Katastrophenschäden auf Rekordkurs

Warum 100 Milliarden Dollar kein Ausnahmejahr mehr sind

Naturkatastrophen werden für Versicherer teurer: Der Datendienstleister Verisk beziffert den weltweit erwarteten durchschnittlichen Jahresschaden inzwischen auf 171 Milliarden US-Dollar. Doch was treibt die Schäden, welche Gefahren wiegen besonders schwer – und wie groß ist die Versicherungslücke?
Waldbrand nahe Big Sur in Kalifornien: Auch ohne Hurrikan steigen die Katastrophenschäden
© picture alliance / Sipa USA | SOPA Images
Waldbrand nahe Big Sur in Kalifornien: Auch ohne Hurrikan steigen die Katastrophenschäden

Ein Jahr ohne schweren Hurrikan-Treffer in den kontinentalen USA müsste für die Versicherungswirtschaft eigentlich ein gutes Jahr sein. 2025 zeigt jedoch, wie trügerisch diese Annahme geworden ist. Erstmals seit zehn Jahren traf kein Hurrikan das US-Festland – und trotzdem überschritten die weltweit versicherten Schäden durch Naturkatastrophen erneut die Marke von 100 Milliarden US-Dollar. Es ist bereits das sechste Jahr in Folge oberhalb dieser Schwelle.

Der neue „Global Modeled Catastrophe Losses Report 2026“ des Datendienstleisters für die Versicherungsbranche, Verisk, zeigt, dass dahinter mehr steckt als eine Serie unglücklicher Jahre. Der Modellierer beziffert den weltweit erwarteten durchschnittlichen versicherten Jahresschaden – den Average Annual Loss (AAL) – inzwischen auf 171 Milliarden Dollar. 2012 waren es nach damaligem Modellumfang noch 59 Milliarden Dollar. Allerdings ist dieser Vergleich mit Vorsicht zu lesen: Seither wurde die Modellabdeckung erheblich erweitert, und Methode sowie Datengrundlage wurden weiterentwickelt.

Versicherte Katastrophenschäden weltweit

Der Trend weist deutlich nach oben. Verisk bezifferte den modellierten globalen AAL 2021 noch auf 87 Milliarden Dollar. Für 2026 liegt der Wert nun bei 171 Milliarden Dollar.

Wichtig ist allerdings, was diese Zahl bedeutet – und was nicht. Die 171 Milliarden Dollar sind keine Prognose für die Schäden des Jahres 2026. Der AAL beschreibt vielmehr den langfristig zu erwartenden durchschnittlichen Jahresschaden auf Grundlage einer Vielzahl modellierter Katastrophenjahre. Ein einzelnes Jahr kann weit darunter oder darüber liegen. Verisk weist ausdrücklich darauf hin, dass reale Jahre kaum genau der langfristigen durchschnittlichen Verteilung entsprechen werden.

Die tatsächlichen versicherten Schäden der vergangenen fünf Jahre lagen im Schnitt bei 139 Milliarden Dollar. Für Verisk sind die hohen Schäden der jüngeren Vergangenheit deshalb keine statistischen Ausreißer, sondern mit dem modellierten Risikoniveau vereinbar.

Warum werden die Schäden größer?

Verisk findet vier wesentliche Faktoren.

Erstens verändert sich das Klima. Katastrophenmodelle müssen deshalb das heutige beziehungsweise „near-present“ Klima berücksichtigen und können sich nicht allein auf historische Beobachtungen verlassen. Veränderungen von Meerestemperaturen und großräumigen Klimamustern beeinflussen beispielsweise Hurrikane, Überschwemmungen, schwere Gewitter, Winterstürme und Waldbrände.

Zweitens spielt der sogenannte Demand Surge eine Rolle. Nach großen Katastrophen steigt gleichzeitig die Nachfrage nach Baumaterial, Handwerkern und Dienstleistungen. Engpässe verteuern und verzögern den Wiederaufbau. Weltweit trägt dieser Effekt laut Verisk rund 15,7 Milliarden Dollar beziehungsweise 10 Prozent zum modellierten AAL bei.

Drittens kommt es darauf an, welche Gebäude wo stehen und wie verwundbar sie sind. Alter und Konstruktion eines Gebäudes, Nutzung, Dachform und -zustand oder geltende Baustandards können erhebliche Unterschiede verursachen.

Der vierte Faktor ist besonders wichtig: Es gibt schlicht immer mehr und immer wertvollere Gebäude, die Naturgefahren ausgesetzt sein können. Von 2021 bis 2025 wuchs die Immobilienexponierung in den von Verisk modellierten Ländern durchschnittlich um etwa 7 Prozent pro Jahr.

Welche Katastrophen verursachen die Schäden?

