Kommentar

Wie Fitness-Armbänder steigende Gesundheitskosten abbremsen können

Die Selbstvermessung der Menschen über Fitness-Armbänder & Co. wird immer beliebter. Man hat als Verbraucher angesichts der immer weiter steigenden Gesundheitskosten auch gar keine andere Wahl, als aktives Selbstmanagement zu betreiben, ist Versicherungs- und Vertriebsexperte Boris-Alexander Beissner überzeugt. Wie die Fitness-Tracker die Kostenbelastung abbremsen könnte, erklärt er in seinem Kommentar.
© dpa/picture alliance
Verbraucher schauen sich in einem Apple Store die Apple Watch an: Solche Fitness- und Gesundheitstracker könnten die Kosten im Gesundheitsbereich reduzieren helfen, meint Boris-Alexander Beissner.

Sport dient dazu, den Menschen zu ertüchtigen, ihn fit zu halten. Die tägliche Jogging-Runde um den See, der Gang ins Fitnessstudio – all das, um gesund zu bleiben und um länger zu leben.

Nun gibt es eine neue technische Entwicklung, die uns Menschen dabei unterstützen soll. Die uns „selbstoptimieren“ soll. Es geht um sogenannte Wearables. Das sind Fitness-Armbänder oder auch Computer-Uhren, die man am Handgelenk trägt und die Daten von Körperfunktionen wie Puls, Ruhephasen, Blutzucker, Blutdruck oder Schrittzahl sammeln, messen und vergleichen, die bei einer Sporteinheit anfallen.

Dieses Jahr hat es einen Run auf diese Produkte gegeben. Die Hersteller versprechen sich gute Geschäfte und der Trend zur Selbstoptimierung wird weiter steigen. Diese Selbstvermessung ist auch unter dem Stichwort „Quantified Self“ bekannt, und ist im Augenblick noch eine technische Spielerei, aber das Bewusstsein, die Eigenmotivation wird gestärkt.

Diese Datensammlung hat natürlich Verbraucherschützer auf den Plan gerufen, die vor gläsernen Menschen warnen. Denn diese Daten sind begehrt. Ob es nun die Krankenkasse oder der eigene Versicherer ist – mit diesen Daten lassen sich Versicherungstarife besser kalkulieren beziehungsweise optimieren. Denn der Verbraucher soll belohnt werden und er ist bereit dazu.

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Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Dr. Grieger & Cie. würden 54 Prozent der Deutschen selbst erhobene Daten zum Bewegungsverhalten an die Krankenkasse weitergeben. Immerhin 21 Prozent wären sogar schon für einen Bonus von 50 Euro im Jahr dazu bereit. 21 Prozent der deutschen Bevölkerung erheben Daten zu ihrem eigenen Leben. Hierbei bilden Fitness- und Gesundheitsdaten, die von 18 Prozent erfasst werden, den größten Anteil.

Die ständig steigenden Kosten im Gesundheitsbereich lassen uns Verbrauchern keine Wahl, als aktiv ein gesundheitliches Selbstmanagement zu führen und das Kostenbewusstsein zu stärken.

Seit 1992 bis 2014 haben sich die Gesundheitsausgaben laut Statistischem Bundesamt nahezu verdoppelt von 1.200 Euro auf 2.400 Euro pro Einwohner. Davon entfiel der größte Teil, nämlich rund 70 Prozent, auf Medikamente, ärztliche Leistungen und therapeutische oder pflegerische Leistungen.

Der ökonomische Effekt durch diese Kostenbelastung ist erheblich und belastet sowohl den einzelnen Haushalt, als auch die Gesamtwirtschaft. Er könnte durch die technischen Möglichkeiten, wie sie etwa Wearables bieten, unter Umständen aber abgebremst werden. Hierzu mal einige Überlegungen.

Überdiagnosen lassen sich möglicherweise verhindern

Die Digitalisierung bietet die Chance, Probleme zu lösen, welche die Gesundheit der Verbraucher in der analogen Welt bisher beeinträchtigt haben: Zum einen kann die Patientensicherheit durch die vernetzte Erhebung und Bereitstellung von Patienten- und Behandlungsinformationen (Stichwort Gesundheitskarte) erhöht und Fehler vermieden werden. Hier sind jedoch Fragen des Datenschutzes aus Sicht der Patienten zu beachten. Auch eine digital etablierte Sicherheitskultur mit Fehlerberichtssystemen in medizinischen Einrichtungen und digitale Pflegeplanung in der ambulanten Pflege können die Patientensicherheit stärken.

Es lassen sich Überdiagnosen und Überbehandlungen durch die Digitalisierung adressieren, indem digital kommunizierte wissenschaftliche Evidenz zu medizinischen Angeboten die Verbraucherinnen und Verbraucher transparent über deren potenzielle Nutzen und Folgeschäden aufklärt.

Damit ändert sich das Arzt-Patienten-Verhältnis: Ärzte müssen gegebenenfalls ihre Verordnungen und Behandlungsvorschläge den informierten Patienten gegenüber rechtfertigen. Unnötigen medizinischen Leistungen kann so im Idealfall vorgebeugt werden.

Überschreitungen von Grenzwerten als frühes Warnsignal

Durch neue Techniken der Selbstvermessung (Apps, Wearables) besteht das Potenzial für ein kontinuierliches, hochaufgelöstes Bild des Individuums. Überschreitungen von individuellen Grenzwerten kann man so frühzeitig und unabhängig von einem Arztbesuch erkennen und präventiv das eigene Verhalten ändern. Risiken bestehen aber, wenn die Messwerte nicht nur zuverlässig erhoben, sondern hinsichtlich der Reichweite ihrer Aussagen auch verstanden werden müssen.

Der Nutzer muss unter Umständen einen falschen Alarm einschätzen und zufällige Variationen der Messwerte verstehen können. Um die Gefahr von unnötiger Angst und, als Folge, einer Belastung des ersten Gesundheitssystems durch Überdiagnose und Überbehandlung zu reduzieren, sollte der Nutzer gesundheitstechnisch aufgeklärt werden. Hinzu kommt, dass für den Verbraucher vielfach nicht ersichtlich ist, welche gesundheitsbezogenen Daten von wem für welchen Zweck gesammelt und mit anderen Daten zusammengeführt werden.

Betrugsfälle im System identifizieren

Die Sammlung und Auswertung gesundheitsbezogener Daten auf Ebene der Big-Data-Analysen bietet das Potenzial, neue Hypothesen über medizinische Kausalzusammenhänge zu generieren, Krankheitsentwicklungen auf Bevölkerungsebene zu verfolgen, Betrugsfälle im System zu identifizieren, welche auf Kosten der Verbraucher gehen, aber auch individuelle Fälle zu charakterisieren und personalisierte Therapieoptionen vorzubereiten. Ein Missbrauchspotenzial der Daten besteht und ist eng mit der Frage nach Zugriffsrechten und Datensicherheit verbunden.

Die angestrebte Partizipation der Patienten verlangt Verbraucherkompetenzen, die mittels der Digitalisierung im Gesundheitswesen angestrebt werden. Transparente Aufklärung zu konkreten medizinischen Angeboten könnte flächendeckend allgemeinverständlich und geräteunabhängig über zuverlässige Quellen bereitgestellt werden.

Über den Autoren

Boris-Alexander Beissner arbeitete bis Juni 2016 als Senior Business Consultant Versicherung bei MSG Systems AG. Zuvor war er unter anderem Dozent und arbeitete über 15 Jahre bei der Allianz Beratungs und Vertriebs AG.

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