Gebühren sind nicht alles

Altersvorsorgedepot: Leute, unterschätzt das bitte nicht!

Scalable Capital will das Altersvorsorgedepot fast kostenlos bringen, und der Verbraucherschutz klatscht höchstwahrscheinlich Beifall. Doch wer immer nur auf Gebühren schielt, vergisst etwas, was heute viele Menschen gar nicht mehr einschätzen können: Wie schlimm ein Aktiencrash an den Nerven zerrt. Ich kann davon ein Lied singen.
Redakteur Andreas Harms: „Wenn alle Welt über langfristige Altersvorsorge mit Aktienfonds redet, dann kennen viele nur die eine Hälfte der Medaille. Die schönere.“
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Redakteur Andreas Harms: „Wenn alle Welt über langfristige Altersvorsorge mit Aktienfonds redet, dann kennen viele nur die eine Hälfte der Medaille. Die schönere.“

Es ist schon eine Weile her, im Jahr 2003. Die Kurse an den Aktienmärkten sind fast drei Jahre gefallen. Nur unterbrochen von wenigen, zwischenzeitlichen Kursanstiegen. Ziemlich genau in der Mitte des Crashs sind zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen. Der Dax ist von seinem damaligen Höchststand über 8.000 Punkten auf weit unter 3.000 Punkte gerutscht. Die Volksaktie der Deutschen Telekom hat mit einem Fall von fast 105 auf unter 10 Euro jeden Anschluss verloren. Fast alle Aktienfondspositionen meiner Kunden liegen weit im Minus.

Ich bin damals Wertpapierberater in einer großen deutschen Bank. Vor mir sitzen normale Menschen und fragen Dinge wie „Was soll das denn noch bringen?“, „Kommt da jemals was raus?“ und „Warum haben Sie mir das empfohlen?“ Einige verlieren die Nerven, stoppen ihre Aktienfondssparpläne und verkaufen alles. Mit hohen Verlusten. Ob sie seitdem jemals wieder einen Aktienfonds angefasst haben, weiß ich nicht.

Der letzte echt Crash ist 17 Jahre her

So etwas erscheint heute kaum vorstellbar. Jeder Aktiencrash in den vergangenen Jahren dauerte nur ein paar Monate oder reichte nicht wirklich tief. Aktienmärkte wie auf Dope. Weiter, weiter, immer weiter. Der letzte echte Crash – lang und schlimm – war in der Finanzkrise 2008 und 2009.

Junge Leute, die heute über das Altersvorsorgedepot oder sonstwie vorsorgen sollen, gingen damals noch zur Schule. 2003 lagen sie vielleicht in den Windeln. Wenn überhaupt.

Wenn jetzt also alle Welt über langfristige Altersvorsorge mit Aktienfonds redet, dann kennen viele nur die eine Hälfte der Medaille. Die schönere.

Jetzt haut mit Scalable Capital der erste Neobroker seinen Pflock in den Boden. „Bei uns musst du kaum was bezahlen!“, heißt es dann und „Gebühren nehmen wir keine!“ Das ist auch in Ordnung. Auch ich kaufe gern im Aldi ein und freue mich, wenn alles günstig ist.

Es geht um Beistand

Doch ich frage mich, ob diese Häuser, ebenso wie der allgegenwärtige Billig-Billig-Verbraucherschutz das alles nicht auf die allzu leichte Schulter nehmen. Einfach 40 Jahre lang in einen Aktienfonds zu sparen ist eben: nicht so einfach. Die Linie verläuft nicht so gerade wie in den hübschen Vorsorgerechnern. Wenn in der Zwischenzeit nach einem saftigen Crash alles mal eben 40 Prozent weniger wert ist, ist es – pardon – völlig wurscht, wie günstig der ganze Kram war. Dann geht es um Beistand!

Zusätzlich rauscht es nämlich noch von weiteren Seiten: Auf Social Media prahlen Menschen damit, keine Verluste erlitten zu haben (egal, ob es stimmt oder nicht). Aus der Wirtschaft treffen miese Nachrichten ein (denn warum sollte der Aktienmarkt sonst zusammenbrechen?). Und am Ende stimmt sehr wahrscheinlich die „Bild“-Zeitung einen sehr lauten Blues an. Und glauben Sie mir, das kann sie wirklich gut.

