Was Pamela Reif hinter sich hat, schafft nicht jede. Als in Deutschland die Corona-Pandemie läuft, trainiert sie auf Youtube live mit tausenden Menschen. Schließlich sind alle Sporthallen geschlossen. Reifs Youtube-Kanal wächst in der Zeit von 2 auf 8 Millionen Abonnenten.
Doch der Erfolg hat einen Preis, den Reif dem „Spiegel“ nennt: „In dieser Zeit habe ich 14 Stunden am Tag gearbeitet, jahrelang, ohne freie Tage.“ Es ist ein Pensum, das sonst Geschäftsführer abliefern, vielleicht auch einige andere Selbstständige. Und das nicht jeder so gut übersteht wie Pamela Reif.
Sie gehört zur neuen Berufsgruppe der Influencer aus der Welt der „Creator Economy“. Menschen, die ein riesiges Stammpublikum fortlaufend mit Informationen, Fotos, Beiträgen versorgen und begeistern (müssen). Und die ihren Leuten nebenbei als bester Freund klarmachen, welches Deo sie sprühen sollen, welchen Tee trinken und welche Hosen tragen. Clementine und Herr Kaiser waren gestern, Influencer sind heute. Der „Spiegel“ zitiert eine Umfrage unter deutschen Abiturienten, von denen sich 43 Prozent eine Karriere als Influencer vorstellen können.
Doch gerade, weil das Influencertum zum großen Teil aus glanzloser, harter (Kreativ-)Arbeit besteht, drängt sich die Frage auf, ob sich solche Menschen nicht auch gegen Berufsunfähigkeit versichern sollten. Sie und das Heer der sogenannten Reality-Stars, die sich und ihr Leben vor anderen komplett ausbreiten. Doch es gibt noch viele weitere neue Berufe, zum Beispiel aus der neuen Technikwelt. Denken wir nur an Spezialisten für künstliche Intelligenz (KI) oder Cloud-Technik. Alles Dinge, die noch vor zehn Jahren einigermaßen utopisch gewesen wären und die sich heute auf den Wunschzetteln in der Berufsausbildung wiederfinden. Moderne Zeiten, gar keine Frage.
Da wäre gleich zu Beginn ein grundsätzliches Problem, das Benjamin Brummer von der Rating-Agentur Morgen & Morgen anspricht. „Versicherer nehmen neue Berufe oft erst zeitverzögert auf“, berichtet der stellvertretende Bereichsleiter Mathematik und erklärt sogleich den Grund: „Für die Kalkulation einer BU-Versicherung benötigen sie belastbare Erfahrungswerte zur Schadenhäufigkeit und zum Berufsrisiko. Fehlen diese Daten, ist eine risikogerechte Einstufung schwierig.“
Somit beginnt die große Kunst, sobald sich eben doch jemand mit neumodischem Beruf versichern lassen will. Allzu häufig kommt es immerhin noch nicht vor, wie die Liste mit den am häufigsten angefragten Berufen bei Morgen & Morgen zeigt (siehe Tabelle). Aber es kommt nun mal vor. Und dann? „Viele neue Berufe lassen sich zunächst bestehenden Tätigkeitsprofilen zuordnen“, erklärt Brummer und nennt Beispiele: „KI- und datenbezogene Berufe wie Data Scientist, Machine Learning Engineer oder KI-Ethiker werden häufig ähnlich eingestuft wie klassische IT- oder Programmierberufe, da die Tätigkeit überwiegend analytisch und bürobasiert erfolgt.“ Ähnliches gilt für weitere Berufe rund um die neue digitale Welt. Und wenn sie sich so zuordnen lassen, nehmen Versicherer neue Berufsbilder auch schneller in ihre Kataloge auf. Brummer: „Fehlt diese klare Zuordnung, entsteht für den Versicherer erhebliche aktuarielle Unsicherheit.“
Deutlich kniffliger wird es ebenfalls, wenn es um die Creator Economy geht. „Content Creator, Influencer oder Podcaster vereinen häufig kreative, mediale und unternehmerische Tätigkeiten. Zudem unterscheiden sich Arbeitsweise, Einkommen und berufliche Stabilität“, meint Brummer. Das mache die Sache schon deutlich komplexer.
Das sieht auch Philipp Wedekind von Franke und Bornberg so. Während auch er viele Technikberufe noch für gut zuzuordnen hält, sieht er vor allem künstlerische Berufe kritisch – und dazu lässt sich die Creator Economy mit etwas Fantasie durchaus zählen. „Solche Berufe sind wie schon Musiker oder Maler schwer abzusichern. Es war schon immer so, dass dann anstelle der BU-Versicherung die Erwerbsunfähigkeits- oder Grundfähigkeitsversicherung geeigneter sind“, sagt der Leiter Ratings Vorsorge und Nachhaltigkeit.
