Der Staat als Konkurrent

Was das neue Altersvorsorgedepot Maklern wirklich abverlangt

Die Reform ist beschlossen, das Altersvorsorgedepot kommt. Für Makler stellt sich nun die Frage, wie ihre künftige Rolle aussieht. Werden sie verdrängt? Oder begleiten sie ihren Kunden so gut, dass dieser nicht auf die Idee kommt, sich seine Altersvorsorge ohne den Makler zusammenzuklicken? Wie Letzteres gelingt, erklärt Unternehmerin Celine Nadolny in ihrem Gastbeitrag.
Unternehmerin Celine Nadolny.
© Celine Nadolny
Unternehmerin Celine Nadolny.

Ende März saß ich vor dem Beschlusstext zum Altersvorsorgereformgesetz und wusste nicht recht, ob ich erleichtert oder beunruhigt sein sollte. Erleichtert, weil endlich – nach jahrelangem politischen Hin und Her – ein konkreter Nachfolger für die Riester-Rente steht.

Beunruhigt, weil das, was am 27. März 2026 mit den Stimmen von Union und SPD den Bundestag passiert hat, an einer entscheidenden Stelle deutlich weiter geht, als es in jedem öffentlichen Entwurf zuvor angekündigt worden war.

Hand aufs Herz: Dass die Riester-Rente in die Jahre gekommen ist, hat in der Branche niemand mehr ernsthaft bestritten. Zu teuer, zu kompliziert, zu wenig Rendite. Dass eine Reform notwendig war, war in der Vermittlerschaft Konsens, ebenso in der Versicherungswirtschaft, in der Fondsindustrie und – das immerhin – in den Verbraucherzentralen. Wer aber geglaubt hat, die Reform würde in erster Linie den privaten Anbietern den Weg ebnen, der wurde am 27. März eines Besseren belehrt.

Drei Veränderungen, die jeder Berater kennen muss

Das neue Altersvorsorgedepot soll ab dem 1. Januar 2027 die Riester-Rente schrittweise ablösen. Drei Punkte sollten Sie kennen, bevor Sie in den nächsten Wochen das erste Gespräch zum Thema führen.

#1 Einfachere Förderlogik

Erstens, die Förderlogik wird einfacher und großzügiger. Statt der starren Grundzulage von 175 Euro gibt es künftig eine proportionale Förderung: 50 Prozent auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr und 25 Prozent auf jeden weiteren Euro bis zur geförderten Obergrenze von 1.800 Euro. Macht maximal 540 Euro Grundzulage pro Jahr.

Die Kinderzulage beträgt 100 Prozent auf jeden eingezahlten Euro bis zum Höchstbetrag von 300 Euro je Kind, der bereits bei einem jährlichen Eigenbeitrag von 300 Euro pro Kind erreicht wird. Und Selbstständige kommen erstmals in den Kreis der Förderberechtigten – eine seit Jahren überfällige Korrektur.

#2 Nicht mehr nur Garantieprodukte

Zweitens, anders als bei Riester gibt es nicht mehr nur Garantieprodukte. Mit dem renditeorientierten Altersvorsorgedepot ohne Garantie eröffnet die Reform endlich den Zugang zu kapitalmarktbasierten Lösungen in einem zertifizierten Rahmen.

Wer einmal in einen klassischen Riester-Fondssparplan geschaut hat und sich gefragt hat, warum die garantierte Beitragsrückgewähr regelmäßig die Renditechancen frisst, weiß, was hier geheilt wird.

#3 Der Kostendeckel

Drittens – und hier wird es für Sie als Berater zur ordnungspolitischen Frage: Auf den letzten Metern des Gesetzgebungsverfahrens hat die Koalition den Kostendeckel beim Standarddepot von 1,5 auf 1,0 Prozent Effektivkosten gesenkt und zugleich die Streckung der Abschluss- und Vertriebskosten über die gesamte Ansparphase festgeschrieben.

Gleichzeitig wird die Bundesregierung ermächtigt, ohne Zustimmung des Bundesrates eine Rechtsverordnung für ein durch einen öffentlichen Träger angebotenes Standarddepot zu erlassen. Als Alternative zu allen privaten Angeboten auf dem Markt.

