Milliardengeschenke

„Rente mit 63“ abschaffen? Was das bringen würde

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ausgerechnet, wie viel Geld der Staat sparen könnte, wenn die „Rente mit 63“ wegfiele. Aber was wird dann aus Härtefällen?
Dachdecker bei der Arbeit auf einem Dach, Silhouette gegen den Himmel.
© picture alliance / Wolfgang Maria Weber | R7172
Dachdecker auf Neubau in München: Ausnahmeregeln für körperlich anstrengende Arbeit in der „Rente mit 63“

Die Wirtschaft mag es grundsätzlich nicht, wenn ihr Arbeitskräfte flöten gehen. Sie schöpft lieber aus dem Vollen, weshalb ihr der Fachkräftemangel schon seit Jahren ein Dorn im Auge ist. Jetzt hat sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung mit der „Rente mit 63“ befasst. Denn die kostet viel Geld und Arbeitskräfte.

Sie sorgt nach wie vor dafür, dass Bald-Rentner schon ab 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen können, sofern sie 45 Beitragsjahre abgeleistet haben. Zurzeit nutzen jedes Jahr rund 250.000 bis 280.000 Leute den frühen Ausstieg. Wirtschaftswissenschaftler und Verbände fordern schon länger, dass das ersatzlos gestrichen wird.

Im Rahmen einer Studie hat das DIW ausgerechnet: Wenn man die „Rente mit 63“ abschafft, entlastet das die Staatskasse pro Rentnerjahrgang um 9,5 Milliarden Euro. Außerdem wären 125.000 Vollzeitkräfte mehr am Arbeitsmarkt unterwegs. Es sind die Menschen, die nicht in Rente gehen können.

Natürlich ist das nur simuliert. Darin nehmen die Wissenschaftler an, dass die Betroffenen ihren Renteneintritt im Schnitt um zehn Monate verschieben. Und dann mit Abschlägen aussteigen.

Wechselwirkung mit Sozialversicherung

Der verzögerte Renteneintritt und die dann berechneten Abschläge summieren sich über mehrere Jahrzehnte und ergeben die eingesparte Summe pro Jahrgang. Ein Beispiel für den Jahrgang 1957 erreicht 10,4 Milliarden Euro Ersparnis für die gesetzliche Rentenversicherung (GRV).

Allerdings ist das nur die eine Seite. Die DIW-Leute haben auch die Wechselwirkung mit der übrigen Sozialversicherung bedacht. Demnach sorgen die gesparten Rentenausgaben auch dafür, dass in anderen Sozialversicherungszweigen Beiträge ausfallen und insgesamt weniger Steuern für den Staat hereinkommen. In Summe wären das rund 860 Millionen Euro. Hinzu kommen Mehrausgaben von 50 Millionen Euro in der Arbeitslosenversicherung. Macht insgesamt 910 Millionen Euro.

Zieht man die von den in der GRV gesparten 10,4 Milliarden Euro ab, entsteht die eingangs erwähnte Gesamtersparnis von 9,5 Milliarden Euro. Pro Rentnerjahrgang. Denn dass die Zahlen für folgende Generationen großartig abweichen, steht laut DIW nicht zu befürchten.

„Der Staat lässt sich das Angebot der ‚Rente mit 63‘ jedes Jahr viele Milliarden Euro kosten. Es belastet die Rentenkasse, zugleich gehen der Wirtschaft Kompetenz, Fachwissen und Arbeitskraft vorzeitig verloren. Deshalb gehört diese Möglichkeit der Frühverrentung auf den Prüfstand“, sagt André Schleiter, der in der Bertelsmann Stiftung für den Arbeitsmarkt zuständig ist.

Härtefälle gesundheitlich überprüfen

Bleibt noch die Frage: Was machen jene, die mit 63 in Rente gehen müssen, weil sie schlicht nicht länger arbeiten können. Auch darüber haben die Wissenschaftler nachgedacht. Man könnte bei ihnen die Gesundheit prüfen und dann doch Zugang zur Rente gewähren. Auch eine neue Berufsunfähigkeitsversicherung wäre denkbar, ebenso wie spezieller Nachweis für langjährige, belastende Arbeit.

Will man die damit verbundene Bürokratie vermeiden, könnte man auch ganz einfach das Einkommen heranziehen. Schließlich wird körperlich anstrengende Arbeit oft schlecht bezahlt. Denkbar wäre eine Einkommensgrenze von zum Beispiel 60 Prozent der durchschnittlichen Erwerbseinkommen. Auch die Grundrente könnte man ausbauen. Sie könnte Einkommensverluste abfedern, die durch den Wegfall der „Rente mit 63“ entstünden.

Die gesamte Studie können Sie kostenlos hier herunterladen.

Mehr zum Thema

PKV-Verbandschef Brahm warnt vor GKV-Pflicht für Beamte

Sollten Beamte in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) einbezogen werden? Diese Frage ploppt in der Diskussion…

Betriebsrente: Heikler Spagat zwischen „vorsichtig“ und „teuer“

1.000 Euro Betriebsrente im Monat. Lebenslang. Das Ziel klingt klar. Die Rechnung hinter so einer…

Neues Hoch bei vermuteten Behandlungsfehlern erreicht

Bei 7.540 Versicherten der Techniker Krankenkasse (TK) ist es zu einem vermuteten Behandlungsfehler gekommen. Das…

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert