Die große Autoreinigung

Woher die KFZ-Versicherung kommt, und wohin sie fährt

Die Reise der Preise geht weiter – nach wie vor wird es teurer, Schäden an Autos reparieren zu lassen. Die KFZ-Versicherer bekommen das zu spüren. Sie müssen also die Prämien kräftig erhöhen oder sich von Beständen trennen. Bei einigen hat das Großreinemachen schon begonnen.
Auto in der Waschanlage: Auch bei der KFZ-Versicherung hat das Großreinemachen begonnen
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Auto in der Waschanlage: Auch bei der KFZ-Versicherung hat das Großreinemachen begonnen

Der Kunde hat keinen Unfall, nicht mal einen kleinen Schaden. Er ist einfach nur ein Kunde, der Auto fährt. Und der seine KFZ-Versicherung beim HDI abgeschlossen hat – eine Haftpflicht und eine Teilkasko.

Doch vor allem Letztere bekommt in diesem Jahr einen saftigen Prämienaufschlag. Statt 411 Euro soll der Kunde seit Jahresmitte 654 Euro zahlen. Macht ein Plus von 59 Prozent. Dagegen legt die Haftpflicht um vergleichsweise gemäßigte 11 Prozent zu, von 362 auf 416 Euro.

Der Makler des Kunden heißt Norman Timmermann, arbeitet bei EFA Assekuranz und sitzt im sehr norddeutschen Tarp, ein paar Kilometer südlich von Flensburg. Er schraubt gern an Autos und kennt auch andere Autoschrauber. Was ihn besonders auf die Palme bringt, sind die Rechnungen aus Autowerkstätten. „Sie multiplizieren normale Rechnungen mit 1,5 bis 2, wenn es Versicherungsschäden sind. Mittlerweile sind in Vertragswerkstätten Stundensätze von über 200 Euro an der Tagesordnung. Hinzu kommen bei den Teilen rund 20 bis 30 Prozent Preisaufschlag auf den Einkaufspreis, bei Windschutzscheiben gerne 200 bis 300 Prozent“, prangert Timmermann an.

150 Euro im Einkauf, 600 Euro auf der Rechnung

Es ist als Auto-Normalverbraucher nicht einfach, ihm zu folgen. Er feuert die Zahlen nur so heraus. Er spricht von der Frontscheibe eines Fiat Ducato, die im Einkauf 150 Euro kostet, auf der Rechnung aber mit 600 Euro erscheint. Von Stundensätzen über 320 Euro bei Porsche. Und er zeigt eine Rechnung vor, in der die Frontscheibe eines Audi SQ7 als Teil rund 1.300 Euro kostet, die komplette Rechnung für den Wechsel aber bei 2.900 Euro endet. Neben der reinen Arbeitsleistung (2,9 Stunden à 199 Euro) taucht darin auch ein rätselhafter Posten namens „Mechanik 2“ auf – 4,4 Stunden für insgesamt 875 Euro. „Was soll das denn sein“, fragt Timmermann und: „Warum ­lassen sich Versicherer das bieten?“

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Timmermanns Fall ist nur ein Beispiel für die Umstände, in denen die Sparte KFZ-Versicherung derzeit steckt. Die Zahl der Autoschäden steigt, und die Kosten für jeden Schaden tun es im Durchschnitt auch. „Sowohl die Ersatzteile als auch die Arbeit in den KFZ-Werkstätten werden immer teurer. Im vergangenen Jahr kostete ein durchschnittlicher Sachschaden in der KFZ-Haftpflichtversicherung eines PKW etwa 4.000 Euro. 2013 waren es noch 2.500 Euro“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Versichererverbands GDV, Jörg Asmussen. Was dazu führt, dass die Prämien schon in diesem Jahr gestiegen sind. Die KFZ-Ver­sicherer fahren aber trotzdem einen Verlust von „bis zu 2 Milliarden Euro“ ein. Die Schaden-Kosten-Quote lag 2023 branchenweit bei verlustreichen 111 Prozent.

„Wir haben eine abnehmende Inflations­rate, aber die Werkstätten haben das noch nicht ganz verstanden“, fasst es Holger Iben von der Itzehoer im hauseigenen Pod­cast sehr schön zusammen. „Fairerweise muss man dazu sagen: In der Corona-Zeit hatten die Werkstätten keine Auslastung, da ging es uns Versicherern ein bisschen besser. Und jetzt ist es gerade andersherum“, so der Leiter des Maklervertriebs.