Und genau hier verschiebt sich die Tektonik.

Wenn der Staat zum Mitspieler im eigenen Spiel wird

Denn der Staat tritt mit dem Standarddepot in eine Rolle, die er bisher klug gemieden hat. Er wird zum Anbieter im Wettbewerb mit den Unternehmen, die er gleichzeitig reguliert und beaufsichtigt. GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen hat das nüchtern auf den Punkt gebracht: „Der Staat sollte Vorsorge ermöglichen, nicht verdrängen. Wenn er zugleich Regeln setzt und als Anbieter auftritt, entsteht ein Zielkonflikt.“

BVK-Präsident Michael H. Heinz wurde deutlicher und sprach von einem „ordnungspolitisch schweren Sündenfall“. Norman Wirth vom AfW spricht von einem „ordnungspolitischen Systembruch“. Der Votum-Verband schließlich bringt das Bild eines Staates ins Spiel, der demnächst auch als „mildtätiger Tankstellenbetreiber“ auftreten könnte – mit derselben Logik, mit der er sich nun in die private Altersvorsorge schiebt.

Das Staatsprodukt als Default-Version?

Diese Reaktionen sind nicht das übliche Lobbyrauschen. Sie treffen einen wunden Punkt. Wenn der Staat ein Standarddepot herausgibt, das automatisch den Status des amtlich Empfohlenen bekommt, dann wird er für Millionen Sparer zur Default-Option.

Nicht, weil sein Produkt das beste wäre, sondern weil es die Aura der staatlichen Verlässlichkeit trägt. In der Praxis heißt das: Wer beim Pflichtcheck zur Altersvorsorge nichts versteht und sich nicht traut, eine Entscheidung zu treffen, wählt das vermeintlich Sichere. Und das vermeintlich Sichere ist dann eben das, woran das Wort „staatlich“ klebt.

Ungleiche Spielregeln

Doppelt unfair wird es dadurch, dass die Versicherungsanbieter qua Versicherungsvertragsgesetz weiterhin einer umfassenden Beratungspflicht unterliegen, während Neobroker und auch das künftige staatliche Standarddepot ohne diese Pflicht auskommen sollen. Vergleichbares Produkt, ungleiche Spielregeln – das ist nicht Wettbewerb, das ist Strukturbevorzugung mit Ansage.

Auch BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter brachte es so auf den Punkt: Deutschland hätte mit der Reform international den Anschluss schaffen können, wenn nicht der Staat im privaten Markt mitmischen würde. Dass GDV, BVK, AfW, Votum und BVI in dieser Frage in seltener Einigkeit nebeneinanderstehen, ist für sich genommen schon ein Befund.

Der unbequeme Teil: Ein Spiegel für die Branche

Und doch – jetzt kommt der Teil, der vielleicht ein wenig unbequem wird – bringt es Sie als Berater nicht weiter, sich in den nächsten Wochen ausschließlich in der Rolle des Geprellten einzurichten. Die Reform ist beschlossen. Die Zustimmung des Bundesrates steht zwar noch aus, und die Verbände hoffen auf Korrekturen. An der Stoßrichtung der Reform aber wird sich nichts mehr ändern. Anfang 2027 stehen Sie vor Kunden, die irgendwo aufgeschnappt haben, dass es jetzt etwas Neues gibt, das günstiger ist als das, was ihr Berater ihnen die vergangenen 20 Jahre verkauft hat.

Ich habe in den vergangenen Monaten bei meinen Buchrezensionen über Vorsorge auffällig oft denselben Satz unterstrichen, in unterschiedlichen Variationen, von ganz unterschiedlichen Autoren:

Nicht das Produkt entscheidet über die finanzielle Zukunft eines Sparers, sondern die Verhaltensänderung, die er durch Beratung erfährt.

