Pfefferminzia: Im September ist Bundestagswahl, und damit steht auch wieder das Thema Bürgerversicherung auf der Agenda. Wie könnte es mit dem dualen System nach der Wahl weitergehen?
Eric Bussert, Vorstand Vertrieb und Marketing der Hanse-Merkur Versicherungsgruppe: Der Begriff Bürgerversicherung ist per se erst mal positiv belegt – das war’s dann aber auch schon. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Zufriedenheit mit dem hiesigen Gesundheitssystem noch nie so hoch war wie derzeit: Laut Forsa sind es beispielsweise 84 Prozent – das trifft sowohl auf gesetzlich als auch privat Versicherte zu.
Die Notwendigkeit eines Systemwechsels besteht insofern gar nicht. Zumal das duale System laut OECD zu einem der besten der Welt gehört. Schauen wir uns doch mal die Länder an, in denen es eine Einheitsversicherung gibt – sei es Großbritannien, Frankreich oder Spanien: Dort müssen die Patienten in der Regel viel länger auf einen Termin beim Facharzt warten als in Deutschland, teilweise bis zu fünf Monate. Gleichwohl müssen wir uns als PKV natürlich immer weiterentwickeln: Es kann zum Beispiel sehr gute symbiotische Verhältnisse zwischen PKV und GKV geben, wie etwa unsere Partnerschaft mit der DAK-Gesundheit zeigt.
Markus Taube, Vertriebsservice Gesundheit Gothaer Krankenversicherung: Meine Wahrnehmung ist, dass die Bürgerversicherung – soweit man dieses Konzept verallgemeinern kann, denn die Grünen verstehen etwas anderes darunter als die Linke oder die SPD – bei keiner Partei ganz oben angesiedelt ist. Das liegt sicherlich auch an der guten Lobby-Arbeit des PKV-Verbands. Dieser hat maßgeblich darauf eingewirkt, dass das Thema in diesem Wahljahr nicht ganz nach vorne gespielt wird. Ich stimme allerdings der Einschätzung von Herrn Bussert zu, dass die Akteure in beiden Systemen noch einige Hausaufgaben zu erledigen haben.
Lars Hertwig, Bezirksdirektor Kranken Vertriebsdirektion Mitte Hallesche Krankenversicherung: Das Thema Bürgerversicherung wird uns sowohl vor als auch nach dieser Bundestagswahl beschäftigen – damit müssen wir leben. Wir stellen allerdings fest, dass Vermittler und Bürger aufgeklärter sind, was das Thema der Dualität aus PKV und GKV angeht – und den damit verbundenen Vorteilen. Denn man darf nicht vergessen, dass von den Milliardensummen, die die PKV ins Gesundheitssystem einbringt, auch die GKV-Versicherten profitieren. Dass hier angesichts des demografischen Wandels immer wieder neu justiert werden muss, wissen wir, und daran arbeiten wir auch. Ein Beispiel ist die Reform der Gebührenordnung für Ärzte, die jetzt ansteht. Kurzum: Die Bürgerversicherung ist aus meiner Sicht ein Aufreger – mehr nicht.
Breite Gelassenheit also, was das Thema Bürgerversicherung betrifft – auch bei Ihnen, Herr Hildebrandt?
Micha Hildebrandt, Vorstand Vertrieb und Marketing Vigo Krankenversicherung: Ich kann den Kollegen nur beipflichten. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sagte völlig zu Recht: Wer meint, eine Einheitsversicherung sei gerechter als das bestehende System, der täuscht sich. Leider geht es in der politischen Diskussion oft nicht um die Fakten, sondern darum, die Bürger emotional zu erreichen. Diese verfügen aber nicht immer über alle Informationen, um sich ein vollständiges Bild zu machen. Es ist natürlich auch unsere Aufgabe, die relevanten Fakten weiter zu streuen, damit die Zerrbilder über die Bürgerversicherung möglichst verschwinden.
