Aktuare berechnen mögliche Szenarien

Klimawandel: So teuer kann’s für Gebäudeversicherer werden

Naturgefahren und regulatorische Anpassungen stellen die Gebäudeversicherer auf die Probe. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Kapitalanforderungen und Prämien aus? Die Aktuare von Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) haben mögliche Szenarien durchgerechnet. Ergebnis: Der Kapitalbedarf könnte um bis zu 80 Milliarden Euro steigen.
Feuerwehrleute entfernen einen Baum, der bei einem Sturm auf ein Haus gestürzt ist: Der Klimawandel stellt die Gebäudeversicherer vor große Probleme.
© picture alliance/dpa | Bernd Wüstneck
Feuerwehrleute entfernen einen Baum, der bei einem Sturm auf ein Haus gestürzt ist: Der Klimawandel stellt die Gebäudeversicherer vor große Probleme.

Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft sind keine abstrakten Zukunftsvisionen mehr. Der Januar 2025 war der wärmste seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Extremwetterereignisse nehmen zu: Stürme und Überschwemmungen verursachen zunehmend höhere Schäden, die für die Versicherer ordentlich ins Geld gehen.

Im Fokus steht dabei die Frage, ob die Gebäudeversicherer diesen Herausforderungen gewachsen sind oder ob sie an ihre Grenzen stoßen. Um diese Frage zu beantworten haben die Versicherungsmathematiker von Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) verschiedenen Szenarien durchgerechnet.

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Aber zunächst: Wie ist der Status quo?

Die Risiken für Stürme, Flut, Erdbeben und Hagel addieren die Aktuare zu einem sogenannten Nat-Cat-Risiko auf. Das liege im Bereich der Gebäudeversicherer aktuell bei knapp 30 Milliarden Euro. Hinzu komme ein Prämienrisiko von rund 4 Milliarden Euro. Insgesamt benötigt die Branche laut MSK also gut 30 Milliarden Euro an Risikokapital. Die Gesamtprämie liege bei etwa 17 Milliarden Euro. „Die private Sachversicherung ist äußerst kapitalintensiv. Auf jeden Euro Prämie fallen fast zwei Euro Kapitalbedarf an“, sagt Tommy Berg, leitender Berater bei MSK.

Betrachtet man nun ein Szenario, in dem sich Prämien verdoppeln und gleichzeitig eine Inflation von 50 Prozent hinzukommt, steigt der Kapitalbedarf in der Sachversicherung um mehr als 50 Prozent, also rund 16 Milliarden Euro.

Auch Regulierung könnte reinhauen

Doch der Klimawandel ist nicht der einzige wichtige Faktor für die Gebäudeversicherer. Auch regulatorische Anpassungen – wie die von der Versicherungsaufsicht Eiopa vorgeschlagenen Änderungen in der Standardformel für die Nat-Cat-Risiken – können sich auswirken. Wenn auch nicht besonders stark. Da die von Eiopa vorgeschlagene Rekalibrierung in Deutschland nur das Hagelrisiko betrifft, steigt der Kapitalbedarf für die Sachversicherung dadurch nur marginal, meinen die Aktuare. Bei den KFZ-Versicherer kann das in der Kaskoversicherung eher reinhauen, hier sollten die Anbieter von einem Anstieg des Kapitalbedarfs um 29 Prozent ausgehen.

Und wie sieht es mit einer möglichen Elementarschaden-Pflichtversicherung aus? Die wird im aktuellen Bundestagswahlprogramm zwar nur von der Union gefordert, doch auch SPD, Grüne und Die Linke stehen einer Pflichtversicherung positiv gegenüber (wir berichteten). Könnte also kommen, glauben die Aktuare, wenn die FDP nicht Teil der künftigen Bundesregierung werde. Käme es dazu, ergäben sich fast 15 Milliarden Euro mehr Kapitalanforderungen, was einem Anstieg von 48 Prozent entspricht, so die Experten.

„Wenn ​man ​nun ​alle ​Effekte ​dieser ​Szenarien ​aufaddiert, ​kommen ​wir ​auf ​etwas ​mehr ​als ​30 ​Milliarden ​Euro ​Risikokapital“, sagt Berg. Können die Gebäudeversicherer das tragen? Ja, die Versicherungsbranche sei grundsätzlich gut aufgestellt, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Die Bedeckungsquote lag 2023 bei 264 Prozent, was bedeutet, „dass die Branche als Ganzes erstmal stark genug“ ist, so Berg.

