Rechenproblem in der bAV

Betriebsrente: Heikler Spagat zwischen „vorsichtig“ und „teuer“

Für dieselbe Betriebsrente setzen Anbieter teils völlig unterschiedliche Kapitalbeträge an. Das liegt weniger an der Rendite als an der Frage, wie alt ein Mensch wird. Und das entscheidet darüber, ob betriebliche Altersversorgung (bAV) bezahlbar bleibt oder künstlich teuer wird, erklärt Alexander Siegmund von KPM Pensions & Benefits.
Alexander Siegmund von KPM Pensions & Benefits: „bAV-Branche muss ihre Rechenlogik offenlegen“
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Alexander Siegmund von KPM Pensions & Benefits: „bAV-Branche muss ihre Rechenlogik offenlegen“

1.000 Euro Betriebsrente im Monat. Lebenslang. Das Ziel klingt klar. Die Rechnung hinter so einer betrieblichen Altersversorgung (bAV) ist es oft nicht.

bAV ist nicht zu teuer – viele Modelle rechnen sie zu teuer

In klassischen Modellen werden dafür schnell rund 400.000 Euro Kapital angesetzt. Andere Versorgungskonzepte kommen für dasselbe Rentenziel mit etwa 240.000 Euro aus. Gleiche Monatsrente, fast doppelter Kapitalbedarf.

Das klingt zunächst nach Produktvergleich. Nach Kosten, Rendite, Verwaltung oder Garantie. Doch der größte Hebel liegt an anderer Stelle: in der angenommenen Lebenserwartung.

Wer eine Rente rechnerisch bis 120 oder 130 absichert, braucht sehr viel Kapital. Wer mit einem realistischeren Endalter plant, kommt mit deutlich weniger aus. Genau hier beginnt das eigentliche Rechenproblem der bAV. Denn am Ende geht es um Geld, das Unternehmen aufbringen und Beschäftigte über Jahre finanzieren müssen.

Kleine Annahme mit großer Wirkung

Die Logik ist simpel: Je länger eine Rente rechnerisch gezahlt werden soll, desto größer muss der Kapitalstock sein.

Wird eine Betriebsrente so kalkuliert, als müsse sie bis weit über das 120. Lebensjahr hinaus reichen, steigt der Kapitalbedarf massiv. Das mag aus Sicht eines Anbieters vorsichtig sein. Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird diese Vorsicht teuer.

Natürlich braucht Altersvorsorge Sicherheitsreserven. Niemand will Versorgungsmodelle, die auf Kante genäht sind. Aber es gibt einen Punkt, an dem Vorsicht nicht mehr schützt, sondern verteuert.

Genau dieser Punkt wird selten offen benannt. Dabei ist er entscheidend. Denn wer wissen will, warum manche bAV-Modelle hohe Kapitalbeträge verschlingen, muss nicht zuerst auf die Rendite schauen. Er muss auf die Lebenserwartung schauen, die der Rechnung zugrunde liegt.

Wer zahlt den Deckel?

Die Differenz zwischen 240.000 und 400.000 Euro ist kein theoretischer Wert. Sie landet in der Praxis bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Für Unternehmen bedeutet höherer Kapitalbedarf: mehr gebundenes Kapital, größere Verpflichtungen, weniger Spielraum für Investitionen oder zusätzliche Benefits. Gerade Mittelständler überlegen sich dann zweimal, ob sie neue Versorgungszusagen machen.

Für Beschäftigte sieht es ähnlich aus. Wenn ein großer Teil des Beitrags in sehr lange kalkulierte Sicherheitsstrecken fließt, kommt weniger Leistung beim Einzelnen an. Die Betriebsrente wirkt dann enttäuschend niedrig, obwohl über Jahre viel Geld hineingeflossen ist.

So entsteht ein gefährlicher Eindruck: Die bAV gilt als kompliziert, unlukrativ und schwer erklärbar. Dabei liegt ein Teil des Problems viel in der Art, wie die bAV gerechnet wird.

Vorsicht kann teuer werden

Versicherer kalkulieren konservativ. Das ist verständlich. Sie müssen Garantien darstellen, regulatorische Vorgaben erfüllen und langfristige Risiken abfedern.

