Lebenslange Rente als Problem

Studie stempelt Riester- und Rürup-Tarife als nutzlos ab

Eine neue Studie bescheinigt Riester- und Rürup-Renten schwache Ergebnisse. Fast kein Tarif schaffte es, auch nur 2 Prozent Rendite zu liefern, heißt es darin. Hinter der Studie steht Finanzwende Recherche zusammen mit dem Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Beide liefern einige Gründe für das Ergebnis.
Verbraucherschützer Axel Kleinlein und Britta Langenberg (Finanzwende Recherche)
© BdV / Finanzwende Recherche
Verbraucherschützer Axel Kleinlein und Britta Langenberg (Finanzwende Recherche)

An einer Stelle sagt Axel Kleinlein den Satz, der wahrscheinlich alles zusammenfasst: „Wir konnten im Rahmen der Studie keinen Kundennutzen feststellen.“ Der Versicherungsmathematiker meint damit die Riester- und Rürup-Produkte, um die es in der von ihm mit vorgestellten Studie geht. 111 Stück an der Zahl. Da ist er also wieder, der streitfreudige Verbraucherschützer, der jahrelang als Sprecher beim Bund der Versicherten im Vorstand saß.

Zum Pressegespräch hat Finanzwende Recherche geladen, eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der Bürgerbewegung Finanzwende. Neben Kleinlein ist auch Britta Langenberg mit am Start, die Verbraucherschutzchefin bei Finanzwende Recherche.

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Riester- und Rürup-Rente – Was ist ein angemessener Nutzen?

Die ganze Studie zur Rürup und Riester-Rente baut darauf auf, dass die Finanzaufsicht Bafin von kapitalbildenden Lebens- und Rentenversicherungen einen angemessenen Kundennutzen fordert. Also kann man den doch für Riester- und Rürup-Renten mal untersuchen, oder?

Nur was ist eigentlich ein angemessener Nutzen? Für die Studie zur Riester und Rürup-Rente definierten ihn die Verbraucherschützer als Renditeziel von 2 Prozent (also das offizielle Inflationsziel der Europäischen Zentralbank) über die gesamte Laufzeit – vom Start des Vertrags bis zum Tod des Kunden. Damit sollen Kunden einfach nur keinen Verlust erleiden müssen und zumindest die Kaufkraft ihres Geldes erhalten. Das Ergebnis:

  • Von 22 Riester-Renten in der Studie schafft keine einzige die Hürde, die ermittelte durchschnittliche Rendite beträgt 0,8 Prozent im Jahr
  • Von 89 Rürup-Renten schaffen zwei das Renditeziel (von Canada Life und Europa), und der Durchschnitt liegt bei 1,0 Prozent pro Jahr
  • Wenn heute 37-Jährige die Hürde von 2 Prozent Rendite schaffen wollen, müssen sie bei einem Riester-Vertrag 99 Jahre und bei einem Rürup-Vertrag 100 Jahre alt werden

Damit ist die Verrentung für sehr viele Menschen ein schlechtes Geschäft, folgert man bei Finanzwende Recherche daraus.

Das klingt insgesamt erstmal ganz übersichtlich. Wie knifflig so eine Studie aber in Wirklichkeit ist, wird dann deutlich, als Kleinlein Ansatz, Kriterien und Parameter der Studie erklärt. Denn das dauert eine ganze Weile.

Zum Beispiel die Lebenserwartung. Da gibt es nämlich die offizielle Generationentafel vom Statistischen Bundesamt. Demnach würde ein heute 37-jähriger Mann im Schnitt 86 Jahre und eine Frau 90 Jahre alt werden. Versicherer müssen aber vorsichtig rechnen – was übrigens auch die Bafin verlangt – und packen deshalb je zehn Jahre Lebensdauer drauf. Macht also 96 beziehungsweise 100 Jahre – und senkt die lebenslange Rente empfindlich. Kleinlein entschied sich in der Studie zur Rürup und Riester-Rente jedoch für die Tafel zweiter Ordnung von der Deutschen Aktuarvereinigung „DAV 2004 R“, die mit der Kombination 89/93 zwischen den beiden Extremen liegt.