Auch bei renommierten BU-Versicherern erkennt man die eine oder andere nicht abdeckbare Lücke. „Natürlich gibt es einzelne Berufsbilder, wie zum Beispiel Influencer, die in der Berufsunfähigkeit nicht versichert werden können“, sagt etwa Thomas Pollmer, Leiter Produktmanagement Leben bei der Continentale Versicherung, um sogleich den gleichen Ausweg zu zeigen wie Philipp Wedekind: „In vielen Fällen bieten wir mit unserer Erwerbsunfähigkeitsversicherung eine echte Alternative für den Schutz der Arbeitskraft.“
Insgesamt zeigt sich Pollmer in Bezug auf neue Berufsbilder recht entspannt. „Berufsklassen spielen keine Rolle mehr“, sagt er. „Die Risikoeinstufung erfolgt bei uns bereits seit einigen Jahren individuell nach Parametern wie Beruf, Art und Ort der Tätigkeitsausübung, beruflicher Qualifikation, Personalverantwortung und anderen Kriterien.“ Schon seit Jahren verfolge sein Haus die Entwicklungen genau und nehme regelmäßig neue Berufe in die Tarifwelt auf.
Bei der Alten Leipziger tauchen neue Berufsbilder vor allem im Umfeld von Digitalisierung und KI auf. „Entsprechend sehen wir zunehmend Anfragen zu Tätigkeiten wie Data Scientist, Machine-Learning-Engineer, Prompt Engineer, Cloud-Architekt oder ESG-Manager. Viele dieser Berufe haben sich erst in den vergangenen Jahren als eigenständige Tätigkeitsprofile etabliert“, teilen Sascha Klein aus dem Service Center Privatkunden und Fabienne Dreyer aus dem Vertrieb mit.
Auch diese beiden betonen, dass der Versicherer auf die konkrete Tätigkeit schaut und nicht darauf, wie der Beruf heißt. „Schwieriger wird die Einschätzung bei sehr neuen, stark wechselnden oder außergewöhnlichen Tätigkeitsprofilen. Dann ist eine individuelle Prüfung erforderlich“, erklären sie weiter.
Deshalb legen sie Maklern besonders ans Herz, die tatsächlichen Tätigkeiten der zu Versichernden genau und nachvollziehbar zu beschreiben: „Gerade bei neuen oder schwer einzuordnenden Berufen empfiehlt sich eine ausführliche Tätigkeitsbeschreibung mit typischem Tagesablauf, Angaben zu Ausbildung und beruflichem Schwerpunkt sowie gegebenenfalls Referenzen oder Online-Auftritten. Je sauberer die Dokumentation, desto verbindlicher und verlässlicher kann die Risikoprüfung erfolgen.“
Wenn man den auf BU spezialisierten Makler Tobias Bierl dazu befragt, fallen sofort Berufsbegriffe, die gut und gern dem Raumschiff Enterprise entsprungen sein könnten. Prompt Engineer, zum Beispiel, oder Cloud Fin-Ops Specialist oder Artificial Intelligence for Molecurar Sciences. Umso verblüffender erscheint das, was Bierl dazu rät: „Man darf das alles nicht so kompliziert sehen und denken. Es geht nicht darum, die absolut richtige Bezeichnung zu finden und vielleicht sogar auf Versicherer zu verzichten, welche den Beruf gerade nicht führen.“
Ach wirklich? Wie vereinfacht er also die Lage? Ein Kniff ist es, dass er den Ball ins Spielfeld der Versicherer legt und schaut, wer gegentritt. Er erklärt: „Wir lassen den Interessenten in wenigen Sätzen die aktuelle Tätigkeit und Ausbildung beschreiben und geben dem Versicherer entweder eine passende Berufsbezeichnung vor oder fragen direkt, wie er das einstufen würde.“ Der Vorteil: Der Versicherer entscheidet und bestätigt somit alles sofort. „So gibt es dann auch keinen Ärger im Leistungsfall, da der Versicherer die berufliche Tätigkeit und Einstufung akzeptierte beziehungsweise sogar vorgab“, so der Makler.
Dass manche neuartigen Berufe nur teuer oder sogar überhaupt nicht versicherbar sind, wundert Bierl nicht wirklich. Das habe es auch früher gegeben, nur waren es damals vielleicht mehr Bergleute, Sättigungstaucher oder ähnliches. Was er in solchen Fällen tut? „Offen und ehrlich sagen, dass die Berufsunfähigkeitsversicherung vielleicht nicht die beste Wahl ist.“ Und dann gibt es zwei mögliche Auswege. Erstens wie schon erwähnt über andere Wege absichern, zum Beispiel Erwerbsunfähigkeit oder Grundfähigkeit, gekoppelt mit weiteren Policen. Und zweitens könnten sich andere Vermittler auf genau solche Berufsgruppen spezialisiert und entsprechende Sonderkonzepte entwickelt und vereinbart haben. „Hier lohnt sich gegebenenfalls eher eine Kooperation oder die Übergabe, als auch hier wieder zwanghaft eine Lösung zu suchen“, empfiehlt Makler Bierl.
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