„Hagelintensives Jahr“ für die KFZ-Versicherung

Doch es liegt nicht ausschließlich an den Werkstätten. So merkt eine Sprecherin der VHV Allgemeinen an, dass auch Elementarereignisse eine Rolle spielen: „Beispielsweise war 2023 ein äußerst ­hagelintensives Jahr.“ Einen anderen ­Aspekt führt Holger Ibens Stellvertreterin bei der Itzehoer, Jennifer Sals, an. Weil Ersatzteile wegen Lieferengpässen nicht rechtzeitig hereinkommen, erhöhen sich auch Kosten in der zweiten Reihe: Standzeiten der Autos verlängern sich, wodurch die Kunden auch länger Ersatzwagen brauchen. Sals spricht von zwei Wochen statt nur zwei Tagen.

Bei Audi verweist man auf die Freiheit der Märkte. „Die Betriebe passen die Stundenverrechnungssätze unter Berücksichtigung der Inflation und Lohnkostenentwicklung eigenständig an deren lokale Marktverhältnisse an“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Dass man als Autohersteller die Preise im Handel beeinflusst, verbiete schon das Kartellrecht. Und eine Windschutzscheibe auszutauschen kann wegen der vielen Fahrassistenzsysteme länger dauern. Die müsse man alle wieder neu einstellen.

Seite 2: Die Reißleine des HDI

Das alles passiert ausgerechnet in einer Situation, in der den Versicherern die Finanzaufsicht Bafin im Nacken sitzt. Denn deren Versicherungs-Chefaufseherin Julia Wiens machte im April deutlich, dass sie die Sparte auf dem Kieker hat. „Vor allem in der KFZ-Versicherung waren die Prä­miensteigerungen branchenweit nicht deutlich genug, um das Geschäft profitabel zu betreiben“, sagte sie. „Die klare Erwartungshaltung ist, dass die Versicherer im nächsten Jahr weiter nachbessern, wenn es erforderlich ist.“ Heißt auf deutsch: Rauf mit den Prämien!

HDI beendet KFZ-Versicherung über Maklerpools

Die KFZ-Versicherer haben die Botschaft offenbar verstanden, denn sie bessern bereits nach. Neben den enorm hochgezogenen Beiträgen fährt der eingangs erwähnte HDI beispielsweise sein KFZ-Geschäft zurück, indem er es mit Maklerpools komplett beendet. Ein entsprechendes Rundschreiben hatte er im Juli verschickt.

„Offenbar sollen diese Maßnahmen die Ausschließlichkeitsorganisation des HDI ausdrücklich nicht betreffen. Auch ausgewählte Direktanbindungen von Maklern bleiben scheinbar verschont“, meinte der Branchenspezialist Stephan von Heymann damals auf der Plattform Linkedin. Auf eine entsprechende Nachfrage antwortete ein Sprecher des HDI: „Die Maßnahmen erfolgen strikt datenbasiert auf der Grundlage von Schadenquoten und Schadenerwartungen.“

Auch von Heymann kann nur vermuten, warum der Vertriebskanal über Maklerpools hier im Mittelpunkt steht. Höhere Kosten oder ungünstigere Schadensverläufe bei Poolbeständen könnten wohl eine Rolle spielen, schätzt er. Allerdings verliefen die Maßnahmen entgegen dem allgemeinen Trend, nach dem sich die meisten Maklerversicherer eigentlich zunehmend auf Pools fokussieren.

„Fortschreitend schlechte Marktlage/Schadenquote“

Doch HDI steht mit seinen Maßnahmen nicht allein. Auch die Rhion.Digital dampfte die Sache leicht ein, indem sie die KFZ-Zusammenarbeit mit der Dema Deutsche Versicherungsmakler und alle Verträge zum Jahresende beendet. „Maßgeblicher Grund ist die fortschreitend schlechte Marktlage/Schadenquote“, heißt es dazu offiziell. Aber das Haus bestätigt auch den Einzelcharakter der Maßnahme, indem es weiter verlauten lässt: „Die Abgabe weiterer Teilbestände ist nicht beabsichtigt. Auch weiterhin wird die Rhion als etablierter Maklerversicherer KFZ-Neugeschäft zeichnen.“