Weiter mit den Kosten. Hier weisen die Versicherer der Riester- und Rürup-Rente in den Produktinformationsblättern (PIB) die maximalen und damit oft viel höhere Werte aus, als sie sogar in den eigenen Modellrechnungen zur Rente ansetzen. Das ist übrigens ein Problem, das in Studien immer wieder auftaucht und die Renditen stark drückt (mehr dazu lesen Sie hier). Das erwähnt auch Kleinlein und nennt einen extremen Fall, in dem die Spanne zwischen den im PIB angegebenen und am Ende kalkulierten Kosten satte 4,5 Prozentpunkte betragen habe.

Trotzdem findet man es bei Finanzwende Recherche offenbar nicht unfair, mit den maximalen Kosten anstelle der wirklichen zu rechnen. „Diese Obergrenze ist der einzige Wert, auf den Kund*innen sich wirklich verlassen können“, heißt es dazu. Die Versicherer hätten es als Produktgeber selbst in der Hand, die Kosten zu drücken.

„Ein handfester Vergleich ist schwierig“, sagt der Mathematiker an einer Stelle und betont, dass er am Ende alle Entscheidungen zugunsten der Rendite getroffen habe. Mit anderen Worten: Er habe schon wohlwollend gerechnet und trotzdem so ein Ergebnis erzielt.

Gesamte Studie ohne Fiskus

Was man der Studie zur Rürup- und Riester-Rente auch vorwerfen kann: Sie hat mit der staatlichen Förderung einen wichtigen Renditetreiber außen vor gelassen. Im Gegenzug fehlt aber auch die Steuerlast in der Rentenphase. Der ganze Test lief also generell ohne Fiskus. Das aber bei Produkten, die zum größten Teil auf eben diese Förderungen aufbauen. „Wir wollten die Strukturen der Produkte prüfen“, erklärt Britta Langenberg diese Entscheidung. „Die Zulagen hängen allzu stark von den einzelnen Lebensumständen ab.“

Aber wie gesagt, die Ergebnisse, wie sie hier vorliegen sind dürftig. Aber wo liegt das hauptsächliche Problem nach Meinung der Beteiligten? Nun möchte man meinen, die beiden fangen nun an, auf den Versicherern herumzuhacken. Doch das tun sie tatsächlich nicht. „Die Sicherheit der lebenslangen Rente wird zu teuer erkauft“, antwortet Langenberg auf eine entsprechende Frage. Auch Kleinlein sieht die Mängel vor allem in der Rentenphase: „Die Verrentung ist sehr teuer. Es gibt andere Auszahlformen mit mehr Rendite.“

Auszahlpläne als Alternative

Als denkbare Möglichkeit nennt er Auszahlpläne, die erst einmal ganz ohne Sterbetafel loslaufen und bei einem bestimmten Alter enden (Anmerkung der Redaktion: Ein Konzept, das übrigens schon einige Versicherer in ihren normalen Rententarifen nutzen und auch die Fokusgruppe Altersvorsorge angeregt hat). Höhere Anfangsrenten könnten außerdem dafür sorgen, dass Geld schneller zu den Kunden zurückfließt.

Ebenfalls möglich, so Kleinlein weiter, seien Auszahlmodelle, bei denen die Beträge auf ein Kollektiv aus Versicherten abgestimmt werden. Das Sozialpartnermodell, die sogenannte Nahles-Rente, sieht so etwas zum Beispiel vor. Wir erklären an dieser Stelle: Beim Sozialpartnermodell ist die Rente nicht immer konstant, sondern kann bis zu einem bestimmten Grad mit der Summe der Kapitalanlagen in einem Kollektiv mitschwingen. Sie bewegt sich somit zusammen mit den Anlagen in einem Korridor.

Extreme Annahmen zur Lebenserwartung

Wie weit solche Rechenkunststücke das Problem lösen können, das muss sich natürlich noch zeigen, falls eine Reform in dieser Richtung kommt. Denn, dass die Menschen lange leben und der Trend nach wie vor nach oben zeigt, lässt sich damit nicht ändern. Allerdings ist Kleinlein aufgefallen, dass manche Versicherer mit in dieser Hinsicht ziemlich extremen Annahmen zu Werke gehen. Die müsste man korrigieren, was natürlich zumindest bei den davon betroffenen Produkten helfen dürfte.

Die einzelnen Ergebnisse der Studie inklusive der konkreten Tarife können Sie hier herunterladen. Fragen und Antworten finden Sie hier.

Anmerkung vom 25. Januar 2024: Wir haben nachträglich einige Kritikpunkte an der Studie zu Kosten und der nicht berücksichtigen Förderung etwas detaillierter herausgearbeitet.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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