Trotzdem muss die Branche über die Folgen dieser Kalkulation sprechen. Sehr hohe Endalter erzeugen sehr hohe Kapitalpuffer. Diese Puffer senken das Risiko auf Anbieterseite. Gleichzeitig machen sie die Versorgung für Unternehmen und Beschäftigte teurer.

Doch wie viel Vorsicht ist sinnvoll? Und ab wann verhindert sie genau das, was sie eigentlich ermöglichen soll – eine bezahlbare zusätzliche Altersversorgung? Genau diese Frage gehört ins Zentrum der Debatte.

Warum das den Mittelstand besonders trifft

Große Unternehmen können komplexe Versorgungssysteme eher tragen. Sie haben Personalabteilungen, Berater, Finanzplanung und oft jahrzehntelange Erfahrung mit bAV-Modellen.

Im Mittelstand sieht das anders aus. Dort zählt, ob ein Modell verständlich, finanzierbar und administrativ machbar ist. Wenn für eine Zielrente Kapitalbeträge aufgerufen werden, die kaum vermittelbar sind, wird die bAV schnell vertagt.

Das ist ein Problem für die Verbreitung. Denn gerade kleine und mittlere Unternehmen müssten stärker in die betriebliche Altersversorgung einsteigen. Dort liegen große Versorgungslücken. Dort fehlt häufig der Zugang zu attraktiven Modellen.

Wenn die bAV aber zu teuer gerechnet wird, bleibt sie ein Angebot für wenige statt ein Instrument für viele.

Realistischer rechnen heißt nicht riskant rechnen

Eine realistischere Kalkulation bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Sie bedeutet, Risiken anders zu bewerten.

Wer mit einem Endalter Mitte 90 plant, rechnet näher an der demografischen Wirklichkeit. Das senkt den Kapitalbedarf und schafft Spielraum: für höhere Renten, bessere Arbeitgeberleistungen oder mehr Teilnahme im Unternehmen.

Natürlich bleibt Langlebigkeit ein Risiko. Aber dieses Risiko lässt sich auch anders organisieren als über maximale Kapitalbindung für jeden einzelnen Fall. Genau hier braucht die bAV mehr Mut und mehr Ehrlichkeit.

Altersversorgung darf nicht nur auf den Extremfall gebaut werden. Sie muss für den Regelfall funktionieren.

Die Branche muss ihre Rechenlogik offenlegen

Viele Arbeitgeber wissen nicht, warum ein bestimmtes Rentenziel so viel Kapital erfordert. Viele Beschäftigte verstehen nicht, warum aus hohen Beiträgen später nur überschaubare Renten entstehen.

Das liegt auch daran, dass die zentralen Annahmen selten verständlich erklärt werden. Mit welchem Endalter wird gerechnet? Welche Sicherheitszuschläge stecken im Modell? Wie stark beeinflusst die Lebenserwartung den Kapitalbedarf? Wer diese Fragen nicht beantworten kann, kann Angebote kaum vergleichen.

Transparenz darf deshalb nicht erst beim Produktinformationsblatt beginnen. Sie muss bei der Kalkulation beginnen.

Fazit: Die bAV braucht ehrlichere Rechnung

Die Debatte über Altersvorsorge kreist oft um Förderung, Garantien, Bürokratie und neue Produkte. Der wichtigere Hebel liegt tiefer: in den Annahmen, mit denen Betriebsrenten berechnet werden.

Wenn für dieselbe Zielrente einmal 240.000 Euro und einmal 400.000 Euro Kapital nötig sind, muss die Branche erklären, warum. Nicht allgemein, nicht verklausuliert, sondern konkret: Welche Lebenserwartung liegt zugrunde? Welche Sicherheitsmarge steckt darin? Wer trägt die Kosten?

Die bAV hat enormes Potenzial. Gerade für Unternehmen und Beschäftigte im Mittelstand. Aber sie wird dieses Potenzial nur entfalten, wenn ihre Rechnungen nachvollziehbarer werden.

Denn Altersvorsorge scheitert nicht erst an der Auszahlung. Sie kann schon an der Kalkulation scheitern. Ohne eine ehrliche Rechnung lohnt sich die bAV nicht.

Über den Autor:

Alexander Siegmund ist Geschäftsführer der KPM Pensions & Benefits, Rentenberater, zugelassen gemäß Paragraf 10 Absatz 1 Nummer 2 RDG, und verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der betrieblichen Altersversorgung.

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