung ist nicht gerechter

Helmich verwies darauf, dass Deutschland mit dem dualen System von PKV und GKV in der Gesundheitspolitik bei Wartezeiten und Qualität weit besser dastehe als manche Nachbarländer, die bereits vor Jahren ein Einheitssystem in der Krankenversicherung umgesetzt hätten.

Michael Opoczynski moderierte die Diskussionsrunde, an der Experten aus Wissenschaft und der Assekuranz teilnahmen und stellte mehrere provokante Thesen in den Raum wie etwa „Die Bürger sind bereit die Finanzierungsrisiken zu übersehen, Hauptsache es geht gerecht im Wartezimmer zu“ oder „Die Bürgerversicherung bietet mehr Gerechtigkeit für alle“, was von allen Experten unisono verneint wurde.

Martin Albrecht, Geschäftsführer IGES Instituts, verteidigte die aktuelle Studie seines Instituts. Wäre die gesetzliche Krankenversicherung auch für die Staatsbediensteten Pflicht, könnten Bund und Länder bis 2030 rund 60 Milliarden Euro einsparen und die Beiträge für alle gesetzlich Versicherten sinken. Die Kollegen auf dem Podium wiesen zu Recht darauf hin, dass der rechtliche Rahmen bei der Studie völlig unberücksichtigt geblieben war und die tatsächliche praktische Durchführbarkeit einer solchen Aktion gegen Null tendiere.

Blick in die Zukunft

Am Nachmittag ging es weiter mit einem tiefen Blick in die Zukunft. Aufs Podium trat Sven Gábor Jánszky, renommierter Zukunftsforscher des Trendinstituts „2b AHEAD Think Tank“. Da Zukunft nicht messbar sei, müsse man mit den Entscheidern zukunftsorientierter Unternehmen sprechen, was er ständig tue. „Innovation geht nicht davon aus, dass Menschen sich diese wünschen. Sie geht von Unternehmen aus, die Geräte verkaufen wollen“, so Janszky.

Ein Höhepunkt des Tages:

Jánszky präsentierte einen Gedankensteuerungsapparat. Dieser misst Hirnströme. Nach kurzer Einlernzeit konnte ein Forumsteilnehmer mit Hilfe des Gedankensteuerungsapparates und einer damit verbundenen Software – allein durch die Kraft seiner Gedanken – einen Würfel auf dem Bildschirm erst bewegen und dann sogar verschwinden lassen.

Zum Abschluss des PKV-Forums sprach Unternehmer und TV-Star Jochen Schweizer (Vox-Show „In der Höhle des Löwen“) von seinem Lebensweg als Extremsportler und erfolgreicher junger Unternehmer. Nachdem sich 2003 ein tödlicher Unfall auf einer seiner Bungee-Sprung-Anlagen ereignet hatte, stand er kurz darauf vor dem beruflichen Nichts und verlor sein gesamtes Vermögen. Wie er mit der Tragödie umging und den Weg zurück ins Unternehmerleben fand, war Teil seines höchst eindrücklichen Vortrags „Unternehmer des eigenen Lebens.“

Fazit:

Die besondere Stärke des PKV-Forums besteht darin, Top-Referenten einzuladen, die die Fähigkeit haben, weit über den Tellerrand der Assekuranz hinauszublicken. Die Vorträge regen zum Nachdenken an und wirken lange nach. Die typischen Produktvorträge sucht man hier vergebens. Der Continentale Versicherungsverbund kündigte bereits für 2018 das nächste PKV-Forum in Köln an.

Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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