Gerade als junger Mensch (der ich ja damals war) wird es sehr schwer, durch so eine Phase durchzukommen. Allerdings bemerkte ich damals auch, wie gelassen einige ältere und erfahrenere Menschen blieben. Während ich morgens kaum noch die Kaffeetasse ruhig halten konnte.

Hauptsache, es war billig

Nun sei folgende die Frage gestattet: Wie will ein Neobroker, der kaum Gebühren nimmt und alles hochautomatisch zurechtfriemelt, in solchen Zeiten tausende besorgte Kunden bei der Stange halten? Personal kann das ja wohl kaum erledigen. Bleiben also standardisierte Rundschreiben und eine fesche KI am Telefon. Na, dann mal los!

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wie ein Vermittlerverband klinge: Es ist wichtig, vorsorgenden Menschen Berater zur Seite zu stellen. Wer es beim Billig-Broker packt und auch schwierige Phasen cool übersteht – prima, alles richtig gemacht. Aber das wird nun mal nicht jeder hinbekommen.

Indem bestimmte Kräfte Vermittler und Berater ständig unter Generalverdacht stellen und stattdessen auf billig pochen, riskieren sie etwas ganz anderes: Dass ein großer Teil der Vorsorger irgendwo zwischen Start und Rente die Nerven verliert und abbricht.

Aber Hauptsache, es war schön billig.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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6 Kommentare

  1. Lieber Andreas, wenn ich das richtig verstehe, bietet Scalable die gleiche Produktlösung an, wie sie von wohl allen anderen auch geboten werden wird. Worin soll der Unterschied bei einem gleichen/ ähnlichen ETF oder entsprechenden Risikoprofilen bestehen, wenn nicht bei den Produktkosten? Und da ist die Benchmark wohl gesetzt.
    Dazu mit einem Medienauftritt über „Bild“, der auch zeigt, wohin die Reise in der Kommunikation gehen wird. Und eins muss man den Neobrokern auch bestätigen, Sie wissen , was ihre Kunden wollen. Schau ich mir deren Depot- Antragsstrecke an und die Oberflächen ihrer Plattform, wirkt das einfach moderner und lädt ein.
    Auch das AV- Gesetz hat für diese neuen Kräfteverhältnisse die Grundlage gelegt. Der Berater wurde schlichtweg vergessen.
    Und weitere Anbieter werden folgen.
    So hat wohl als erstes DAX- Unternehmen auch die Telekom mit Magenta Finance für ihre Belegschaft ein AVD- geplant, mit 0,06% Kosten plus ETF- Kosten.
    Allen dürfte damit so langsam klar werden, dass es mit dem AVD für den Vertrieb und den Berater über die gewohnte produktbezogene Abschlussvergütung nichts mehr zu holen sein wird.
    Leider fehlen aktuell die Lösungen der Versicherer und darauf darf man als Versicherungsmakler wirklich gespannt sein. Welche Argumente werden in Feld geführt und wo greift Value for money?

    Aus meiner Sicht muss sofort das Verbot fallen, für Beratung bei Verbrauchern keine Vergütung verlangen zu dürfen. Das war schon immer weltfremd und wäre jetzt diskriminierend gegenüber einer Berufsgruppe, die natürlich einerseits unternehmerisch kalkulieren muss, andererseits auch eine sozialpolitische und gesellschaftliche Aufgabe hat. Welches Angebot dann für den Kunden herauskommt, sollte unter diesen neuen Rahmenbedingungen völlig zweitrangig sein und könnte auch eine Chance bedeuten, wirklich unabhängig agieren zu können.

    Wenn der Vermittler/ Makler Orientierung und persönliche Unterstützung bietet und zum #Lebensbegleiter360Grad wird, steigen seine Chancen, auch weiterhin in einem dieser Lebensbereiche , der Altersvorsorge- und Ruhestandsplanung, Ansprechpartner zu bleiben und dafür auf Dauer vergütet zu werden.

    Mit besten Grüße
    Dirk Erfurth
    diPAY- Gründer

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