Der Verfasser dieses Beitrags arbeitet bereits seit zehn Tagen im Homeoffice – und kann von dort zur Hamburger Niederlassung des Versicherers HDI hinüberschauen. „Vorbildich“, so der erste Gedanke. Alle Stockwerke sind verwaist. Ist dieses erfreuliche Bild repräsentativ für den Versicherungsstandort Deutschland? Wohl kaum.
Es seien längst nicht alle Büroarbeitsplätze auf Homeoffice umgestellt, beklagte der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, Achim Berg, am Donnerstag in einer Mitteilung. „Dabei stehen wir im Kampf gegen die Corona-Pandemie vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung“, so Berg.
Er adressierte mit seiner Kritik keine Branche im Speziellen, sondern die deutsche Unternehmenslandschaft insgesamt, aber dazu gehört die Versicherungswirtschaft eben auch. „Unternehmen, öffentliche Hand und jeder einzelne Bürger sind gefordert, sofort Konsequenzen zu ziehen“, appellierte Berg. „Das Gebot der Stunde heißt: Erstens Verzicht und zweitens möglichst viel in den digitalen Raum verlegen.“
Doch mit dem Verschieben in den digitalen Raum ist das so eine Sache – gerade für die Versicherungsbranche ist das eine durchaus knifflige Angelegenheit.
„Unternehmen mit großen Belegschaften, die stationär arbeiten (müssen), weil sie an Client-Desktops ihren Aufträgen nachgehen, haben allein dadurch schon einen Nachteil, weil sie nicht mal eben schnell alle Mitarbeiter in den Homeoffice-Modus versetzen können“, sagt Stephen Voss, Vorstand und Gründer der Neodigital Versicherung, im Gespräch mit dem „Versicherungsboten“.
Das gehe aus vielerlei Gründen nicht, so Voss. „Wegen der Technik, fehlender gesicherter Remote-Zugänge oder es hängt ganz banal an den Arbeitsverträgen, die Homeoffice nicht vorsehen“. Trete dann der Ernstfall ein, so dass der Zugang zu den Geschäftsräumen nicht mehr möglich sei, „brechen ganze Teile der Arbeitsabläufe eines Versicherers zusammen“.
Ist diese Schwarzmalerei berechtigt? Dazu muss man natürlich wissen, dass Stephan Voss ein Insurtech leitet, also ein Versicherungs-Start-up. Der ein oder andere Vertreter dieser digitalen Versicherer gab sich zuletzt irritierend selbstbewusst, fast schon entrückt von „der Welt da draußen“ – Corona-Pandemie, ja gut, betrifft uns jetzt eher weniger.
„Die Ausfälle und Kosten durch den Ausbruch von Corona werden auf die gewaltige Summe von vier Billionen US-Dollar geschätzt – wir sehen dem gelassen entgegen“, erklärte Christian Wiens, Chef und Gründer des digitalen Versicherers Getsafe, allen Ernstes vor gerade mal einer Woche in einem Kommentar.
Einem Szenario „gelassen entgegenzusehen“, welches die Bundeskanzlerin vor wenigen Tagen als größte Bedrohung für unser gemeinsames Zusammenleben seit dem zweiten Weltkrieg bezeichnet hat? Hm. Panik ist zweifelsohne immer ein schlechter Ratgeber, aber muss es gleich das andere Extrem sein?
Es wurde nicht besser als Wiens sich dazu verstieg, die Corona-Pandemie im martialischen Sprach-Duktus als „Brandbeschleuniger“ für Insurtechs zu deuten. Der spezielle Fall von Corona unterstreiche, wie groß der technologische Vorsprung von Insurtechs gegenüber traditionellen Versicherern sei, so Wiens.
„Insurtechs sind dank mobile-first-Ansatz, technischer Infrastruktur und Direktvertrieb krisensicher und gerade jetzt eines der vielversprechendsten Geschäftsmodelle überhaupt.“ „Krisensicher?“ Soso. Das wird sich alles noch zeigen müssen.
Wie es jedenfalls um die technische Infrastruktur eines „traditionellen Versicherers“ in der Corona-Krise bestellt, dazu gab Alte-Leipziger-Hallesche-Chef Christoph Bohn am gestrigen Donnerstag ein paar Einblicke.
„Wir profitieren im Innenverhältnis sehr stark davon, dass wir schon seit 2019 flächendeckend im Konzern eine Skype-Lösung eingesetzt haben, so dass Kommunikation, Projekte sehr intensiv über die Videotechnik abläuft“, erklärte Bohn im Rahmen der Bilanzpressekonferenz. Skype „schon“ 2019? Christian Wiens würde dazu womöglich eine launige Bemerkung einfallen. Aber lassen wir das.
Im Konzern könnten derzeit rund 55 Prozent der Mitarbeiter von zuhause arbeiten, referierte Bohn weiter. Der tatsächlich genutzte Homeoffice-Anteil liege im Moment allerdings bei nur rund 40 Prozent, weil hier „zum Teil rollierend“ gearbeitet werde. Sprich: Ein Team fährt nach Hause, das andere hält im Betrieb die Stellung.
Die Alte Leipziger-Hallesche sei aber in der Lage und dabei, den Homeoffice-Anteil „in den nächsten ein bis zwei Wochen auf über 80 Prozent hochzufahren“, führte Bohn aus. „Insofern ist auch hier die Betriebssicherheit gewährleistet“, versicherte der Konzernchef.
Ist das ein repräsentativer Wert? Schwer zu sagen. In einer Umfrage von Pfefferminzia vom 3. März wurden rund 20 Versicherer zu ihren Notfallplänen in der Corona-Krise befragt. Fünf Unternehmen – Allianz, Alte Leipziger-Hallesche, Debeka, Generali und Zurich – erklärten demnach, dass sie den Homeoffice-Anteil der Belegschaft kurzfristig deutlich ausbauen wollen.
Inzwischen ist davon auszugehen, dass alle befragten Versicherer entsprechende Pläne forcieren oder dies bereits getan haben. So weit es die betriebliche Arbeitsfähigkeit eben erlaubt.
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