Pfefferminzia: Die Wohngebäudeversicherer haben 2016 erstmals seit 15 Jahren schwarze Zahlen geschrieben, berichtet der Versicherungsverband GDV. Warum ist die Wohngebäudeversicherung für viele Anbieter so ein schwieriges Geschäft, und wie bewerten Sie die aktuelle Lage?
Rainer Brand, Domcura: Was die Schadenverläufe angeht, so war 2016 sicherlich ein gutes Jahr für die Wohngebäudeversicherer. Drei Jahre zuvor war die Situation noch ganz anders: 2013 ereigneten sich überdurchschnittlich viele Naturkatastrophen. Viele Versicherer haben dies zum Anlass genommen, um ihre Prämien anzupassen. Das war auch richtig so, denn die Schäden und die Prämien liefen zu nehmend auseinander. Seitdem entwickeln sich die Preise also wieder nach oben. Und aufgrund der zuletzt guten Schadenverläufe können wir als Branche zumindest zuversichtlich sein, dass sich die Preisspirale künftig wieder langsamer drehen wird. Nur leider wissen wir nicht, ob sich das laufende Jahr nicht doch noch als Katastrophenjahr erweisen wird.
Andreas Hackbarth, GrundVers: Ich vermag noch nicht zu sagen, ob das vergleichsweise schadenarme Jahr 2016 ein zufälliges Ereignis war. Man muss einfach sehen, dass sich die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Naturkatastrophen seit etwa der 1970er Jahre verdreifacht haben. Wir können daher auch für unser Haus nicht bestätigen, dass wir uns im Gebäudesegment bereits erholt haben. Die Schadenhäufigkeit ist zwar rückläufig, doch der Durchschnittsschaden nimmt stetig zu. Bemerkenswert ist dabei, dass die Entwicklung bei neuen Häusern gar nicht besser verläuft, weil dort eben der Durchschnittsschaden sehr viel höher ist als bei älteren Beständen – etwa, was Hagelschäden an der Dämmung betrifft. Insofern glaube ich noch nicht, dass wir als Branche über den Berg sind, gleichwohl ist die Tendenz positiv – eben auch, weil die Gesellschaften nach und nach ihre Bestände saniert haben und weiter sanieren werden.
Herr Gierhartz, wie beurteilen Sie die Marktentwicklung aus der Sicht eines Maklers?
Hubert Gierhartz, Makler: Wir betreuen circa 800 Häuser, darunter auch viele, die bei der Domcura versichert sind. Hier muss man Folgendes sehen: Die Domcura, lieber Herr Brand, ist mit einer Prämie von 384 D Mark, also rund 192 Euro für ein Haus mit 200 Quadratmetern Wohnfläche gestartet. Dass es mit dieser Prämie auf Dauer nicht gutgeht, kann sich jeder an drei Fingern abzählen. Hier haben wir mit den jüngsten Anpassungen durchaus zu kämpfen, denn wir als Makler müssen sie schließlich dem Kunden erklären. Auf der anderen Seite beobachten wir, dass die Versicherer durch diese Maßnahme lang sam in die Gewinnzone kommen müssten, was natürlich sehr erfreulich ist.
Wie erklären Sie eine Prämienerhöhung?
Gierhartz: Wir begründen dies mit dem guten Versicherungsschutz, der zweifellos auch bei der Domcura gegeben ist. Die Leistung muss entscheidend sein, denn der Kunde will ja im Schadenfall abgesichert sein. Insofern empfehlen wir unsere Kunden, möglichst nicht den einfachen Standard Tarif zu wählen, sondern besser gleich den Top Schutz. Das heißt: Inklusive Ableitungswasserrohre, 100 prozentiger Einschluss von grober Fahrlässigkeit und natürlich auch mit Abdeckung von Elementarschäden. Wenn man diese Leistungen sorgfältig miteinander vergleicht, kommt man auch zu einer fairen Prämie für den Kunden.
Herr Brand, welche Vorteile haben Sie als Assekuradeur gegenüber Versicherern?
Brand: Wir sind mit unserer Interessenslage aufseiten des unabhängigen Vertriebs. Wir versuchen, wie es bereits bei Herrn Gierhartz anklang, unsere Bedingungen bereits im Vorfeld im Interesse der Makler beziehungsweise der Kunden zu gestalten. Dann müssen wir uns einen Risikoträger suchen, der diesem Vorschlag folgt. Das bietet uns natürlich gewisse Freiheiten. Wir stellen uns immer die Frage: Durchblickt der Kunde das, was er da kauft? Grundsätzlich gilt: Es können keine sehr günstigen Preise angeboten werden, ohne dass dies mit einem massiven Leistungsverzicht einhergeht. Gleichwohl gibt es sicherlich den einen oder anderen Versicherer, der noch nicht das Ende der Erfahrungskurve erreicht hat. Für uns bedeutet das, dass wir die Prämien dieser Gesellschaften als nicht auskömmlich einstufen.
Wie bewerten Sie die Risikolage in Ihren Beständen?
Brand: Wir reden im Markt immer sehr viel über Naturkatastrophen. Dabei gerät in den Hintergrund, dass es eine zunehmende Überalterung in der Gebäudestruktur gibt, was sich an kontinuierlich steigenden Leitungswasserschäden zeigt. Wenn diese durch das Mauerwerk wandern, sind schnell mehrere Zehntausend Euro für die Regulierung fällig – eben aufgrund der Folgeschäden an Estrich, Dämm Material und so weiter.