Für einzelne Gebäudeversicherer könnte die Situation allerdings kritisch werden, merkt der Aktuar an. Onnen Siems, Geschäftsführer von MSK, ergänzt: „Für Gebäudeversicherer mit einer niedrigen Solvenzquote wird es zunehmend schwieriger, den erhöhten Kapitalbedarf zu decken. Langfristig müssen sie ihr Angebot im Wohngebäudesegment überdenken. In solchen Fällen kann es zu Rückzügen aus dem Geschäftsbereich oder zu Fusionen kommen.“

Kapitalbedarf von bis zu 80 Milliarden Euro

Soll die Bedeckungsquote bei rund 260 Prozent gehalten werden, sei „ein zusätzlicher Kapitalbedarf von bis zu 80 Milliarden Euro erforderlich“, ergänzt Berg. Bereits heute müsse in der privaten Sachversicherung etwa das Doppelte des Prämienvolumens als Kapital vorgehalten werden. Bei einer angenommenen Verzinsung des Kapitals von 10 Prozent sei somit eine Combined Ratio von etwa 80 Prozent notwendig, „von der der Markt aktuell selbst bei ausbleibenden Naturkatastrophen weit entfernt ist“, wie die MSK-Experten feststellen.

Der notwendige Kapitalbedarf sowie dessen Kapitalkosten könnten durch die Erhöhung von Diversifikation gesenkt werden, etwa durch einen cleveren Spartenmix oder durch Risikotransfer in globale und besser diversifizierte Rückversicherungsmärkte.

Eine Verbesserung der „Brutto Combined Ratio“ sei insbesondere in der Wohngebäudeversicherung dennoch zwingend erforderlich. „Neben allgemeinen Beitragsanpassungen und Preiserhöhungen bieten die MSK-Gebäudedaten weitere Möglichkeiten zur Ertragsverbesserungen durch gezielte Bestandsarbeit und differenziertere Tarifierung“, heißt es weiter.

Statt umfassender Wertermittlungsbögen, die der Kunde ausfüllen muss, reicht künftig vielleicht die bloße Angabe der Adresse, um die passende Versicherungssumme für ein Gebäude zu berechnen.

Die KI unterstützt

Ein entscheidender Faktor für diese Veränderung ist die Möglichkeit, verschiedene Gebäudeeigenschaften durch KI-gestützte Modelle aus der Adresse abzuleiten. So werden unter anderem die Gebäudehöhe, Nebengebäude oder sogar die Dachform automatisch erfasst und in das Preisermittlungsmodell einbezogen.

Noch weiter geht es, wenn auch die unmittelbare Umgebung eines Hauses, etwa die Entfernung zur nächsten Autobahnauffahrt oder Feuerwehrstation, mitberücksichtigt wird. Auch der Baumbestand in der unmittelbaren Umgebung spielt etwa eine Rolle, weil er Sturmschäden verursachen kann. Diese Daten ermöglichen eine deutlich genauere Einschätzung der Versicherungssumme und der damit verbundenen Risiken.

Risiko für Starkregen besser differenzieren

Ein weiteres Beispiel für den Nutzen dieser Technologie zeigt sich im Bereich der Starkregenrisikobewertung. Mithilfe der MSK Starkregenzonierung, einer geophysikalischen Modellierung, lässt sich ermitteln, welche Gebäude bei starkem Regen besonders gefährdet sind.

Die Integration solcher Merkmale in die Tarifierung bietet Versicherern die Möglichkeit, sowohl Risiken als auch Prämien realistischer und differenzierter zu gestalten. Das ist nicht nur eine Innovation für die individuelle Versicherungspolice, sondern kann auch die gesamte Bestandsanalyse verbessern und dabei helfen, potenzielle Schäden frühzeitig zu erkennen.

Verbesserung der Quote um 10 Prozent

Bisher nicht erfasste risikodifferenzierende Merkmale werden also zusammengefasst und bieten Potenzial zur Verbesserung der Combined Ratio. Gleichzeitig erfordern sie keine weiteren Kundeninformationen und halten damit die Antragswege schlank und einfach.

„Mithilfe künstlicher Intelligenz kann das adressgenaue Pricing eine Verbesserung der Schaden- und Kostenquote um 10 Prozent erreichen. Das kann für Versicherer allerdings erst der Anfang sein – und der ist längst überfällig“, sagt Florian Bohl, leitender Berater bei MSK abschließend.

Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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