Was passiert mit der Arbeit?

Versicherungsbranche muss beim Thema KI endlich ehrlich werden

Künstliche Intelligenz (KI) soll einen Haufen Aufgaben übernehmen, und zugleich bleibt der Mensch im Mittelpunkt? Marktbeobachter Stephan von Heymann findet, dass sich das gegenseitig ausschließt. Deshalb fordert er, dass sich die Branche endlich ehrlich macht und sagt, was sie mit KI wirklich vorhat.
Marktbeobachter Stephan von Heymann: „Wünsche mir von der Versicherungsbranche mehr Offenheit“
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Marktbeobachter Stephan von Heymann: „Wünsche mir von der Versicherungsbranche mehr Offenheit“

Die Versicherungswirtschaft hat dieser Tage eine gute Nachricht zu vermelden. Nach den aktuellen Zahlen des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen (AGV) ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten erstmals seit vielen Jahren leicht gesunken. Das geht aus den aktuellen „Sozialstatistischen Daten 2025“ hervor. Gleichzeitig wächst die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder.

Die Branche scheint also zumindest einen Teil ihrer Nachwuchsprobleme besser in den Griff zu bekommen. Trotzdem wäre es ein Fehler, diese Entwicklung als Entwarnung zu verstehen. Die demografische Herausforderung bleibt gewaltig. Viele Beschäftigte werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, die Vermittlerschaft gilt seit Jahren als überaltert, und in zahlreichen Unternehmen stellt sich die Frage, wie das vorhandene Wissen erhalten werden kann.

Spätestens an dieser Stelle fällt inzwischen fast automatisch das Wort Künstliche Intelligenz (KI). KI soll Prozesse beschleunigen, Fachkräfte entlasten, Wissen sichern und helfen, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern.

Das mag alles richtig sein. Was mich allerdings zunehmend irritiert, ist die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird. Denn die Branche erzählt derzeit zwei Geschichten gleichzeitig. Auf der einen Seite wird erklärt, welche enormen Fähigkeiten moderne KI-Systeme bereits besitzen und welche Aufgaben sie künftig übernehmen können.

Hier wird die Debatte unerquicklich

Auf der anderen Seite wird fast reflexartig versichert, dass der Mensch weiterhin im Mittelpunkt stehen werde, Vermittler unverzichtbar seien und Arbeitsplätze grundsätzlich nicht infrage stünden. Genau an diesem Punkt wird die Debatte aus meiner Sicht unerquicklich. Denn beide Aussagen können langfristig nicht gleichzeitig vollständig richtig sein.

Wenn wir den technologischen Prognosen glauben, dann wird KI weit mehr leisten als bloße Unterstützung bestehender Prozesse. Im Versicherungsfunk-Podcast erklärte Jens Hasselbächer, Vorstand Kunden und Vertrieb der R+V Versicherung, er sei „zutiefst davon überzeugt“, dass Menschen künftig Teile ihres Alltags an persönliche KI-Agenten delegieren werden. Auf die Frage nach dem Zeitpunkt sagte er sogar: „Ich glaube, dass es das 2031 geben wird.“

Gemeint sind digitale Assistenten, die eigenständig Versicherungen recherchieren, vergleichen und abschließen. Wer solche Entwicklungen für realistisch hält, spricht nicht mehr über ein Werkzeug zur Unterstützung von Vermittlern. Dann sprechen wir über Systeme, die Aufgaben übernehmen, die heute von Menschen erbracht werden. Genau deshalb verstehe ich nicht, warum die Branche diese Diskussion häufig so vorsichtig führt.

Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht, ob KI Tätigkeiten übernehmen wird. Das tut sie bereits. Die entscheidende Frage lautet, in welchem Umfang und mit welchen Folgen. Wird KI tatsächlich vor allem die demografische Lücke schließen, die durch die Verrentung vieler Beschäftigter entsteht? Oder werden die Produktivitätsgewinne deutlich größer ausfallen? Denn wenn eine Sachbearbeiterin mit KI-Unterstützung künftig doppelt so viele Vorgänge bearbeiten kann, wenn ein Vermittler wesentlich mehr Kunden betreuen kann oder wenn große Teile der Kundenkommunikation automatisiert werden, dann reicht irgendwann auch der demografische Wandel nicht mehr aus, um die Effekte aufzufangen. Dann reden wir zwangsläufig über Stellen, die nicht mehr benötigt werden.

