Wenn es um Nachhaltigkeitsberichte geht, ist es nicht neu, dass zwischen „gut meinen“ und „gut machen“ zuweilen enorm große Unterschiede bestehen. Vor allem, wenn es um Gesetze und Regulatorik geht.
Einen eindrucksvollen Beleg dafür liefert die CSRD-Richtlinie der Europäischen Union (EU). Ausgesprochen heißt das „Corporate Sustainability Reporting Directive“ und sorgt dafür, dass Unternehmen regelmäßig berichten, wie nachhaltig sie arbeiten. Die Richtlinie trat 2023 in Kraft und greift seit Anfang 2024. Sie ist Teil des „European Green Deal“, den die Europäische Kommission im Dezember 2019 vorstellte und der die EU bis 2050 klimaneutral machen soll.
Selbstverständlich müssen auch Finanzunternehmen wie Versicherer oder Investmentgesellschaften die CSRD-Richtlinie befolgen. Doch das sorgt für einigen Unmut. Dabei geht es gar nicht mal um Konzept und Gedanke an sich, denn das tragen die meisten Beteiligten gern mit.
So sagte Christoph Jurecka, Finanzvorstand der Munich Re, schon im Oktober 2023 bei einem Mediengespräch des Branchenverbands GDV: „Wir sind sehr für eine standardisierte, hochwertige Nachhaltigkeitsberichterstattung, denn entsprechende Daten von hoher Qualität sind ein Eckpfeiler für die nachhaltige Transformation.“
Ähnlich sieht man es beim auf nachhaltige Aktienanlagen spezialisierten Investmenthaus Ökoworld. „Regulierte und standardisierte Nachhaltigkeitsberichte können ein wichtiges Instrument im Rahmen der unternehmerischen Berichterstattung sein“, sagt Mathias Pianowski, Geschäftsleiter und Leiter Nachhaltigkeits-Research bei der Ökoworld. Pianowski ergänzt kritisch: „Allerdings bringen mehr Daten nicht automatisch mehr brauchbare Informationen über die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen, sondern eher Frust bei Berichterstellern und Anwendern. Was wir vielmehr brauchen, sind einfache, aber entscheidungsorientierte Informationen. Hier muss die Regulierung nachbessern.“
Wobei Ökoworld sogar auf beiden Seiten gleichzeitig steht: Sie ist als Aktienmanager einerseits Empfänger dieser Berichte. Andererseits ist sie als börsennotierte Aktiengesellschaft selbst ihren Aktionären und anderen Gruppe solche Rechenschaft schuldig.
Auch der GDV spendet zunächst Beifall. „Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist richtig und wichtig. Ohne hochwertige ESG-Daten sind keine nachhaltige Investitions- und Geschäftsentscheidungen möglich“, erklärt ein GDV-Sprecher gegenüber Pfefferminzia.
Manches Haus hat sogar schon vor der CSRD-Richtlinie seine Aktivitäten in Nachhaltigkeitsberichten zusammengefasst.
Zum Beispiel die R+V. „Auf freiwilliger Basis hat die R+V bereits seit zehn Jahren einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt und darin ihre Aktivitäten in Sachen Nachhaltigkeit gebündelt. Mit der neuen Berichtspflicht werden diese Themen künftig im R+V-Lagebericht verpflichtend aufgenommen und testiert“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.
Und Edzard Bennmann, Kommunikationschef bei der Signal Iduna, zieht bereits ein kleines Fazit: „Die Einführung der CSR-Berichtspflicht hat zunächst zu einer deutlich intensiveren Auseinandersetzung der Unternehmen mit Nachhaltigkeitsthemen geführt. Das hatte überwiegend positive Effekte: Nachhaltigkeitsstrategien wurden entwickelt und konkrete Ziele definiert.“
Was Versicherer an ihrer Pflicht, Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen, nervt, lesen Sie auf der zweiten Seite.
Doch nach all diesen Vorteilen kommt das große Aber. Denn gut gemacht ist die Richtlinie leider überhaupt nicht. So warnte Munich-Re-Mann Jurecka damals ebenfalls: „Dichte und Fülle der Berichtsanforderungen überfordern die Unternehmen. Nachhaltigkeitsberichte sollen keine Datenfriedhöfe werden.“
Es ist in der Tat der immense Aufwand, der die Kosten bei Unternehmen in die Höhe treibt. „In der Gesetzesbegründung wird der laufende Erfüllungsaufwand der Wirtschaft mit 1,58 Milliarden Euro jährlich angegeben. Damit ist das CSRD-Umsetzungsgesetz eines der teuersten Gesetzgebungsvorhaben der Bundesregierung. Nach Schätzung unserer Mitglieder können die tatsächlichen Umsetzungskosten um ein Vielfaches höher liegen“, so der GDV-Sprecher.
Zu konkreten Kosten äußerte sich beispielsweise die frisch fusionierte BarmeniaGothaer. „Allein die Kosten für Beratung, Prüfung eines Test-Reportings sowie für ein Tool zur Datenpflege belaufen sich auf rund eine halbe Million Euro“, sagt Svetlana Thaller-Honold, die das Nachhaltigkeitsmanagement leitet. Zukünftig würden aber noch weitere Kosten für Daten hinzukommen, die der Versicherer für weitere Berichte benötigt. „Beispielsweise für die Berechnung der Klimatransitionspläne oder der Emissionen, die durch die Versicherungsprodukte in unsere Klimabilanz einfließen“, so Thaller-Honold.
Auch die Signal Iduna hat auf Anfrage eine Zahl genannt. Dort kostet die neue Berichtspflicht laut Edzard Bennmann – ohne die Finanztöchter – etwa eine Million Euro im Jahr. Haben oder nicht haben.
Doch das ist nicht alles. Denn um diese Berichte erstellen zu können, sind – ohnehin schon knappe – Leute und Systeme nötig – die in der Zeit nichts anderes erledigen können. Opportunitätskosten nennt man solche entgangenen Gewinne in der Betriebswirtschaft. Oder wie es Ökoworld-Mann Pianowski auf den Punkt bringt: „Alle Zeit, die in das Reporting geht, fehlt woanders.“
Edzard Bennmann von der Signal Iduna wird deutlich: „Leider wurde der ursprüngliche Ansatz der Sensibilisierung durch eine stetig wachsende Anzahl an Verordnungen und Verpflichtungen durch staatliche Institutionen, insbesondere auf europäischer Ebene, konterkariert. Daher stimmt die These, dass aktuell mehr Ressourcen in die Berichterstattung als in konkrete Nachhaltigkeitsmaßnahmen fließen, zumindest teilweise.“
Es liegen also noch einige Stolpersteine auf dem wichtigen Weg zur sauberen und klimafreundlichen Arbeit. „Zielführende Nachhaltigkeitsberichte gibt es kaum oder womöglich überhaupt noch gar nicht“, bemängelt Pianowski und ruft zugleich deren Vorteil in Erinnerung: „Diese würden sämtliche Informationen liefern, um einzuschätzen, ob das Unternehmen so wirtschaftet, dass ein solches Wirtschaften die ökologischen Grenzen der Erde und die Menschenrechte respektieren würde. Es ist dafür nicht nötig, unzählige Datenpunkte zu liefern. Besser wäre es, sich auf wesentliche Messungen zu fokussieren.“
Vielleicht kommt das ja noch.
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.