Kein ETF der Welt hilft jemandem, der ihn in der ersten Korrektur in Panik verkauft. Keine Fondsauswahl kompensiert ein Sparverhalten, das mit jedem Gehaltssprung den Konsum mitwachsen lässt. Und kein staatliches Standarddepot wird je in der Lage sein, einem 42-jährigen Selbstständigen mit drei Kindern, schwankendem Einkommen und einer Berufsunfähigkeitsversicherung, die längst nicht mehr passt, zu sagen, was er konkret zu tun hat.

Genau das ist Ihr Hebel.

Wer in den nächsten Monaten lautstark beklagt, dass das Standarddepot ihm das Geschäft kaputt macht, hat im Grunde genommen schon ein anderes Geschäftsmodell gehabt, als er es sich vielleicht eingestehen mag. Wer sein Geld mit der bloßen Vermittlung eines Produkts verdient hat, das man künftig in wenigen Klicks online abschließen kann, dessen Geschäftsgrundlage war ohnehin auf Sand gebaut – die Reform legt das nur etwas früher offen.

Wer hingegen Beratung ernst nimmt, im Sinne von echter Einordnung, langfristiger Begleitung und der unbequemen Wahrheit zur richtigen Zeit, der wird vom neuen Altersvorsorgedepot nicht verdrängt. Im Gegenteil. Er wird gebraucht.

Was Beratung jetzt noch leisten muss

Mir fehlt allzu oft die offene Auseinandersetzung in der Branche darüber, was Beratung in einer Welt eigentlich noch leisten muss, in der ein 19-Jähriger seinen MSCI-World-ETF in wenigen Sekunden im Trade-Republic-Konto eingerichtet hat. Die ehrliche Antwort lautet: nicht weniger, sondern viel mehr. Sie muss erklären, einordnen, die Verhaltensfehler vorhersehen, die jeder Sparer früher oder später macht, und sie muss mit dem Kunden zusammen einen Plan bauen, der nicht nur in der Excel-Tabelle funktioniert, sondern auch im Leben.

Das ist anstrengender als das, was viele in der Branche heute tun. Es ist auch schwerer zu verkaufen, weil es nicht mehr in die Schablone des Produktabschlusses passt. Aber es ist genau das, woran ein staatliches Standarddepot scheitern muss. Ein Algorithmus kann viel. Er kann jedoch keinen Menschen begleiten, der gerade die Diagnose seiner Mutter bekommen hat und sich fragt, ob er seine Sparrate dieses Jahr aussetzen kann.

Reform ist ein Weckruf für die Branche

Er kann auch keinem Vater erklären, warum es manchmal sinnvoller ist, eine bestehende Versicherung beizubehalten als sie zugunsten der vermeintlich günstigeren Lösung zu kündigen. Und er kann erst recht nicht mit einer Selbstständigen kurz vor der Familiengründung darüber sprechen, wie sich Vorsorge, Liquidität und Risikoabsicherung in ihrer konkreten Lebensphase verzahnen.

Die Reform ist ordnungspolitisch ein Sündenfall, und es ist richtig, das offen zu sagen. Aber sie ist eben auch ein Weckruf. An eine Branche, die sich in den letzten Jahren oft genug hinter Komplexität versteckt hat, statt Klarheit zu schaffen. Wer diese Klarheit jetzt liefert, den kann ein staatliches Standarddepot so wenig ersetzen wie Elster eine gute Steuerberatung. Beides nimmt einem das Formularausfüllen ab. Aber Beratung war eben noch nie das Formularausfüllen.

Unterm Strich gilt: Das Altersvorsorgedepot kommt. Die Frage ist nicht, ob es Sie verdrängt. Die Frage ist, ob Sie in den nächsten zwölf Monaten so klar werden, dass kein Kunde mehr auf die Idee kommt, sich seine Altersvorsorge ohne Sie zusammenzuklicken.

Über Celine Nadolny

Celine Nadolny zählt mit ihrem Unternehmen Book of Finance zu den bekanntesten Sachbuchkritikerinnen im deutschsprachigen Raum. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten, gleichnamigen Blog vermittelt sie fundiertes Finanzwissen und analysiert hochwertige Wirtschaftsliteratur.

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