Dalibor Stanic, Rating-Spezialist Morgen & Morgen: Das Gesundheitssystem in Deutschland funktioniert recht gut. So haben sich beispielsweise die Tarifleistungen in der PKV ein ganzes Stück weit verbessert. Es gibt einfach vordringlichere Themen als eine Komplettüberholung des Systems.
Welche Themen wären das?
Stanic: Das betrifft allen voran die Beitragsstabilität. Denn die Diskussion um die Beitragsentwicklung im Alter bekommen natürlich auch die Verbraucher mit. Davon fragen sich viele, wie es mit ihrem PKV-Vertrag weitergeht, wenn sie 10, 20 oder gar 30 Jahre älter sind? Hier wäre es hilfreich, wenn die Branche mehr Aufklärung dahingehend betreibt, welche Möglichkeiten der Versicherte im Fall einer Beitragsanpassung hat.
Die Krankheitskosten steigen insbesondere in der Krankenhausversorgung teils massiv. Bereitet Ihnen das Sorge?
Hildebrandt: Nein. Es ist nun mal Teil des Leistungsversprechens der PKV, dass der medizinische Fortschritt automatisch mitversichert ist. Wenn dann noch eine neue Gebührenordnung für Ärzte hinzukommt, wird man sehen, welche Bereiche eine Auf- oder Abwertung erfahren. So ist zu erwarten, dass die Kosten in der Labortechnik runtergehen, bei ärztlichen Leistungen hingegen raufgehen. In Summe wird es wohl etwas teurer, aber das kann das System verkraften.
Bussert: Kosten sind für alle Krankenversicherer ein Thema. Wir haben zum Beispiel eine sehr hohe Generika-Quote – und viele Versicherte mit chronischen Erkrankungen sind uns dankbar, wenn wir sie darauf hinweisen, dass es Medikamente gibt, die deutlich günstiger als die Originalpräparate sind, aber dieselben Wirkstoffe enthalten. Das kommt auch dem Versichertenkollektiv zugute. Wir fördern auch ganz entschieden den medizinischen Fortschritt – und dieser wird sich infolge der Digitalisierung sprunghaft weiterentwickeln. Dies wird die Kosten sicherlich erhöhen, sodass wir zusammen mit Krankenhäusern und Ärzten schauen müssen, wie wir die Kostenentwicklung auf einem vernünftigen Niveau steuern können.
Können E-Health-Angebote dazu beitragen, die Mehrausgaben zu dämpfen?
Bussert: Defintiv. Viele Erkrankungen, wie beispielsweise eine einfache Erkältung könnte man in Zukunft auch in einer Online-Sprechstunde behandeln. Dieser Hebel führt natürlich zu einer weiteren Effizienzsteigerung.
Taube: Die PKV-Unternehmen müssen sich schlichtweg zu Gesundheitsdienstleistern weiterentwickeln. Die Digitalisierung kann dabei auch zu einem engeren Kundenkontakt beitragen. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass wir als Branche in der Leistungsabrechnung bestimmte Bearbeitungsstandards einrichten und auch vermehrt Rechnungen dunkelverarbeiten ohne Zutun eines Sachbearbeiters. Das geht natürlich nicht mit jeder Rechnung, zum Beispiel dann nicht, wenn es um komplexe Behandlungen geht.
Wie hoch ist die Dunkelverarbeitungsquote bei der Gothaer?
Taube: Wir sind hier noch in den Anfängen. Es laufen aber bereits einige Projekte an. Unsere erfolgreich eingeführte Rechnungs-App ist hier ein wichtiger Baustein, und wir sind dabei, diese noch effektiver und kundenfreundlicher zu gestalten.
