Im Grunde fehlen nur noch ein paar Pilze. Aber auch ohne die ist es eine sehr bemerkenswerte Wanddekoration, die dort in frischem Grün leuchtet. Es ist tatsächlich echtes Moos, das regelmäßig befeuchtet wird, wie die anwesenden Swiss-Life-Leute erklären. Aus ein paar Metern Entfernung zeigt sich, dass das Moos eine Weltkarte formt. Eine schöne, grüne Welt.
Der derart bemooste Raum befindet sich im Karriere-Campus, den der Versicherer Swiss Life in den vergangenen Jahren am Rand von Hannover hat bauen lassen. Mitten in der Corona-Zeit in der Hoffnung, die Mitarbeiter würden irgendwann wieder den Weg ins Büro finden. Das hat offenbar geklappt, im Campus ist was los. Doch die Leute bekommen auch einiges geboten: Eine ausgiebige Kantine zum Beispiel, eine Terrasse mit beachtlichem Ausblick, ein Strandraum mit echtem (!) Strandsand, jede Menge Platz für Meetings und natürlich top-moderne Büroräume.
Swiss Life hat einige Vertreter der Presse dorthin eingeladen, damit sie den (Noch-)Deutschland-Chef Jörg Arnold ausfragen können. Das Gespräch läuft im Kaminzimmer, einem hellen Raum mit Bar und Tresen und zentral gelegener kleiner Feuerstelle mit Abzug. Ohne die Finger hineinzuhalten ist es schwer zu sagen, ob die Flammen echt sind. Doch das ist ohnehin nicht das Thema.
Denn das Gespräch dreht sich irgendwann um Altersvorsorge und das bekannte demografische Problem von Deutschland: Die Zahl der Rentner wächst, die der Beitragszahler schrumpft. Und natürlich haut Arnold in jene Kerbe, die man von ihm als Versicherer erwarten musste. „Der Staat braucht ein Vorsorgeverhalten, das die Menschen dazu bringt, die Möglichkeiten der betrieblichen und der privaten Altersversorgung auszuschöpfen“, meint er und schlägt einen Bogen zu einem in Deutschland gern gemachten Irrtum. Nämlich beim Blick auf das schwedische Vorsorgesystem und die Rolle des Staatsfonds dort.
Arnolds Lebensgefährtin ist halbe Schwedin, wie er ausführt. Weshalb er auch das dortige System ziemlich gut kennt (mehr dazu lesen Sie hier) und – nebenbei bemerkt – seinen Lebensmittelpunkt demnächst teilweise dorthin verlagern will. Der wichtigste Unterschied zwischen dem schwedischen und dem deutschen System ist demnach gar nicht der Staatsfonds. Es ist die viel stärker ausgeprägte betriebliche Altersvorsorge. Während in Deutschland über 70 Prozent der Alterseinkünfte aus der gesetzlichen Rente flössen, seien es in Schweden nur 55 Prozent. Inklusive Staatsfonds, denn der taucht ja in der ersten Säule auf. 90 Prozent der Schweden nutzten hingegen betriebliche Altersvorsorge in irgendeiner Form.

Nun sind diese deutschen hausgemachten Probleme alles andere als neu. Die Traute, auch mal einen Aktienfonds für die (betriebliche) Vorsorge anzufassen, wächst zwar, aber eben nur langsam. „Wir brauchen in Deutschland starke betriebliche Altersvorsorge, da sind wir im europäischen Vergleich wirklich hinten dran. Und natürlich die Bereitschaft, auch privat vorzusorgen“, fasst Arnold zusammen.
Wie sieht er folglich die bisherigen Ansätze der Bundesregierung und speziell der Fokusgruppe Altersvorsorge? Die rät ja unter anderem dazu, ausgerechnet die Paradedisziplin der Versicherungsbranche, die lebenslange Rente, nicht mehr als Pflichtelement zu sehen. Weshalb auch Branchenverbände wie der GDV nicht sonderlich begeistert darauf reagieren, während die Investmentbranche in die Hände klatscht. Denn die kann keine lebenslange Rente, zumindest nicht ohne weiteres.
Arnold lässt keinen Zweifel daran, dass er es für eine „alles andere als triviale“ Aufgabe hält, das Vorsorgesystem auf Vordermann zu bringen. Weshalb er es erst einmal gut findet, dass sich die Regierung „auf den Weg gemacht“ und Hilfe in Form der Fokusgruppe gesucht hat. „Die Richtung stimmt“, sagt er.
Es sei jetzt wichtig, die Reformvorschläge zu konkretisieren, meint er weiter. Natürlich finde er als Vertreter der Versicherungswirtschaft lebenslange Renten wichtig, denn: „Altersvorsorge ist nur dann Altersvorsorge, wenn man davon im Alter auch leben kann. Wenn ich mir mit 60 oder wann auch immer einen Batzen Geld auszahlen lasse und ausgebe und dann irgendwann kein Geld mehr da ist, dann hat der Staat wieder ein Problem.“
Und dann wirft er eine bemerkenswerte Information in die Runde: Das 2023 am stärksten gewachsene Produkte bei der Swiss Life ist ausgerechnet die Basisrente (auch: Rürup-Rente). Und die kann man wirklich nur verrenten und nicht einmal vererben. Man könnte das als den Gegenentwurf zum Trend der Fokusgruppe sehen. Oder einfach so: „Kunden können der Idee, aus einer Vorsorge eine lebenslange Rente zu bekommen, durchaus etwas abgewinnen.“
Er geht auch auf die oft – und zum Teil zu Recht – gescholtenen Gebühren ein und versucht, ein bisschen zu beruhigen. Es geht um die laufenden Kosten, also die sogenannte Effektivkostenbelastung von Fondspolicen, die vor allem Verbraucherschützer gern als zu hoch einstufen. Bundesweit liege die Kostenquote laut Finanzaufsicht Bafin bei 1,75 Prozent im Jahr, sagt der Manager. Bei den Swiss-Life-Policen seien es nur 1,21 Prozent.
Doch das könnte sich bald ändern, denn Arnold sieht durch die Vergleichbarkeit von Produkten und ungebundene Vermittlung die nötigen Voraussetzungen für einen preissenkenden Konkurrenzkampf. Anbieter könnten dort nur bestehen, wenn sie Kosten senkten und somit die Rendite erhöhen.
Für die Kunden wäre das natürlich eine gute Nachricht. Und auch die Regierung hat zumindest für ihr Vorgehen in puncto Altersvorsorge ein Lob ins Notenbüchlein geschrieben bekommen. Auch kein wirklich alltäglicher Vorgang.
Es bleibt also spannend, wie gut Arnold mit seinen Prognosen liegt, und wie sich generell alles weiterentwickelt. Denn davon hängt am Ende ab, wie viel Moos die deutschen Rentner in Zukunft jeden Monat zur Verfügung haben.
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