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Die deutschen Lebensversicherer stehen solide da, stehen aber vor tiefgreifenden strukturellen Problemen. Das ist das Fazit des aktuellen Marktausblicks der Kölner Rating-Agentur Assekurata.
Aber von vorn: Auf der Ertragsseite profitiert die Branche klar von der Zinswende. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juni 2026 erstmals seit drei Jahren die Leitzinsen wieder angehoben – der Einlagesatz stieg um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent.
„Höhere Zinsen stärken die Neuanlagerenditen und entlasten die Finanzierung der Garantien“, sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. „Sie belasten aber die Marktwerte bestehender Anleiheportfolios, wodurch sich die hohen stillen Lasten verfestigen würden.“ Ein solcher Effekt habe sich bereits zum Bilanzstichtag 2025 gezeigt, als die stillen Lasten der Branche mit rund 100 Milliarden Euro nahezu wieder den Höchstwert aus 2022 erreichten und die Ertragsflexibilität damit stark einschränkten.
Auf der anderen Seite tragen neben den höheren Neuanlagerenditen auch die Rückflüsse aus der Zinszusatzreserve (ZZR) dazu bei, dass sich die Rohüberschüsse der Lebensversicherer deutlich erhöht haben. Nach Berechnungen von Assekurata ist der branchenweite ZZR-Bestand Ende 2025 erstmals wieder unter 80 Milliarden Euro gesunken. Damit liegt das Volumen deutlich unter dem historischen Höchststand von 96 Milliarden Euro aus dem Jahr 2021.
Die bilanzielle Umsatzrendite liegt bei rund 18 Prozent – nach zeitweise weniger als 10 Prozent in der Niedrigzinsphase. Für 2027 und 2028 erwartet Assekurata wegen noch höherer jährlicher ZZR-Rückflüsse sogar Werte von rund 20 Prozent und mehr.
Die Solvenzquoten der Lebensversicherer zeigen sich sehr stabil: Im Branchenschnitt lag sie Ende 2025 bei knapp 380 Prozent und damit fast vierfach über der Mindestanforderung. Übergangsmaßnahmen spielen nur noch in wenigen Einzelfällen eine Rolle.
Sorgen bereiten den Analysten die Kosten. Die Verwaltungsstückkosten je Vertrag sind auf rund 27 Euro gestiegen. Vor 15 Jahren waren es noch weniger als 23 Euro. Gleichzeitig schrumpft die Vertragsbasis: Der Bestand sank seit 2011 um rund 10 Millionen auf zuletzt etwa 79 Millionen Verträge.
„Die verbesserte Ertragslage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Geschäftsmodelle auf der Kostenseite strukturell angespannt sind“, mahnt Heermann.
Ab 2027 dürfte die Altersvorsorgereform den Wettbewerb zusätzlich verschärfen. Künftig werden geförderte Produkte stärker nach Kosten, Transparenz und digitaler Abschlussfähigkeit verglichen – auch mit Depot-, Fonds- und Plattformlösungen. Lebensversicherer müssten dabei den Wert einer lebenslangen Rente neu erklären, so Assekurata.
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„Die Lebensversicherung leidet nicht an fehlendem Vorsorgebedarf, sondern an einer Erlebnis-, Preis- und Transparenzlücke gegenüber digitalen kapitalmarktnahen Angeboten“, sagt Heermann. Kunden müssten transparent erkennen können, was sie für ihre Kosten als Gegenwert erhalten. Aus Sicht von Assekurata sollten sich die Lebensversicherer nicht als Gegenmodell zum Kapitalmarkt positionieren, sondern als geeignete Alternative mit Beständigkeit, Risikoausgleich und bedarfsgerechtem Ruhestandsschutz.
Kritisch sieht die Rating-Agentur das geplante staatliche Standardangebot: Ordnungspolitisch entstehe ein Spannungsfeld, wenn der Staat selbst mit einem eigenen Produkt in den Markt eintrete. Damit private Anbieter fair konkurrieren können, sollten für das staatliche Angebot dieselben Anforderungen an Kapitalanlage, Kostentransparenz, Produkthaftung, Information und Wechselprozesse gelten, findet Heermann: „Hier sind allerdings noch wesentliche konzeptionelle und operative Fragen offen, sodass wir derzeit nicht davon ausgehen, dass zu Jahresbeginn 2027 bereits ein staatliches Angebot verfügbar sein wird.“
Assekurata erwartet, dass die meisten Lebensversicherer die neue geförderte Altersvorsorge schon früh im nächsten Jahr auf den Markt bringen werden. Die konkrete Ausgestaltung wird sich dabei je nach Anbieter unterscheiden. Auf Seiten der Geschäftsprozesse kann die Assekuranz von ihren Erfahrungen aus der Riester-Welt profitieren, wohingegen viele branchenfremde Wettbewerber hier Neuland betreten. Zugleich sollten die Lebensversicherer mögliche Wechselimpulse von Kunden aus bestehenden Riester-Verträgen im Blick behalten. Übermäßige Abflüsse könnten nicht nur die eigene Bestandsfestigkeit belasten, sondern auch hohe Anforderungen an die Liquiditätssteuerung in der Kapitalanlage stellen.
„Insgesamt haben die Lebensversicherer wieder mehr finanzielle Bewegungsfreiheit“, fasst Lars Heermann die Marktperspektiven zusammen. „Doch daraus entsteht kein Automatismus für neues Wachstum. Die Branche muss jetzt beweisen, dass sie ihre Stärken in eine einfachere, transparentere und kapitalmarktnähere Vorsorgelogik übertragen kann.“
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