Vortrag auf der MMM-Messe

Das Vorsorgedepot kommt – was Makler jetzt wissen müssen

Michael Hettich, Teamleiter Produktberatung Leben bei Fonds Finanz, hat in einem Vortrag auf der MMM-Messe die wichtigsten Fakten zum neuen Altersvorsorgedepot zusammengefasst. Und erklärt, wo Chancen für Versicherungsmakler liegen und was sie nun angehen sollten.
Mann spricht bei Pressekonferenz zum Vorsorgedepot, Hintergrund mit Finanzministerium.
© picture alliance / Flashpic | Jens Krick
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) spricht im Dezember 2025 zur Reform der privaten Altersvorsorge.

Ab dem 1. Januar 2027 gilt in Deutschland ein neues System für die geförderte private Altersvorsorge. Das Riester-Produkt läuft aus, das Altersvorsorgedepot tritt an seine Stelle. Für Versicherungsmakler bedeutet das: vertraute Strukturen verschwinden, neue entstehen. Michael Hettich, Teamleiter Produktberatung Leben bei Fonds Finanz, hat das neue System in einem Vortrag auf der MMM-Messe 2026 der Fonds Finanz in München vorgestellt. Sein Fazit vorab: Wer jetzt aktiv auf seine Kunden zugeht, hat gute Chancen. Wer wartet, verliert Boden an Neobroker und Online-Plattformen.

Das Altersvorsorgedepot: drei Varianten, drei Welten

Das neue Altersvorsorgedepot gibt es in drei Varianten. Sie unterscheiden sich grundlegend – in Garantien, Kosten und Zielgruppe.

#1 Das Standarddepot

Das Standarddepot ist gesetzlich stark reglementiert. Anleger können nur in maximal zwei Fonds investieren: einen Rentenfonds (Risikoklasse 1–2) und einen Aktienfonds (Risikoklasse 3–5). Die Aufteilung ist über die gesamte Laufzeit festgelegt und darf nicht geändert werden. Lediglich die prozentuale Gewichtung verschiebt sich automatisch zugunsten des Rentenfonds, je näher der Renteneintritt rückt.

Hettich sieht das kritisch: „Wenn man sich überlegt, gerade die jüngere Generation über 30, 40 Jahre zwei unveränderliche Fonds – das ist für mich ein K.O.-Kriterium für das Standardprodukt.“

Das Standarddepot hat einen strikten Kostendeckel von einem Prozent Effektivkosten pro Jahr. Neobroker und Online-Banken werden diesen Wert nach Hettichs Einschätzung noch deutlich unterbieten. Für Makler ist dieses Produkt kaum relevant – beratungsarm, margenarm, und nicht das, was beratungsbedürftige Kunden brauchen.

#2 Der Versicherungstarif

Der Versicherungstarif ist die einzige Variante, die eine Garantie anbieten darf – wahlweise 0, 80 oder 100 Prozent der eingezahlten Beiträge. Hettich empfiehlt für sicherheitsorientierte Kunden besonders die 80-Prozent-Variante: „Die 80-Prozent-Beitragsgarantie gefällt mir sehr gut. Das ist ein sehr guter Mittelweg zwischen ausgewogener Absicherung und der Möglichkeit, am Investment zu partizipieren.“

Diese Tarife sind aus der betrieblichen Altersversorgung bekannt, wo sie sich laut Hettich als Standard etabliert haben. Für Makler mit 34d-Zulassung sind sie das Kernprodukt der neuen Altersvorsorgewelt. Es gibt keinen Kostendeckel, was individuellere Lösungen ermöglicht.

#3 Das Investmentprodukt

Das Investmentprodukt umfasst Fondssparpläne, ETF-Sparpläne und Vermögensverwaltungen. Garantien sind hier nicht zulässig – eine bewusste Lehre aus dem Desaster der alten Fondsriester-Verträge, die an der Pflichtgarantie gescheitert sind (Stichwort: Cash-Lock). Für Investmentvermittler mit 34f-Zulassung, aber auch für 34d-Makler über zulassungsfreie Vermögensverwaltungen, bietet diese Variante ein breites Produktspektrum.

