Bisher war es immer einfach: Jedes Jahr erhalten Rentner mehr Geld. Und Arbeitnehmer, wie ich einer bin, müssen das über Beiträge aufbringen. Reichen die nicht aus – und das tun sie nicht mehr – buttert der Finanzminister aus dem Steueretat noch kräftig was hinzu. Inzwischen weit mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr.
Was mich schon lange stört, ist ein mathematisches Problem: Wer schon hohe Rente bezieht, bekommt zu jedem Rentenanstieg noch deutlich mehr mehr (kein Schreibfehler) als diejenigen mit niedrigen Renten. Im Skat sagt man dazu auch: „Der Teufel sch**** immer auf den größten Haufen.“ Ein nicht ganz seltenes Prinzip in diesem Land, behaupte ich mal.
Ich als mündiger Zahler hätte es besser gefunden, wenn sehr niedrige Renten mal zählbar gestiegen wären. Armut bekämpfen, Sie wissen schon. Damit das geschieht, muss man nach geltendem System prozentual noch höher ansetzen. Aber damit zieht man wiederum die eh schon hohen Renten nur noch stärker hoch. Basiseffekt nennt man das auch, und der kann sehr gemein sein.
Um das klar zu sagen: Ich zahle meinen Beitrag gern, und ich halte das Umlageverfahren grundsätzlich für in Ordnung. Das gehört zu meiner sozialen Einstellung. Doch mir schmeckt einerseits dieser von mir beschriebene Basiseffekt nicht und andererseits, wie wir uns sehenden Auges in die demografische Zwickmühle begeben. Die Sozialminister Hubertus Heil und Bärbel Bas haben die Rentenansprüche noch mal so richtig hochgezogen. Und begründen das jedes Mal mit dem starken Arbeitsmarkt und den gestiegenen Löhnen.
Eine Momentaufnahme wird damit zur Basis für die kommenden Jahrzehnte. Gehen demnächst Millionen Babyboomer in Rente? Egal! Wir leben ja schließlich im Jetzt und Hier, oder? Meine Güte, mein achtjähriger Sprössling beweist manchmal mehr Weitsicht als ein Sozialminister.
Insofern ist die von der Rentenkommission vorgeschlagene neue gesetzliche Kapitalrente wirklich mal was Neues. Ein weiterer Zusatzbeitrag soll in ein schönes, breites Aktienportfolio wandern und später meine Rente aufbügeln. Weshalb es natürlich erstmal wieder heißt: Toll, mein Rentenbeitrag steigt schon wieder. Mein Netto schrumpelt noch weiter zusammen. Spitze – und blöd für den Einzelhandel. Aber habe ich im Ernst gedacht, dass mir die Reform den Beitrag senkt? Ich will ja an das Gute im Leben glauben, aber so weit wage ich mich dann doch nicht in das Genre der Fantasy hinaus.
Doch diesmal hat der erneute Beitragsaufschlag einen anderen Geschmack: Er ist meiner Generation und Jüngeren gewidmet. Er bringt Weitsicht mit. Er hat Zukunft. Deutschland geht damit einen Weg, den viele andere Länder schon lange, lange zuvor eingeschlagen haben (was nach Glanzleistungen in Industrie und Gesellschaft erneut zeigt, wie spät wir inzwischen aus dem Mus-Pott kommen).
Jahrzehntelang hat sich Deutschland hartnäckig geweigert, am eigenen wirtschaftlichen Erfolg über Aktienanlagen teilzunehmen. Doch jetzt geht es los, der erste Schritt ist getan.
Es ist ein guter Schritt. Er braucht von mir aus das Umlageverfahren nicht zu ersetzen. Das brauchen wir aus sozialen Gründen weiter. Aber er nutzt naheliegende Erträge aus der Wirtschaft, die uns Beitragszahler wirklich mal entlasten.
Ein absolut überfälliger Schritt und lieber spät als nie. Schlimm genug, dass wir eine Rentenkommission brauchten, um das zu erkennen.
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