Hackbarth: Dem stimme ich voll zu. Das Leitungssystem eines Hauses hält etwa 30 Jahre. Es werden allerdings nicht in dem Maße neue Häuser gebaut, um diesen negativ behafteten Bestand aufzufangen. Leider hat die Erbengeneration häufig nicht das Geld oder das Interesse, die Häuser zu sanieren. Hinzu kommt der Gedanke beim Kunden: „Ich habe ja eine Versicherung, die wird im Ernstfall schon zahlen“. Der Kunde ist nun mal laut Vertrag nicht dazu verpflichtet, das Gebäude instand zu halten – mal abgesehen davon, dass es im Winter beheizt sein muss und weitere Obliegenheiten nicht verletzt werden.
Was könnte zur Entspannung beitragen?
Hackbarth: Ein zukünftiger Weg wäre, Schadenverhütungsmaßnahmen durch den Kunden, wie zum Beispiel Kamerafahrten durch Abwasserrohre, individuell über die Prämie zu honorieren – auch um als Anbieter attraktiv im Markt zu liegen.
Gierhartz: Viele Menschen, gerade bei uns im Raum Krefeld, haben Betongeld, aber kleine Renten. Das heißt, sie verfügen meist nicht über das Geld für große Sanierungsmaßnahmen. Und die Erben, da stimme ich Herrn Hackbarth zu, neigen ebenfalls nicht dazu zu investieren, die wollen eher verkaufen. Das Problem dabei: Der Käufer stellt sich unter einem renovierten Haus in der Regel ein neues Bad oder eine schicke Küche vor, aber sicherlich kein Leitungssystem im Top Zustand. Das ist eine gefährliche Entwicklung.
Brand: Es löst in der Tat keine Euphorie aus, wenn man als Hausbesitzer sagt: „Ich habe meine Zuleitungen erneuert.“ Denn was man nicht sieht, gerät leicht in Vergessenheit. Dabei kann ein defektes Rückstauventil erhebliche Schäden anrichten.
Wie würden Sie die beiden Gefahrentypen „Naturkatastrophen von außen“ versus „Risiken im Hausbestand“ am ehesten gewichten?
Brand: Die Naturkatastrophen schlagen durchaus zu Buche, treffen aber nicht alle Häuser gleichermaßen. Man denke nur an den Tornado in Mecklenburg Vorpommern zurück, der zwar beträchtliche Schäden angerichtet hat, das aber nur in einem regional begrenzten Umfeld. Marode Leitungen sind jedoch überall in Deutschland anzutreffen – und das wird den Markt über Jahre hinweg beschäftigen. Kurzum: Leitungswasserschäden sind deutlich häufiger als Elementarschäden.
Wie viel Prozent Ihrer Kunden haben einen Baustein, der vor den Folgen von Elementarschäden schützt?
Hackbarth: Wir befinden uns mit rund 40 Prozent etwa auf Marktniveau – erfreulicherweise mit steigender Tendenz.
Gierhartz: Bei uns sind es 95 Prozent! Da wir als Makler eine Dokumentationspflicht zu erfüllen haben, kommt die Elementar Thematik automatisch auf den Tisch. Andernfalls laufe ich Gefahr, mich im Schadenfall rechtfertigen zu müssen.
Inwieweit bedroht das Direktgeschäft die persönliche Beratung des Maklers?
Brand: Der Kunde ist kein Versicherungsexperte – und zu glauben, mit einer Internetsuchmaschine dem individuellen Bedarf gerecht werden zu können, ist aus meiner Sicht ein sehr hoher, vielleicht zu hoher Anspruch. Die persönliche Beratung kann nicht ersetzt werden.
Hackbarth: Der Trend geht wieder zur persönlichen Beratung. Bei uns wird das Neugeschäft zu rund 70 Prozent über Makler generiert, 30 Prozent kommen über das Direktgeschäft, zum größten Teil über das Internet, rein.
Wie unterstützen Sie Makler?
Brand: Der Versicherungsschutz muss vermittelt werden, und das ist meist kleinpreisiges Geschäft. Daher werden Mechanismen in die Produkte eingebaut, wie Innovationsklauseln, die automatisch für den gesamten Bestand gelten. Auf diese Art muss der Makler nicht mit Hunderten Kunden über eine möglicherweise veränderte Bedarfssituation sprechen. Wir legen unser Augenmerk darauf, die Leistungsmerkmale für den Kunden zu verbessern, die über die Kernleistung hinausgehen.
Hackbarth: Über unser Portal können Makler unter anderem Beiträge berechnen, bei Angeboten ihr Logo einpflegen und Produktinformationen abrufen. Darüber hinaus bieten wir über unsere Maklerbetreuer Webinare an.
Welche Trends finden Sie spannend?
Hackbarth: Spannend finde ich die Entwicklung im Smart-Home-Bereich. Die technischen Gefahren, die damit verbunden sind – sei es Fotovoltaik oder die Hacker Thematik – kennen die alten Bedingungen gar nicht. Insofern kommt es immer darauf an, wie innovativ ein Versicherer ist, um auf diese Entwicklung rasch zu reagieren.
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