Häufig wird auf Weiterbildung verwiesen

Genau darüber wird erstaunlich selten gesprochen. Stattdessen wird häufig auf Weiterbildung verwiesen. Das klingt vernünftig, beantwortet aber die entscheidende Frage nicht. Weiterbildung wofür? Wenn heute 100 Menschen in einer Kundenhotline arbeiten und in Zukunft vielleicht nur noch 20 benötigt werden, dann kann man selbstverständlich 80 weiterbilden.

Die eigentliche Frage lautet jedoch, ob es anschließend auch 80 neue Aufgaben für diese Menschen gibt. Wird der 25-jährige Mitarbeiter aus der Hotline künftig eine höher qualifizierte Tätigkeit übernehmen? Gibt es ausreichend neue Rollen? Oder entstehen am Ende lediglich einige spezialisierte Stellen, während für viele andere Beschäftigte schlicht kein Bedarf mehr besteht? Über diese Dimensionen wird kaum gesprochen, obwohl genau sie für die Betroffenen entscheidend sind.

Besonders bemerkenswert finde ich dabei, dass häufig ausgerechnet jene Mitarbeiter ihr Fachwissen in KI-Systeme einbringen sollen, deren Tätigkeiten später zumindest teilweise automatisiert werden könnten. Natürlich wissen auch sie, dass technologische Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Aber es ist nur menschlich, sich zu fragen, welche Rolle man selbst in dieser neuen Arbeitswelt noch spielen wird. Wer diese Sorgen als unbegründete Technikangst abtut, macht es sich zu einfach.

Darüber sprechen, was wir gesellschaftlich überhaupt wollen

Noch grundsätzlicher wird die Diskussion an einer anderen Stelle. In vielen Debatten scheint stillschweigend vorausgesetzt zu werden, dass jede Aufgabe automatisiert werden sollte, sobald sie automatisierbar ist. Aber warum eigentlich? Arbeit ist mehr als ein Kostenfaktor. Arbeit sichert Einkommen, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und stiftet für viele Menschen Sinn und Identität. Und sie sichert auch den sozialen Frieden einer Gesellschaft.

Deshalb reicht es nicht aus, ausschließlich darüber zu sprechen, was technisch möglich ist. Wir müssen auch darüber sprechen, was wir gesellschaftlich überhaupt wollen. Welche Aufgaben sollen bewusst beim Menschen bleiben? Wo ist Automatisierung sinnvoll? Wo vielleicht nicht? Und welche Verantwortung tragen Unternehmen gegenüber den Menschen, deren Arbeitswelt sie gerade grundlegend verändern?

Niemand kann heute seriös vorhersagen, wie viele Arbeitsplätze durch KI wegfallen, wie viele sich verändern oder welche neuen Berufe entstehen werden. Vielleicht gleicht die Technologie am Ende tatsächlich überwiegend die Verrentungswelle aus. Vielleicht wird sie aber auch deutlich tiefgreifendere Auswirkungen haben.

Genau deshalb wünsche ich mir von der Versicherungsbranche mehr Offenheit. Nicht bei den technischen Möglichkeiten – darüber wird bereits ausführlich gesprochen. Sondern bei den Konsequenzen. Welche Produktivitätssteigerungen erwarten Unternehmen intern? Welche Tätigkeiten gelten als besonders automatisierbar? Welche Szenarien werden für den Personalbedarf gerechnet? Und wie sehen die Pläne für die Menschen aus, deren Aufgaben sich verändern oder möglicherweise wegfallen?

Gerade eine Branche, die wie kaum eine andere vom Vertrauen lebt, sollte den Mut haben, diese Fragen offen zu diskutieren. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man schwierige Themen vermeidet. Vertrauen entsteht dadurch, dass man ehrlich über sie spricht.

Quellen und Transparenzhinweis: Die Angaben zur Altersstruktur stammen aus den „Sozialstatistischen Daten 2025“ des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen (AGV). Die Aussagen von Jens Hasselbächer zur Zukunft von KI-Agenten im Versicherungsvertrieb stammen aus dem Versicherungsfunk-Podcast.

Über den Autor:

Stephan von Heymann ist Spezialist für private Kompositversicherungen und die gewerbliche Haftpflichtversicherung. Als Branchenbeobachter schreibt er außerdem regelmäßig zu aktuellen Themen der Versicherungsbranche unter Sachthemen.blog.

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