KI kalkuliert Kurse

Wie künstliche Intelligenz im Fondsmanagement helfen soll

Wenn künstliche Intelligenz (KI) überall einzieht, warum nicht auch ins Fondsmanagement? Der Gedanke liegt nahe, und in der Tat nutzen Vermögensverwalter die neue Technik schon rege, um völlig neue Ansätze zu fahren. Nur vor dem letzten großen Schritt schrecken sie noch zurück.
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing auf der Hauptversammlung am 28. Mai 2026: KI wertet auch Tonhöhe, Sprechtempo und Unsicherheit aus
© picture alliance/dpa | Florian Wiegand
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing auf der Hauptversammlung am 28. Mai 2026: KI wertet auch Tonhöhe, Sprechtempo und Unsicherheit aus

Es mag seltsam klingen, aber sogar die sonst so stoische KI kann irgendwann vom eigenen Rummel genervt sein. Man hört ChatGPT förmlich erleichtert ausatmen, wenn es ungefragt meint: „Ich finde übrigens, dass die Studie gut gemacht ist, weil sie recht nüchtern bleibt und nicht in den verbreiteten KI-Hype verfällt.“ Das erinnert glatt an die Beatles, die irgendwann auf Beatlemania und kreischende Frauen nur noch genervt reagierten.

Die Studie, die „Chatty“ so angenehm berührt, kommt von der Rating-Agentur Morningstar. Sie dreht sich um die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz (KI) in Investmentfonds inzwischen spielt. Kann sie schon ganze Portfolios selbst managen? Oder geht sie den dortigen Spezialisten lediglich fleißig zur Hand? Das Ergebnis ist eine zeitpunktbezogene Bestandsaufnahme. Mehr geht auch gar nicht, denn die Technik entwickelt sich rasant.

Enorm große Dunkelziffer

Der Gesamtüberblick ist gar nicht so einfach. Nicht jeder Vermögensverwalter, der schon KI nutzt, hängt sich das draußen ans Türschild. In substanziellem Ausmaß sind es bislang weniger als 20, stellen die Morningstar-Analysten fest. Aber wie gesagt: Die Dunkelziffer dürfte viel größer sein.

Gleichwohl zeigt die Studie gut, wo KI schon unterwegs ist, was sie kann und was sie nicht kann. Ihre Stärken spielt sie unbestritten dann aus, wenn es darum geht, riesige Datenmengen auszuwerten und miteinander zu verbinden. Dabei geht es einerseits um Daten aus der klassischen Unternehmensanalyse: Geschäftsberichte, Bilanz- und Gewinnkonferenzen, Managementkommentare, Presseartikel, Berichte von Analysten, wissenschaftliche Studien. All das mussten Analysten bisher schon immer verfolgen. Doch das ging stets nur für 20 bis 30 Unternehmen. KI kann das deutlich erhöhen, weil sie schon vorauswählt, Berichte automatisch liest, Veränderungen erkennt und alles miteinander vergleicht. Laut Morningstar-Studie ist das eine der größten Veränderungen im Fondsmanagement. Manche Fondsmanager berichten, dass KI inzwischen so gut wie mehrere ständig verfügbare Junior-Analysten arbeitet.

Wie sich Investmentfonds mit und ohne KI voneinander unterscheiden (Quelle: Acatis; Grafik: Pfefferminzia)
Wie sich Investmentfonds mit und ohne KI voneinander unterscheiden (Quelle: Acatis; Grafik: Pfefferminzia)

 

Doch nicht nur das, KI bohrt alles noch weiter auf. Denn neben diesen klassischen Daten zieht sie sogenannte alternative Daten hinzu. Dann fließen plötzlich Satellitenbilder, GPS-Bewegungsdaten, Stellenanzeigen, Social Media, Patente und Online-Suchverhalten mit ein. Goldman Sachs hat zum Beispiel Wege gefunden, um Tonhöhe, Sprechtempo, Unsicherheit und Ausweichmanöver in Analystenkonferenzen zu zerpflücken. Sprich: Alles Ungesagte. Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt, verarbeitet Millionen solcher alternativer Datenpunkte, um neue Investmentthemen zu finden.

Auch das passiert nicht wie bisher, sondern viel komplexer. Der Gründer und Chef der deutschen Investmentgesellschaft Acatis, Hendrik Leber, war moderner Technik schon immer besonders zugewandt. Heute hat Acatis zwei reine KI-gemanagte Aktienfonds im Programm. Weitere kombinieren offiziell Mensch und Maschine. Auf einer speziellen Website erklärt das Unternehmen die Materie. Demnach geben bislang immer Menschen vor, wie Märkte funktionieren. Sie bilden Modelle und legen fest, wie bestimmte Daten oder Ereignisse den Aktienkurs beeinflussen. Rückwirkende Simulationen berechnen sie unter dem Eindruck des heutigen Wissens. „Look-ahead-Bias“ nennt man das, wenn dieses heutige Wissen den Blick auf die Vergangenheit verzerrt. Die war obendrein durch die menschliche Eigenart verfälscht, jüngere Ereignisse stärker zu werten als länger zurückliegende.

2,6 Millionen Euro im KI-Fonds von Pictet AM

Das alles vermeidet KI. Sie wertet Daten kreuz und quer aus und gleicht sie mit allen Ergebnissen ab. Erkennt sie Fehler, korrigiert sie sie rückwärts so lange, bis die Daten durchweg zu den Ergebnissen passen. „Neuronale Netze zeichnen sich dadurch aus, dass sie nichtlineare Beziehungen und verborgene Muster erkennen, die bei herkömmlichen Faktormodellen übersehen werden könnten“, erklären die Acatis-Leute.