Bussert: Auch wir werden unsere Rechnungs-App noch in diesem Jahr erweitern, sodass dem Kunden die gesamte Leistungsabrechnung digital und auch datengesichert zur Verfügung gestellt werden kann. Ich finde es sehr spannend, dass bereits über 20 Prozent der Rechnungen über die App eingereicht werden. Und speziell bei der Dunkelverarbeitung sehe ich einen Riesenhebel: Über alle Krankenbereiche hinweg haben wir einen Automatisierungsgrad in der Leistungsabrechnung von 60 Prozent erreicht. Im Zahnzusatzbereich sind es sogar 80 Prozent. Dies birgt ungeheure Skaleneffekte, sodass man sich in Zukunft auch personalseitig ganz anders aufstellen kann.
Hertwig: Eine Rechnungs-App bietet Chancen und Risiken zugleich. Der Kunde erlebt dadurch seine Krankenversicherung viel direkter. Denn wenn Daten in eine App integriert werden können, dann werden unnötige Doppeluntersuchungen, wie mehrere Röntgenuntersuchungen, kaum noch auftreten.
Und welche Risiken sehen Sie?
Hertwig: Früher wurden Rechnungen vom Versicherten einmal im Quartal gesammelt und dann eingereicht. Künftig erfolgt der Kontakt zum Anbieter viel häufiger. Daraus ergibt sich die Herausforderung, dass sich die Unternehmen, wie es Herr Taube richtig sagte, vom reinen Rechnungserstatter zum Gesundheitsdienstleister wandeln müssen. Dieser Wandel kann nur gelingen, wenn man an die viel zitierten Touchpoints des Kunden kommt und sich als persönlicher Begleiter erweist.
Gibt es das Prinzip Pay-as-you-live bald auch in der PKV?
Hildebrandt: Ich hoffe nicht. Die private Krankenversicherung ist ein Kollektiv, und die Wichtigkeit des Kollektivs sollte man in diesen Zeiten verstärkt hervorheben. Als Branche sollten wir daher von derartigen Überlegungen Abstand nehmen. Außerdem gilt: Wenn jemand mittels eines Armbands seine Schritte zählt, erhält man als Versicherer keinerlei Aussage darüber, ob derjenige weniger Krankheitskosten verursachen wird.
Hertwig: Ich bin zwar Ihrer Meinung, dass es besser wäre, wenn dieses Szenario nicht eintritt, aber ich denke, dass es eben doch so kommen wird. Viele Kunden interessiert das Kollektiv leider herzlich wenig, denn sie sind gesund und sportlich unterwegs und wollen dies honoriert wissen.
Das Neugeschäft in der Krankenvollversicherung bleibt schwierig: Schon im fünften Jahr in Folge steht ein Minus zu Buche. Bekommt die Branche noch die Kurve?
Stanic: Die private Krankenvollversicherung wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Die ersten Auswertungen der Geschäftsberichte durch Morgen & Morgen haben zudem ergeben, dass bei einigen Versicherern sehr wohl ein Wachstum im Krankenvollgeschäft zu verzeichnen ist. Zwar ist es hier produktseitig zuletzt ruhiger geworden, dafür passiert im Zusatzbereich viel: In regelmäßigen Abständen kommen neue Tarife auf den Markt. Erfreulich ist dabei, dass die Branche leistungstechnisch weiter nach vorne gegangen ist. Die Transparenz in den Bedingungen hat sich weiter verbessert, und es wird auch klarer definiert, was denn eigentlich versichert ist.
Warum geben trotzdem so viele Makler das PKV-Geschäft auf?
Stanic: Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Tarife aufgrund der Qualitätsverbesserungen infolge der Unisex-Reform teurer geworden sind. Zudem sind die Produkte komplexer geworden, was wiederum die Beratung aufwendiger macht.
Auf welche Argumente sollten sich Makler stützen, wenn ein Kunde für die private Krankenversicherung infrage kommt, aber zögerlich agiert?
Taube: Das ist ganz klar das Leistungsversprechen, das in der PKV dauerhaft garantiert ist. Die Alterungsrückstellungen sind demografiegerecht kalkuliert, die GKV hat hingegen ein großes demografisches Problem: Die Stellschrauben für die Politik sind Zusatzbeiträge oder aber die Leistungen weiter auszudünnen.
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