Förderung: mehr Geld, andere Logik

Die Förderlogik des neuen Systems unterscheidet sich grundlegend von Riester. Statt des bisherigen Eigenbetrags von 4 Prozent des Vorjahresbruttoeinkommens gilt künftig ein rein prozentuales Modell bezogen auf den Beitrag.

Die Grundzulage beträgt künftig bis zu 540 Euro pro Jahr – mehr als dreimal so viel wie die bisherigen 175 Euro bei Riester. Allerdings gilt das nur bei einem Monatsbeitrag von 150 Euro. Schon bei 30 Euro Monatsbeitrag fließen 180 Euro Zulage. Die Kinderzulage bleibt unverändert bei 300 Euro pro Kind und wird ab einem Jahresbeitrag von 300 Euro vollständig ausgezahlt.

Für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern ergibt sich eine jährliche Gesamtförderung von 1.680 Euro – ein Betrag, der laut Hettich in vielen Fällen den bisherigen Gesamtbeitrag für die Altersvorsorge übersteigt.

Wichtig für die Beratungspraxis: Wer nur die Zulagenhöhe vergleicht, stellt das Altersvorsorgedepot immer besser dar. Durch die sogenannte Günstigerprüfung kann die tatsächliche Förderquote im Einzelfall aber nahezu identisch mit Riester sein – weil höhere Zulagen mit einer geringeren Steuererstattung einhergehen.

Auszahlung: der unterschätzte Vorteil der Versicherungslösung

Beim Riester-Produkt gibt es eine Pflicht zur lebenslangen Rente, ergänzt um eine einmalige Teilkapitalisierung von bis zu 30 Prozent. Das Altersvorsorgedepot bietet mehr Spielraum: Wer eine Versicherungslösung wählt, kann zwischen lebenslanger Rente und einem Auszahlplan bis mindestens 85 Jahre wählen.

Hettich sieht darin einen echten Mehrwert – gerade gegenüber einem häufig vorgebrachten Kritikpunkt an Lebensversicherungsrenten: „Wir hatten häufig die Kritik, dass die Renten so dramatisch niedrig seien, weil die Kalkulation bis weit über das 100. Lebensjahr geht. Wer das als Kritikpunkt zieht, kann sich ganz bewusst für den Auszahlplan entscheiden.“

Sein Schätzwert: Die monatliche Auszahlung im Auszahlplan könnte rund 25 Prozent höher liegen als bei einer lebenslangen Rente – weil die Kalkulation auf deutlich weniger Jahre komprimiert wird. Endgültige Zahlen liegen noch nicht vor, die Versicherer kalkulieren noch.

Wenig beachtet, aber relevant: Der frühestmögliche Leistungsbezug liegt beim neuen Altersvorsorgedepot bei 65 Jahren – nicht mehr bei 62 wie bei Riester. Das schränkt die Flexibilität für Frührentner ein.

Vergütung: weniger anfangs, mehr über die Laufzeit

Die Abschlussprovision in der bisher gewohnten Form gibt es nicht mehr. Das Altersvorsorgedepot schreibt vor, dass Kosten nicht mehr auf die ersten Vertragsjahre konzentriert werden dürfen, sondern gleichmäßig über die gesamte Laufzeit verteilt werden müssen. Für Makler bedeutet das einen Einschnitt.

Gleichzeitig steigen die laufenden Bestandsprovisionen deutlich an. Hettich rechnet mit rund 60 Euro pro Vertrag und Jahr bei einem typischen 150-Euro-Vertrag. Wer 40 bis 50 neue Verträge pro Jahr abschließt und seinen Bestand aufbaut, kann sich laut Hettich mittelfristig ein stabiles Einkommen aufbauen – auch wenn der Anfang weniger ertragreich ist als gewohnt.

