Krise hin, Krise her, ist da überhaupt eine Krise? Was Gothaer-Vorstandschef Oliver Schoeller da auf der Pressekonferenz präsentiert, kann sich vor allem vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Untergangsgeraunzes absolut sehen lassen. Die Bruttobeiträge im Krankengeschäft des von ihm geleiteten Kölner Versicherungkonzerns ziehen in diesem Jahr voraussichtlich um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 918 Millionen Euro an. Im Kompositgeschäft geht es gar um 5,0 Prozent auf 2.437 Millionen Euro aufwärts. Treiber sind dort insbesondere die Unternehmerkunden, bei denen die Beiträge im Schaden-, Haftpflicht- und Unfallgeschäft bei der Gothaer Allgemeinen um kraftvolle 10,6 Prozent anziehen.
Dafür beruhigt sich die im Vorjahr auf 121,1 Prozent eskalierte Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio) wieder auf immerhin 97,8 Prozent. Was daran liegt, dass es in diesem Sommer keinen Bernd II gab. Obwohl im Februar 2022 eine Sturmserie aus Ylenia, Zeynep und Antonia ebenfalls enorme Schäden anrichtete, kommt sie nicht im Ansatz an Bernd aus dem Sommer 2021 heran. Der schwemmte nämlich 478 Millionen Euro aus den Büchern der Gothaer, die drei Stürme brachten es auf „nur“ 49 Millionen Euro.
Im Geschäft mit Krankenversicherungen begrüßte die Gothaer ihren 700.000. Kunden. Der Jahresüberschuss im Konzern steigt um 1,1 Prozent auf 83 Millionen Euro und das Eigenkapital um 5,3 Prozent auf 1.497 Millionen Euro. Krisen gehen anders.
Interessant ist allerdings, wie sich ein bestimmtes, entscheidendes Motiv durch die Präsentation zieht und an unterschiedlichen Stellen immer wieder auftaucht: der gestiegene Zins. Dabei handelt es sich mitnichten nur um Gothaer-eigene Umstände – eher um Sachverhalte, die sich auf die ganze Branche übertragen lassen.
Ich habe nicht ohne Grund zu Beginn die Zahlen aus dem Lebensversicherungsgeschäft weggelassen. Denn dort büßte die Gothaer kräftig ein – die Bruttobeiträge gingen um 16,4 Prozent auf 1.209 Millionen Euro zurück.
Nun muss man einerseits hinzufügen, dass der Rückgang nach einem außergewöhnlich starken Vorjahr mit heftigem Jahresschlussverkauf erfolgte. Eine weitere Ursache nennt jedoch Michael Kurtenbach, Vorstandschef der Gothaer Leben: die Banken. Tatsächlich geht der Rückgang fast komplett auf Policen mit Einmalbeitrag und dort wiederum zum größten Teil auf den Bankvertrieb zurück. Einige Jahre lang hatten Banken kein sonderlich hohes Interesse an hohen Einlagen. Zudem erhoben sie Strafzinsen auf Kontoguthaben, weil sie bei der Europäischen Zentralbank ihrerseits welche auf die Kontoguthaben zahlen mussten.
Diese Phase endete aber in diesem Jahr, Zinsen stiegen, Geld war nicht mehr kostenlos. Das führte dazu, dass Banken eben nicht mehr bereitwillig freigewordenes Geld in Policen schaufelten.
Seite 2: Cash wird wieder King
Im Jahr 2022 verschob sich einiges in den Kapitalanlagen der Gothaer. Die genauen Beträge lieferte sie nicht, weshalb auch die exakten prozentualen Verluste nicht klar sind. Allerdings sank der Anteil von Staatsanleihen und staatsnahen Anleihen um bemerkenswerte 8,9 Prozentpunkte auf 33,1 Prozent. Das liegt einerseits an starken Kursverlusten – allein die zehnjährige Bundesanleihe verlor seit Jahresanfang fast 18 Prozent an Wert (Stand: 13. Dezember 2022). Andererseits berichtet der Versicherer davon, dass er alternative Anlagen „leicht ausgebaut“ habe, unter anderem direkte Kredite (Private Debt) und Infrastruktur.
Indem die Anleihekurse wie oben beschrieben einbrachen, bescherten sie Versicherern in diesem Jahr nicht realisierte Kursverluste, die als sogenannte stille Lasten existieren. Solche Verluste sind kein Problem, weil Anleihen am Ende der Laufzeit sowieso zu 100 Prozent zurückgezahlt werden – egal, wie der Kurs zwischenzeitlich verlief. Laut werden die Lasten somit nur dann, wenn der Versicherer gezwungen wird, die Anleihen zwischenzeitlich zu miesen Kursen zu verkaufen.
Deshalb müssen die Häuser jetzt gut im Blick behalten, wann Kunden wie viel Geld benötigen. Für diese Zeitpunkte brauchen sie die nötige Liquidität – um eben nicht verkaufen zu müssen. Das war jahrelang anders, weil sie bei Anleihen durch die sinkenden Zinsen auf Kursgewinnen, also stillen Reserven saßen. Ein Verkauf tat da nicht weh. Andererseits war es schwierig genug, in dem Niedrigzinsumfeld noch irgendwie rentable Anlagen zu finden.
Wie sehr sich der Wind gedreht hat, zeigt eine Zahl, die Finanzvorstand Harald Epple auf Nachfrage verrät: Würde die Gothaer heute alles Geld zu aktuellen Konditionen neu anlegen, ergäbe das eine Rendite von etwa 4 Prozent.
Der Versicherungsverband GDV hatte es schon angekündigt, die Gothaer hat’s bestätigt: Die Zinszusatzreserve (ZZR) saugt erst einmal kein weiteres Geld an. Sie ist „durch die schnelle und starke Zinswende bereits in 2022 ausfinanziert“, teilt der Konzern mit. Damit fällt eine große Last weg. Jetzt könne man sogar die Überschussbeteiligung erhöhen, lässt die Gothaer verlauten.
Zur Erklärung: Die ZZR sollte seit 2011 helfen, trotz damals schon empfindlich sinkender Zinsen Garantiezinsen aus älteren Verträgen noch zahlen zu können. Dafür stellten die Lebensversicherer zum Teil zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr zurück.
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