Es ist immer wieder bemerkenswert, wie unterschiedlich Berater die Probleme ihrer Kundinnen angehen. Insbesondere je nachdem, ob sie weiblich oder männlich sind.
Ein treffliches Beispiel dafür erzählt die bAV-Spezialistin Cordula Vis-Paulus am Rande der „Edition F“-Tage in Leipzig: So hatte ihr mal in einem zufällig nur von Männern besuchten Workshop ein Berater einigermaßen verzweifelt berichtet, wie er eine junge, frisch verliebte Kundin von Altersvorsorge überzeugen wollte. Er habe ihr gesagt: „Wenn du morgen deinen Freund rauswirfst, oder wenn du mal Witwe wirst, schau mal, was du dann für eine irre Lücke hast!“ Dazu berechnete er die Zahlen des Unglücks und zeigte sie ihr. Umsonst. Er und die Botschaft hatten sie nicht erreicht.
In der Männerrunde löste der Fall erst einmal keine besondere Reaktion aus. In einer reinen Frauenrunde ein paar Tage später sorgte er hingegen für einige Heiterkeit. „Wie kann man eine Kundin, die auf der Wolke des frischverliebten Glücks schwebt, ins Unglück stürzen. Ihr gar die Absicht unterstellen, den Geliebten entsorgen zu wollen?“, lautete die einhellige Meinung.
„Da erntest du bei Frauen Gelächter, weil die so etwas nie projizieren würden“, sagt Vis-Paulus, die übrigens auch das German Equal Pension Symposium mit auf die Beine gestellt hat. Im männlich dominierten Vertrieb arbeite man noch viel mit Angst. Wenn Frauen beraten, wollen sie Ängste nehmen. Selbes Problem, unterschiedlicher Ansatz.
Es ist Donnerstag, der 14. März in Leipzig. Letzter Tag der Veranstaltung „Edition F“, die Vis-Paulus zusammen mit Ute Thoma ins Leben gerufen hat, die bei der Bayerischen die Unternehmensvorsorgewelt leitet. Damit ist sie auch für die betriebliche Altersversorgung zuständig, jenes Thema, auf das sich auch Vis-Paulus schon vor Jahren spezialisiert hat.
Edition F erstreckt sich über insgesamt vier Tage. Insgesamt 40 Plätze, die schon wenige Tage nach der Veröffentlichung ausgebucht sind. Die erste Runde geht an die Frauen aus der Ausschließlichkeit. Anschließend geht es mit Maklerinnen weiter. Und die könnten kaum unterschiedlicher sein. So reicht allein das Altersspektrum von Mitte/Ende 20 bis über 60. Das fränkisch-rollende R trifft auf Dresdner Sächsisch, geschwäbelt wird auch, und der nordisch-breite Zungenschlag ist ebenfalls zu hören.

Einige haben sich gerade erst als Maklerin selbstständig gemacht, andere sind schon seit Jahren dabei. Manche beraten überwiegend digital per Kamera, andere treffen noch Kundinnen in echt und ungepixelt. Manche beraten auch Männer als Kunden („aber nur die netten!“) und andere nicht so. Und das sind nur einige Aspekte, in denen die enorme Vielfalt durchblitzt.
Doch worum geht es eigentlich? Cordula Vis-Paulus fasst zusammen: „Ich möchte eine Atmosphäre der Offenheit, des Vertrauens und der Kreativität ermöglichen. Die besonderen Stärken von Frauen, kreativ zu sein, andere Denkmuster zu haben, zwischen den Zeilen zu lesen, empathisch zu sein und zu spüren, wie Energie und Verbindung entsteht – das will ich mit Inhalten verbinden, mit harten Fachinformationen, mit Erfolgsrezepten. Die Teilnehmerinnen möchte ich in ihrem Selbstverständnis stärken, sie mutiger machen, ihnen den Raum geben, ganz in ihre weibliche Businesskraft zu kommen.“
Die teilnehmende Maklerin Janine Kreiser sagt: „Frauen brauchen viel mehr Netzwerke. Sie sollten Vorbilder für andere Frauen sein, aber auch Vorbilder sehen. In der Finanz- und Versicherungsbranche muss man schon mit der Lupe suchen, um Frauen zu finden.“
Vor allem den letzteren Aspekt unterfüttert Ute Thoma mit einer Zahl: „In der Beratung liegt die Frauenquote unter 10 Prozent. Das ist viel zu wenig.“ Wer das mal mit dem Bevölkerungsschnitt vergleicht, wird ihr sofort Recht geben. Zudem verweist Thoma mit einer guten Portion Pragmatismus darauf, dass in den kommenden zwölf Jahren ein Drittel der arbeitenden Menschen in Rente geht (auch bei der Bayerischen), was den jetzt schon vorhandenen Fachkräftemangel weiter verschärft. „Wir brauchen also Frauen, um als Gesellschaft wachsen zu können“, so Thoma.