Die größte Herausforderung: Neobroker

Hettich macht keinen Hehl daraus, dass das Altersvorsorgedepot ein Einfallstor für Neobroker und Online-Plattformen ist. „Für diese Anbieter, die in der Vergangenheit nie wirklich Fuß fassen konnten in der Altersvorsorgeberatung, für die geht damit die Tür sehr, sehr weit auf“, so Hettich.

Die Neobroker setzten dabei bewusst auf die plakative Wirkung der hohen Förderung. Ihre Landingpages zeigten Schieberegler für Beiträge, hochgerechnete Förderbeträge – aber keine Erläuterung zu Schicht-3-Effekten oder steuerlichen Feinheiten. Die Gefahr: Kunden schlössen im Alleingang ab, ohne die Konsequenzen zu verstehen.

Besonders heikel laut Hettich: Wer das Altersvorsorgedepot beantragt und die neuen Zulagen abruft, verliert im selben Moment die gesamte Förderung für seinen Riester-Vertrag – und dieser Schritt ist nicht rückgängig zu machen.

Chancen: hohes Kundeninteresse als Argument

Hettich berichtet aus seiner eigenen Erfahrung: In 25 Jahren Branchentätigkeit habe er noch nie so viele Eigeninitiativ-Anfragen aus seinem privaten und beruflichen Umfeld erhalten wie in der Woche der parlamentarischen Verabschiedung. Das Interesse komme dabei vor allem aus dem Familienumfeld – Menschen zwischen 35 und 50, die die hohen Zulagen als echten Anreiz empfinden.

Für Makler ist das eine seltene Gelegenheit: Sie müssen nicht akquirieren, die Kunden kommen von selbst – sofern die Makler als kompetenter Ansprechpartner wahrgenommen werden.

Zusätzlich öffnet das neue System erstmals Selbstständigen und Freiberuflern mit berufsständischer Versorgung (Ärzte, Architekten, Notare, Steuerberater, Ingenieure) den Zugang zu staatlicher Förderung – eine völlig neue Zielgruppe für die Altersvorsorgeberatung.

Was Makler jetzt konkret tun sollten

Hettich hat im Vortrag einige klare Handlungsempfehlungen formuliert:

  • Riester-Bestand aktiv ansprechen: Makler sollten sich bei bestehenden Riester-Kunden melden. Und zwar jetzt, nicht erst Ende des Jahres. Sie sollten erklären, was sich ändert, und sich als zuständiger Ansprechpartner positionieren. Wer das nicht tue, riskiere Stornos.
  • Standarddepot meiden: Das Standarddepot mit starrem Zwei-Fonds-Korsett und minimalem Beratungsbedarf sei nicht die Zielgruppe von Maklern. Sie sollten sich auf Versicherungstarife und Investmentprodukte konzentrieren.
  • Günstigerprüfung erklären: Wer Kunden nur mit Zulagenhöhen überzeugen wolle, riskiere spätere Stornos. „Erklären Sie die Günstigerprüfung und zeigen Sie, dass die tatsächliche Förderquote in vielen Fällen identisch mit Riester ist“, so Hettich.
  • Auszahlplan als Argument einsetzen: Der Auszahlplan bis 85 sei ein echtes Beratungsargument gegen die ewige Kritik niedriger Versicherungsrenten. Das könnten Makler aktiv ansprechen.
  • Neue Zielgruppen erschließen: Selbstständige und Freiberufler in berufsständischen Versorgungswerken erhielten erstmals Zugang zur staatlichen Förderung. Das sei eine neue Zielgruppe mit bisher ungenutztem Potenzial.
  • Laufende Vergütung neu denken: Die Anfangsvergütung sinke, dafür legten die laufenden Bestandsprovisionen zu. „Planen Sie mittelfristig: 40–50 neue Verträge pro Jahr können über einige Jahre zu einem stabilen Ertragsstrom werden“, so Hettich.
  • Webinarreihe nutzen: Die Fonds Finanz bietet ab 18. Mai monatliche Webinar-Updates zum Thema an – bis Weihnachten 2026. Hier kann man sich dafür anmelden.

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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