Es sind zwei Beispiele dafür, wie die Branche den Staubsauger rausgeholt hat und reinemacht. Branchenweit könnte sich das Angebot eher ausdünnen, meint Iben. „Kleine Anbieter werden sich sicherlich mehr und mehr aus diesem Bereich zurückziehen und auf Experten als Kooperationspartner zugehen, um diese Sparten trotzdem weiterhin bedienen zu können.“

Welche Versicherer in der KFZ-Versicherung bisher am stärksten gewachsen sind
Welche Versicherer in der KFZ-Versicherung bisher am stärksten gewachsen sind

Doch irgendwo müssen die Kunden hin. Norman Timmermann, der an den Maklerpool Clarus angeschlossen ist, hat wie alle anderen Makler dort auch die Möglichkeit bekommen, seine KFZ-Kunden zur gleichen Prämie wie der vorangegangenen umzudecken. Mehr Details wollen die Beteiligten dazu nicht bekanntgeben.

Auch andere Versicherer dürfen (oder eher: müssen?) sich über viel Neugeschäft freuen und denken gar nicht daran, es zurückzufahren. Zum Beispiel die eingangs erwähnte Itzehoer. „Wenn man ehrlich ist, hat es uns ein Stück weit überrollt, weil wir so viel nicht geplant hatten und eigentlich auch gar nicht haben wollten“, räumt Holger Iben im Podcast ein. Zurückfahren will man es aber nicht. „Fast drei Viertel unserer Beiträge stammen aus dem KFZ-Geschäft. Es ist die dominante Sparte bei uns, insofern hat es bei uns ganz klar eine Zukunft“, so Iben auf Anfrage. „Wir gehören heute schon zu den 20 größten KFZ-Versicherern und hätten nichts dagegen, diese tolle Position mit weiterem Wachstum entsprechend auszubauen.“

VHV hält am KFZ-Bereich fest

Ähnliches hört man von der ebenfalls stark am Markt vertretenen VHV. Zunächst sieht es dort angesichts einer Schaden-Kosten-Quote von „nur“ 106,2 Prozent nicht ganz so schlimm aus wie im Gesamtmarkt im Schnitt. So bekräftigt man denn auch auf Nachfrage: „Wir halten am KFZ-Bereich fest, der bei uns einen großen Teil unseres Geschäfts ausmacht. Gleichzeitig beobachten wir aber intensiv, wie sich die Kraftfahrzeugbranche und die Mobilität stetig weiterentwickeln und sich neue Anforderungen an die Kraftfahrzeugversicherung ergeben. Wir sehen dem aber positiv entgegen.“

So optimistisch sind nicht alle. Beim GDV rechnet man fürs laufende Jahr mit einer Schaden-Kosten-Quote von noch immer 106 Prozent und nicht mal für 2025 mit einer unter 100. Bei der VHV will man durch spezielle Maßnahmen die Kosten dämpfen. „Hier sind digitale Tools und automatisierte Prozesse fester Bestandteil unserer täglichen Arbeit. KI-basierte Lösungen, wie zum Beispiel ein Hagelscanner, können dabei helfen, Schäden schneller zu begutachten, zu regulieren und damit die Bearbeitungszeiten zu verkürzen. Das verbessert den Kundenservice und wirkt gleichzeitig kostendämpfend“, so die Sprecherin.

„Mit starkem Wachstum allein wird die Schaden-Kosten-Quote nicht wieder auf gesunde Füße gestellt“, zeigt sich Itzehoer-Mann Holger Iben realistisch. Aktuell sei es wichtiger denn je, mithilfe „modernisierter Workflows und hohem Grad an Digitalisierung die Prozesse zu optimieren“.

GDV beobachtet Entwicklung mit Sorge

Kaum Hilfe ist hingegen vom Branchenverband zu erwarten. „Wir sind uns der Problematik und der damit einhergehenden Belastung der Versichertengemeinschaft bewusst. Das ist eine Entwicklung, die wir mit großer Sorge beobachten“, heißt es auf Anfrage vom GDV. Wenn man aber nach konkreten Gesprächen mit der Autobranche oder Druckaufbau fragt, kommt: nichts.

Makler Norman Timmermann indes hat generell nur noch geringe Lust, neue HDI-Policen abzuschließen. Auch auf anderen Gebieten nicht. Und sein KFZ-­Kunde? Nun, der hätte ohnehin eine andere Police gebraucht. Er wollte sein Auto sowieso verkaufen – und hat das jetzt auch getan.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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