Da verschiebt sich was. Schwere Gewitter stehen mit 40 Prozent inzwischen an erster Stelle. Tropische Wirbelstürme kommen auf 27 Prozent und Erdbeben auf 10 Prozent. Winterstürme machen 9 Prozent aus, Überschwemmungen 7 Prozent und Waldbrände 6 Prozent.

Damit stammt ein erheblicher Teil des Risikos nicht aus den seltenen Mega-Katastrophen, die weltweit Schlagzeilen machen. Gerade kleinere und mittlere Ereignisse können ein Versicherungsjahr teuer machen. 2025 ist dafür das Musterbeispiel: Trotz ausgebliebenen Hurrikan-Landfalls in den kontinentalen USA überschritten die Schäden 100 Milliarden Dollar, unter anderem aufgrund der verheerenden Waldbrände sowie zahlreicher schwerer Gewitter.

Wie sieht es in Europa aus?

Europa ist nach Nordamerika die Region mit dem zweithöchsten modellierten versicherten AAL. Verisk kommt hier auf 24 Milliarden Dollar pro Jahr.

Noch interessanter wird das Bild, wenn nicht nur Versichererschäden betrachtet werden. Verisk schätzt Europas gesamten wirtschaftlichen AAL auf 110 Milliarden Dollar. Davon sind lediglich etwa 22 Prozent versichert. Zum Vergleich: In Nordamerika liegt der versicherte Anteil bei rund 53 Prozent.

Damit führt auch in Europa eine Naturkatastrophe nicht nur zu Versicherungsleistungen. Ein großer Teil der Schäden verbleibt bei Privathaushalten, Unternehmen oder dem Staat.

Was ist der „Global Protection Gap“ – und wie lässt er sich schließen?

Genau diese Differenz bezeichnet Verisk als Protection Gap: die Lücke zwischen dem gesamten volkswirtschaftlichen Schaden einer Katastrophe und dem Teil, der durch Versicherungen gedeckt wird.

Global schätzt Verisk den wirtschaftlichen AAL auf rund 450 Milliarden Dollar, während der versicherte AAL bei 171 Milliarden liegt. Nach der zugrunde gelegten Schätzung sind weltweit nur rund 38 Prozent der wirtschaftlichen Naturkatastrophenschäden versichert. Verisk weist allerdings ausdrücklich auf die Unsicherheit dieser Schätzungen hin.

Schließen lässt sich die Lücke vor allem, indem Versicherungsschutz verfügbarer und stärker genutzt wird. Verisk sieht darin nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern ausdrücklich auch eine Wachstumschance für Versicherer. Bessere Risikomodelle können dabei helfen, Risiken differenzierter zu bepreisen und überhaupt versicherbar zu halten.

Was bedeutet das für die Prämien?

Die Studie beschreibt einen interessanten Zielkonflikt. Einerseits zeigt sie einen sich abschwächenden beziehungsweise weicheren Versicherungsmarkt mit dünneren Preisen und lockereren Bedingungen. Andererseits steigen die zugrunde liegenden Schadenpotenziale. Gerade deshalb warnt Verisk davor, sich durch einzelne günstig verlaufende Jahre zu entspannterem Underwriting verleiten zu lassen.

Genau darin liegt vielleicht die wichtigste Botschaft des Reports: Ein ruhiges Jahr bedeutet nicht, dass das Risiko verschwunden ist. Die entscheidende Frage für Versicherer ist weniger, ob irgendwann ein außergewöhnlich teures Jahr kommt. Entscheidend ist, ob Preise, Rückstellungen, Rückversicherung und Kapitalausstattung darauf vorbereitet sind. Denn die Modelle zeigen: Ein globales Schadenjahr jenseits der 200-Milliarden-Dollar-Marke ist keineswegs ein Szenario außerhalb des Erwartbaren.

Für die Prämienkalkulation bedeutet das: Versicherer müssen ein langfristig hohes und wachsendes Katastrophenrisiko einpreisen. Hinzu kommen steigende Wiederaufbauwerte und Demand-Surge-Effekte. Verisk empfiehlt deshalb unter anderem detailliertere Gebäudedaten, präzise Geokodierung und laufend aktualisierte Wiederbeschaffungswerte als Grundlage der Risikobewertung und Preisfindung.

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Autorin

Minzia Kolberg ist seit Mai 2025 Teil der Pfefferminzia-Redaktion. Dabei ist Minzia nicht von dieser Welt: Sie ist eine KI-basierte Redaktionsassistentin, trainiert auf Fachinformationen, Branchentrends und den Stil von Pfefferminzia. Ihre Texte entstehen im engen Zusammenspiel mit der Redaktion. Minzias erklärtes Ziel: Inhalte liefern, die nicht nur informieren, sondern Mehrwert schaffen – sachlich, pointiert und immer mit einer Prise frischer Minze.

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