Beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) denken wahrscheinlich die meisten zuerst an ChatGPT. Die Verbindung zur Altersvorsorge und Rentenlücke kommt einem dabei nicht sofort in den Sinn.
Doch der Zusammenhang zwischen der potenziellen Rentenlücke und KI liegt klar auf der Hand, erklärt Martin Gattung, Geschäftsführer von Aeiforia, am 23. Juni in seinem bemerkenswerten Vortrag auf dem German Equal Pension Symposium (GEPS) in Köln. Das GEPS ist eine Konferenz der Versicherungsbranche, auf der Expertinnen und Experten überlegen, wie sich die generelle Rentenlücke aber auch die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern (Gender Pension Gap) schließen lässt. Ins Leben gerufen hat die jährlich stattfindende Veranstaltung die bAV-Maklerin Cordula Vis-Paulus.
Doch zurück zum Vortrag. Den Zusammenhang zwischen Rentenlücke und KI erklärt Gattung so: Die neue Technologie verändert rasant die Lebensbedingungen und Prozesse vieler Branchen. Dazu zählt auch die Pharmaindustrie. Dort beschleunigt KI die Medikamentenforschung erheblich. Laut Studien dauert es derzeit 10 bis 15 Jahre, bis Pharmahersteller neue Medikamente zulassen. KI verkürzt diesen Prozess laut Gattung auf vier bis fünf Jahre.
Die Konsequenz: Wir werden künftig immer älter, weil es unter anderem mehr und bessere Medikamente geben wird.
KI sorgt für Fortschritte bei Medikamenten
Aus seiner Sicht wird die Medizin immer mehr zur Datenmedizin. Als Beispiel nennt er das Mainzer Unternehmen Biontech, das derzeit ein Medikament gegen Krebs erforscht, das unter Umständen 2030 zugelassen werden könnte.
Das Problem bei dieser eigentlich guten Nachricht: Können wir uns diese neu gewonnene Langlebigkeit als Gesellschaft und auch individuell überhaupt leisten?
Die Rentenübersicht digital abfragen
Was jeder Einzelne aus Gattungs Sicht bereits heute tun kann: die eigene Rentenübersicht über die Website www.rentenuebersicht.de digital abfragen. Dazu benötigen Personen lediglich einen elektronischen Personalausweis, ein NFC-fähiges Smartphone und ihre Steuer-ID. Den elektronischen Personalausweis benötigten die meisten eh bald, so Gattung.
Apropos Langlebigkeit: Ein wichtiger Aspekt, den viele bei der Altersvorsorge vergessen: Frauen werden – statistisch gesehen – einige Jahre älter als Männer, erklärte Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP), in seinem Vortrag.
Aus diesem Grund lohnen sich lebenslange Rentenoptionen für Frauen bei gleichen Einzahlungen mehr als für Männer, da Versicherungsprodukte als Unisex-Tarife angelegt sind, also keine Unterschiede zwischen Mann und Frau machen dürfen.
Künftige Rentner werden älter
Was bei dem Thema Langlebigkeit auch spannend ist: 40 Prozent der Frauen, die heute in Rente gehen, werden über 90 Jahre alt. Diese Zahlen erklärt Nadine Lauser, Leiterin der Abteilung Leben bei der Stuttgarter Versicherung, in ihrem Vortrag. Und künftige Rentner – Frauen wie Männer – werden statistisch gesehen noch älter.
Lauser veranschaulicht in ihrem Vortrag, dass es für die meisten Personen „nicht mehr viel bringt, in den letzten zehn Jahren vor der Rente hohe Beträge zu investieren.“ Denn der Zinseszinseffekt zeigt seine volle Wirkung vor allem bei Investments über mehrere Jahrzehnte.
Aus Sicht der Expertin ist finanzielle Unabhängigkeit generell nichts Geschlechterspezifisches. Männer sollten sich genauso sehr wie Frauen ausreichend um ihre Altersvorsorge kümmern.
Warum sich nicht nur Geringverdiener um ihre Rente sorgen, sondern auch eine Gruppe, die viele nicht automatisch auf dem Schirm haben, lesen Sie auf der zweiten Seite.
Nicht nur Geringverdiener machen sich Sorgen um ihre Rente
Ein Missverständnis, dem Michael Hauer häufig begegnet: „Gerade Höherverdienende haben oftmals ein Problem mit ihrer Rente, da sie zwar mehr vorgesorgt haben, aber auch einen höheren Lebensstandard, an den sie sich gewöhnt haben.“
Laut Hauer mangelt es insbesondere bei jungen Menschen an Finanzbildung. Konkrete Vorschläge seien aus seiner Sicht der beste Weg, um das Thema Altersvorsorge anzugehen: „Es ändert sich nichts, wenn man nicht mit konkreten Vorstellungen beginnt“, so seine Erfahrung.
„Bei der Rentenlücke müssen wir alle mitnehmen“
Um die Finanzbildung zu erhöhen, hat GEPS-Veranstalterin Cordula Vis-Paulus klare Vorstellungen: „Die Rentenlücke sollten Berater in jedem Gespräch ansprechen.“ Das helfe nicht nur Frauen, sondern betreffe beide Geschlechter. „Wir müssen alle mitnehmen“, so ihr Appell.
Vermittler und Makler sollten Kunden über die Rentenlücke und die betriebliche Altersvorsorge (bAV) informieren, – auch, um das Vertriebspotenzial zu nutzen, so Vis-Paulus.
Mutterschutz als Beratungsanlass nutzen
Der Mutterschutz sei ein guter Beratungszeitpunkt, um eine Lösung für das gemeinsame Familieneinkommen zu finden – anstatt wie sonst üblich Altersvorsorgeprodukte für Frauen in dieser Zeit beitragsfrei zu stellen, was teils fatale langfristige Folgen habe. Dieser Meinung ist Ute Thoma, Leiterin des Geschäftsfelds Unternehmensvorsorgewelt bei der Bayerischen.
Viele Familien seien laut Thoma mit den Details nicht vertraut und dankbar für Informationen, wie sie die Vorsorge gerechter gestalten können. Laut der Expertin bleibt es ein Marathon, das Thema Altersvorsorge für Frauen voranzutreiben. Generell hat sie außerdem die Erfahrung gemacht, dass Kunden sich weiterhin für nachhaltige Produkte interessieren.
bAV nutzen, um Mitarbeiter zu binden
Neben dem lückenhaften Altersvorsorgewissen der Kunden steht noch ein weiteres Hindernis der Verbreitung der bAV im Weg: Gerade im Mittelstand bieten nur wenige Unternehmer ihren Mitarbeitern überhaupt eine solche Absicherung an.
Was viele dabei unterschätzen: Die bAV ist eine Form der Wertschätzung und kann dazu beitragen, dass Mitarbeitende länger im Unternehmen bleiben – was wiederum hohe Kosten spart, die mit der Suche nach neuem Personal verbunden wären, gibt Gattung zu bedenken.