Mit dem Aktienfonds Quest AI-Driven Global Equities Strategie (ISIN: LU2749782103) hat Pictet Asset Management einen KI-getunten Fonds am Start, der schon eine beachtliche Größe erreicht hat. 2,6 Milliarden Euro ist er schon schwer, weshalb Pictet von diesem Erfolg angespornt eine ganze Palette drum herum aufbaut. Neben dem globalen Fonds soll es einen für globale Aktien ohne die USA geben, einen für US-Aktien und einen für europäische.

Der erste Fonds taugt aber zum Paradebeispiel: Eine hauseigene KI durchforstet rund 1.400 Aktien aus dem Aktienindex MSCI World anhand von 400 Merkmalen, um Gewinner und Verlierer auf Sicht des kommenden Monats herauszufinden. Als sogenannter Enhanced-Index-Fonds (etwa: verbesserter Indexfonds) orientiert er sich eng am MSCI World, versucht ihn aber zu schlagen. „Die KI kann deutlich mehr Datenpunkte und deren Wechselwirkungen analysieren als herkömmliche quantitative Modelle. Dadurch erkennt sie Muster und Renditetreiber, die dem menschlichen Auge oder klassischen Faktoransätzen verborgen bleiben“, erklärt David Wright, Leiter für quantitative, also rein zahlenbezogene Investmentstrategien.

Und das läuft eben nicht statisch, wie Wright weiter ausführt. Klar, hat die KI mal mit einer Grundlage begonnen. Doch nun lernt das Modell fortlaufend aus neuen Daten hinzu, indem es die Prognosen mit der folgenden Wirklichkeit abgleicht. Um das zu stemmen, nutzt Wrights Team ein eigenes Rechenzentrum mit einer Leistung von 1,2 Petaflops. Das entspricht etwa 3.000 modernen PCs, ordnet Wright ein. Die rechnen zweifellos einiges zusammen.

Dreierpack von Allianz Global Investors

Allianz Global Investors (AGI) hat jetzt schon einen Dreierpack auf dem Markt. Je ein Fonds für globale, europäische und US-amerikanische Aktien – immer mit dem Zusatz „powered by Artificial Intelligence“. Die KI soll Signale liefern, welche Aktien sich wahrscheinlich besser entwickeln als die Indexvorlage. Auch hier geht es um Stimmungsbilder vom Markt, Analystenkonferenzen und deren Zungenschlag ebenso wie rein technische Signale, mit welchem Momentum (etwa: Schwung) sich Aktien in welche Richtung bewegen. Daten über Daten.

Doch bei aller Rechenkraft wachsen die Kurse noch nicht in den Himmel. Fonds mit KI-Hilfe laufen zwar nicht übel, aber eben auch nicht komplett berauschend. Immerhin hat der Pictet-Fonds in den etwas über zwei Jahren seines Bestehens den MSCI World jedes Jahr deutlich geschlagen. Der globale AGI-Fonds lässt über fünf Jahre seine Morningstar-Vergleichsgruppe deutlich hinter sich. Das sind Achtungserfolge, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Richtig interessant wird es, wenn ein längerer Crash kommt oder sich die Märkte zumindest seitwärts bewegen. Vielleicht findet KI dann wirklich Titel oder Zusammenhänge, die den rutschenden Kursen etwas entgegensetzen können. Die vorerst letzte solche Bewährungsprobe war 2022, vor dem großen KI-Boom.

Übersicht über ausgewählte Aktienfonds mit KI-Einfluss (Quelle: Morningstar)
Übersicht über ausgewählte Aktienfonds mit KI-Einfluss (Quelle: Morningstar)

 

Auch weil die Zeiträume noch viel zu kurz für ein Urteil sind, können die Morningstar-Analysten in ihrer Studie bislang noch keinen Renditevorteil durch KI erkennen (was ChatGPT unter anderem zum eingangs erwähnten Urteil verführte). Sie raten: „Anleger sollten jedem Unternehmen skeptisch gegenüberstehen, das eine durch KI erzielte Outperformance behauptet, ohne über ein strenges, nachweisbares Validierungsverfahren zu verfügen.“ Den Look-ahead-Bias betrachten sie sogar als Nachteil der KI. Denn sie wird mit Daten trainiert, die zukünftiges Wissen über die abgedeckten Zeiträume enthalten können. So können die Eindrücke auseinandergehen.

Das letzte Wort hat der Mensch

Auch die Beteiligten kennen die Grenzen der KI. In fast allen Modellen behalten noch immer Menschen das letzte Wort. „In einer stark regulierten Branche wie dem Asset Management ist es wichtig, dass der Mensch die finale Kontrolle nicht nur über die Investmententscheidungen, sondern auch über die eingesetzten KI-Modelle behält“, erklärt etwa ein Sprecher von AGI.

Pictet-Mann Wright sieht alles „noch eher am Beginn der KI-Revolution“. Weshalb er einschränkt: „Die KI trifft keine völlig autonomen Anlageentscheidungen und ersetzt weder das Risikomanagement noch die menschliche Kontrolle. Das Portfolio wird unter klaren Risikovorgaben konstruiert, die Strategie bleibt transparent, und die Experten des Quest-Teams überwachen, testen und validieren die Modelle kontinuierlich.“

Kann KI irgendwann ganze Portfolios ganz allein managen? Bei Morningstar hält man das für absolut möglich. Aber noch nicht jetzt. Jetzt ist sie lediglich ein Instrument in den Händen der Profis. Und zweifellos ein verdammt mächtiges.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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