Seite 2: Was nach der ersten Edition von Edition F kommt
Somit geht es bei Edition F einerseits ums eigene Dasein als Maklerin. Was ist, wenn es mal nicht läuft? Wie erreicht man eine stabile Grundlage? Wie rückt man sich und seine Fähigkeiten ins richtige Licht? Worin unterscheiden sich Frauen und Männer in der Kundschaft? Wie bringt man die eigene Vision rüber? Dazu passend trägt ein Programmteil den schönen Namen „Speed Pitch“.
Das Tagungsprogramm hat Vis-Paulus einer speziellen Dramaturgie unterworfen:
Natürlich geht es – wie Vis-Paulus erwähnte – auch um die Materie. Einer der am häufigsten auftauchenden Begriffe lautet „Gap“, also Lücke. Frauen nehmen lange Elternauszeiten, arbeiten anschließend kürzer und pflegen nicht selten Angehörige. Die Zahlen sind bekannt, die anderen, sich daraus ergebenden Gaps eher weniger. Schweigen im Raum, wenn Vis-Paulus sie auf den Tisch bringt.
Denn eines muss man ihr definitiv lassen: Sie kann solche komplexen Sachverhalte herunterbrechen und damit greifbar machen. In diesem Fall mithilfe eines beliebten – aber hier nicht genannten – Gesellschaftsspiels, in dem ein Mann und eine Frau gegeneinander antreten und am Ende ein Rentenunterschied von 50 Prozent entsteht. Das ist zweifellos plakativ und stark vereinfacht. Aber es wird verstanden und darum wirkt es eben auch.
Weitere Bei- beziehungsweise Vorträge steuern die Aktuarin Martina Pophal (Unternehmertum), Hannah Glöckler von der Bayerischen (Markenbildung) und Ute Thoma (Altersvorsorge von Frauen für Frauen) bei.
Nun gibt es vor allem nach Klassentreffen jene Sätze, die mit „Man müsste mal wieder …“ beginnen – und nach denen meistens nichts weiter passiert. Ist das auch hier so? Oder kommt nach Edition F in der ersten Edition eine Fortsetzung?
Ute Thoma sammelt schon mal Interessentinnen für kommende Ausgaben – ein Ping auf Linkedin genügt, sagt sie. Außerdem gibt es die Idee einer Master-Präsentation zum Gender Pension Gap, in die sich die Teilnehmerinnen einbringen. Das zweite German Equal Pension Symposium ist bereits fest für den 12. September 2024 in Düsseldorf geplant.
Überhaupt scheint die Zuversicht groß, dass Edition F zur Marke wird und die Branche verändert. Janine Kreiser kann sich vorstellen: „So ein gemeinsamer Markenauftritt kann nach außen ein Zeichen setzen. Wenn Frauen sich vereinigen, können sie eine ganz andere Sichtbarkeit für dieses Thema erreichen.“
Und Cordula Vis-Paulus verpackt ihre Zuversicht in eine ihrer ganz eigenen Botschaften: „Jede Idee jeder einzelnen Teilnehmerin wird sich ganz sicher weiterentwickeln. Wie Bienchen, die hinausfliegen und immer mehr Blüten bestäuben aus denen wunderbare Früchte wachsen. Immer mehr und immer weiter.“
Besser kann man es gerade im Frühling wohl nicht ausdrücken.
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