Interview

„Multi-Asset-Konzepte haben Gewichtsklassen – wie beim Boxen“

Multi-Asset-Produkte werden im Vertrieb seit Jahren stark nachgefragt. Ob und wie sich der Trend fortsetzt, erklärt Michael Heidinger, Investment Direktor bei Aberdeen Standard Investments, im Interview mit Pfefferminzia.
© Standard Life Aberdeen
Michael Heidinger ist Investment Direktor bei Aberdeen Standard Investments

Pfefferminzia: Wie lange läuft der Trend zu Multi-Asset-Produkten noch?

Michael Heidinger: Wir erwarten, dass sich die Aktienmärkte in den nächsten Jahren weiter positiv entwickeln, die Volatilität jedoch zunehmen wird. Hinzukommt, dass in Deutschland immer noch viele Kunden seit den 2000er-Jahren Angst vor der Aktienanlage haben. Auf der Rentenseite ist das Niedrigzinsumfeld weiterhin ein Thema, Sicherheit zum Nulltarif gibt es nicht mehr. Insofern glaube ich, dass wir keine Stand-Alone-Lösungen im Aktien- oder Rentenbereich mehr sehen werden. Multi-Asset- und gemanagte Lösungen werden auch weiterhin im Vordergrund stehen.

Wie ändern sich die Strategien im Multi-Asset-Bereich?

Unsere Strategien sind flexibel. Wir passen sie je nach Marktsituation an. Das festgelegte Risikoziel ist wichtig, das sich an der Risikotragfähigkeit des Kunden orientiert. Außerdem der Anlagehorizont: Bei einem risikoarmen Profil sind dies drei bis fünf Jahre, im Hochrisikobereich sind zehn Jahre ein guter Zeitraum. Wer sein Geld aber schon in zwei Jahren braucht, sollte nicht in Multi-Asset anlegen. Nach der Festlegung des Risikoziels fragen wir uns, wie wir dies erreichen können. Welche Instrumente – also Aktien, Anleihen oder alternative Investments – wir dafür benötigen.

Mifid II brachte zuletzt viele einschneidende Änderungen für die Beratung. Inwieweit kommt das Multi-Asset-Konzepten gelegen?

Beim Thema Angemessenheit sehr. Nehmen wir einen Kunden mit einem Portfolio mit 40 Prozent Indexfonds – Exchange Traded Funds, kurz ETFs – auf den globalen Aktienmarkt und 60 Prozent in Renten. Wenn die Aktien steigen, steigt auch der Anteil des Risikos im Portfolio. Der Berater muss dann stets nachberaten, um das Risikoprofil einzuhalten. Hier helfen natürlich Multi-Asset-Produkte, die das Portfolio automatisch anpassen. Ich vergleiche das immer mit Boxen.

Wie meinen Sie das?

Die Veränderung des Marktes hat in der Kapitalanlage dazu geführt, dass es Gewichtsklassen gibt. Wie im Boxen. Dort vergleicht man ja auch nicht den Mittelgewichtler Henry Maske mit dem Schwergewichts-Champion Klitschko. Mit dem Risikoprofil wähle ich eine Gewichtsklasse aus und diese ist mein Orientierungspunkt. Und somit ist der Berater entlastet, denn das jeweilige Multi-Asset-Produkt ist auf das Bedürfnis des Kunden und seine Risikotragfähigkeit angepasst.

Wovon hängt der Erfolg von Multi-Asset-Fonds ab?

In naher Zukunft von der Inflation. Wenn sie sich weiter so entwickelt wie zuletzt, sehen wir keinen Druck bei den Zentralbanken, die Zinsen schnell zu erhöhen. Falls die Kerninflation aber auf 2 Prozent oder noch höher steigt, dann gibt es Handlungsbedarf. Dies könnte zu niedrigeren Renditen führen. Das ist der Risikofaktor, den wir am meisten beobachten, weil er so viele Implikationen nach sich zieht.

Ist die Anlageklasse ausgereift, oder gibt es noch Innovationen?

Es gibt viele neue Multi-Asset-Produkte und einen Trend zu kostengünstigen Multi-Asset-Risikoprofilansätzen mit passiven Fonds. Und auch echte Innovationen. Wir haben etwa ein Produkt, das in börsengehandelte alternative Anlagen investiert. Im Gegensatz zum Direktinvestment ist es liquide, weist aber im Gegenzug eine gewisse Volatilität auf. Beispiele hierfür sind Solar- und Windparks, die an der Börse notiert sind. Das sind alles neue Investmentarten, die das Spektrum von Multi-Asset-Produkten noch weiter aufspannen und den Strauß an Multi-Asset-Lösungen noch schöner machen.

Was wünschen sich Makler in diesem Bereich noch?

Das Thema Nachhaltigkeit wird immer wieder an uns herangetragen, nicht wenige Makler hätten es gern in die Produkte integriert. Ein gut gemanagtes Multi-Asset-Konzept mit Nachhaltigkeitsfonds, das auch kontinuierlich Performance liefert, ist jedoch schwierig. Man will neben ethisch einwandfreien Fonds ja auch Geld verdienen. Doch längst nicht in jeder Anlageklasse ist die Qualität der Nachhaltigkeitsfonds ausreichend für ein robustes Gesamtportfolio. Das bessert sich langsam, weil das Thema immer stärker von Fondsgesellschaften aufgegriffen wird. Aber aktuell reicht die Qualität aus unserer Sicht noch nicht aus, um ein reines Nachhaltigkeitsportfolio mit unserem MyFolio-Konzept darstellen zu können.

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Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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